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Von der Brauchbarkeit der Stasi-Akten  (Heinrich Fink)
Am 22. Juni 1991 erhielt Professor Dr. Peter Althaus, Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie an der Berliner Charité, seine fristlose Kündigung. Grund: informeller Mitarbeiter der Stasi, aktenkundig, bestätigt durch die Gauck-Behörde. Der neue Dekan Harald Mau hatte Althaus weder von dem Antrag zur Überprüfung seiner Stasi-Akten informiert noch zu den Stasi-Vorwürfen befragt. Auch die Humboldt-Universität und ich als ihr Rektor, Arbeitgeber des Kollegen Althaus, wurden übergangen. Ich erfuhr davon über eine Mitarbeiterin von Althaus, die sich bei mir über seine Entlassung beschwerte.

Das Presseecho am nächsten Tag überraschte mich nicht, wußte ich doch, wie erbarmungslos die Humboldt-Universität und ihre Uni-Klinik, die Charité, durch immer neue Stasi-Vorwürfe herausgefordert werden sollte, ihre angebliche Demokratieunfähigkeit zu beichten. Dem mittelalterlichen Sündenspiegel waren Stasi-Kontakte als nicht vergebbare Untaten hinzugefügt worden. War Althaus’ fristlose Entlassung als ein Pilotprojekt zu verstehen?

Der Morgen schrieb bereits ausführlich über »die Charité – ein Tummelplatz der Staatssicherheit«, gestützt auf Zitate von Mau und der neuen Personalchefin Zuhrt. In der Frankfurter Allgemeinen las man: »Die Selbstreinigungskräfte sind dem roten Filz nicht gewachsen.« Die Charité werde mit dem Erbe der SED nicht fertig. Am 31. Mai titelte der Berliner Kurier: »Charité: »Die höchsten Chefs waren Spitzel« und teilte zugleich mit: »Nachfolger werden schon gesucht.« Der Spiegel wußte dann in einem fünfseitigen Artikel sogar zu berichten, an der Charité hätten sich Mediziner »gegen jede Standesregel« auch an Menschenversuchen beteiligt. »Der Berliner Wissenschaftssenator Manfred Erhard, CDU, dem die Universitätsklinik untersteht, ist geschockt, mit welcher kriminellen Energie und Phantasie Charité-Mediziner dem SED-Regime zu Willen waren.«

Schon monatelang war in der Presse spekuliert worden, ob in Berlin künftig noch drei Universitätskliniken finanziert werden könnten. Nur mit aktuellen Skandalgeschichten konnte es vielleicht gelingen, die ehrwürdige Tradition der Charité zu lädieren, die bereits 281 Jahre Medizingeschichte geschrieben hatte.

Es blieb nicht beim Fall Althaus. Fristlose Entlassungen weiterer Kollegen der Charité folgten – Schlag auf Schlag. Täglich waren Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen mit Skandalgeschichten angefüllt. Andererseits wurden Proteste aus der Bevölkerung und vor allem von Charité-Mitarbeitern laut, die ihren Unmut über die Kampagne unter anderem in einer Veranstaltung der Berliner Ärztekammer zum Ausdruck brachten. Zu dieser Veranstaltung war Joachim Gauck als offizieller Verwalter der Stasi-Akten eingeladen. Er begann seinen Beitrag mit den Worten, daß er gern in die »Stätte der Begünstigten« – so nannte er die Charité – gekommen sei. Die Diskussion mit ihm war hart und manchmal heftig. Politische Ohnmachtsgefühle von Charité-Mitarbeitern machten sich Luft. Dekan Mau und Akten-Verwalter Gauck wurden öffentlich verdächtigt, Stellen in der hoch angesehenen Charité für Professoren aus dem Westen »freizuschießen«. Gauck erwiderte: »Die Bürger haben ein Recht darauf, daß sie in Krankenhäusern, Rathäusern und Chef-Etagen nicht auf Leute stoßen, die sich mit der Stasi gemein gemacht haben.« Mau: »Wer an einer freien und neuen Universität lehrt, muß clean sein.« Die Ordinarien seien aber nicht clean. »Wenn einer, ein Operateur (gemeint war Althaus; H. F.), öffentlich behauptet, er habe nichts unterschrieben, dann lügt er.«

Inzwischen protestierten nicht nur Angehörige der Charité gegen Althaus’ Entlassung, sondern auch viele dankbare Patienten, denen er durch Nierentransplantationen das Leben gerettet hatte. Unverständnis für die Entlassung bekundeten auch viele seiner Kollegen, prominente Wissenschaftler von europäischen und außereuropäischen Universitäten, aus Rußland und aus US-Amerika. Bekannte Schriftsteller wie Stephan Heym, Christa Wolf, Walter Kaufmann und Heiner Müller setzten sich für Althaus ein. Sie forderten Akteneinsicht für seine Anwälte. Eine Bürgerinitiative, die sich montags regelmäßig auf dem Alexanderplatz an der Weltzeituhr traf, angeführt von Käthe Reichel, rief zum öffentlichen Protest gegen die Entlassungen und gegen die Diffamierung der Charité auf.

Auf meinen sofortigen Einspruch beim Senator gegen die fristlose Kündigung von Althaus und gegen die Ignorierung der Universitätsleitung mit der Bitte um ein klärendes Gespräch sowie um eine persönliche Anhörung von Althaus erhielt ich nicht einmal eine Eingangsbestätigung.

Althaus hatte inzwischen öffentlich erklärt, daß er zu keiner Zeit wissentlich inoffizieller Mitarbeiter der Stasi gewesen sei. Das versicherte er auch gegenüber der Berliner Zeitung: Darstellungen in der Presse, wonach er Anfang der 1970er Jahre Stasi-Berichte über den Zustand einer von ihm mit aufgebauten Dialysestation in Halle geschrieben habe, seien falsch. Ihn empöre, daß er zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen weder gefragt noch gehört werde.

Nachdem Klage erhoben war, erhielten die Anwälte Einsicht in die Akten bei der Gauck-Behörde. Dort befand sich eine Verpflichtungserklärung mit der Unterschrift »Peter Althaus«. Ein graphologischer Gutachter stellte fest, daß sie gefälscht war. Die Erklärung war in Maschinenschrift und nicht wie üblich handschriftlich angefertigt worden. Außerdem fehlte ein vereinbarter Deckname. In den Akten waren keinerlei Berichte von Althaus zu finden, auch keine Arbeitsakte eines Mitarbeiters des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Anwälte stellten fest, daß Althaus nach bisherigen Erkenntnissen zu keinem Zeitpunkt für das MfS gearbeitet habe. Das Gericht kam bei der Verhandlung zu keinem anderen Ergebnis und sprach den Verleumdeten von der Beschuldigung, für das MfS gearbeitet zu haben, frei – nach anderthalb Jahren.

Das kleinlaute Angebot, bei vollem finanziellen Ausgleich an die Charité zurückzukehren und die alte Aufgabe wieder aufzunehmen, lehnte Peter Althaus nach diesen Demütigungen ab: Er hatte sich nach der verleumderischen Kampagne einen neuen Arbeitsort gesucht und ihn im evangelischen Krankenhaus in Berlin-Lichtenberg gefunden. Dort konnte er eine urologische Chirurgie aufbauen, seine Erfahrungen einbringen und seine kollegiale internationale Zusammenarbeit fortsetzten.

Bevor ich diesen Beitrag für Ossietzky schrieb, sprach ich noch einmal mit Althaus über die damalige Hetzjagd. Er sagte: »Die Kampagne gegen mich spricht gegen diejenigen, die die Universität und die Charité politisch ›säubern‹ wollten. Ich habe seitdem in meiner ärztlichen Verantwortung unbeirrt Patienten das Leben erleichtert und manche sogar gerettet. Das war besser als jede Entschädigung (die ich abgelehnt habe).«

Heinrich Finks Artikelserie mit Erinnerungen an die Berliner Humboldt-Universität in der Wendezeit begann mit »Wer denkt noch an die Studenten?« (Ossietzky 2/11), »Die Abwicklung des Rudolf Bahro« (Heft 3/11) und »Erwin Chargaffs Mahnungen« (Heft 5/11).