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Titel0611

Vergangenheitsbewältigung in Uelzen  (Borvin Wulf)
Einflußreiche Kommunalpolitiker in Uelzen beabsichtigen, die Geschichte zurückzudrehen. Mit einem Bürgerbegehren und einem nachfolgenden Bürgerentscheid soll die Straße »Am Stadtgut« wieder zur »Farinastraße« werden. So hieß sie seit Anfang der 1950er Jahre bis 2010, benannt nach dem ehemaligen NS-Bürgermeister Johann Maria Farina.

Im Januar vergangenen Jahres hatte sich die Initiative »Keine Nazi-Straßennamen in Uelzen« gegründet. Neben dem ehemaligen Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, der sich während der NS-Zeit im damaligen Reichsprotektorat Böhmen und Mähren an arisiertem jüdischen Eigentum in großem Stil bereichert hatte und später zu den schlimmsten Revanchisten innerhalb der »Sudetendeutschen Landsmannschaft« zählte, so daß sich selbst Konrad Adenauer von ihm – wenn auch milde – distanzierte, sollte besonders auch jener einstige Bürgermeister Farina nicht mehr mit Straßenschildern geehrt werden, der vom ersten bis zum letzten Tag des NS-Regimes Leiter der Stadtverwaltung (dies schon seit 1913) und zugleich Polizeichef von Uelzen war. Zu den Aufgaben von Bürgermeistern im NS-Staat gehörte – um hier nur einige wenige Beispiele zu nennen –, bei der Arisierung jüdischen Vermögens und der Zwangssterilisierung sogenannter Volksschädlinge zu helfen, für die Durchsetzung der Rassengesetze zu sorgen, der Gestapo sowie der sogenannten Kinderfachabteilung in Lüneburg zuzuarbeiten, wo »rassenhygienisch« stigmatisierte, geistig und körperlich »unerwünschte Kinder« von Sinti und Roma, Juden und »Ostarbeitern« »abgespritzt«, das heißt ermordet wurden.

In Farinas Verantwortungsbereich fiel zum Beispiel auch der Justizmord an dem Zwangsarbeiter Heinrich Wieszczeczynski. Im Oktober 1942 wurde der Pole in Uelzen verhaftet, weil er mit einem Arbeitskollegen beim Reinigen von Eisenbahnwaggons in Streit geraten war und sich geprügelt hatte. Pech für ihn, daß sein Arbeitskollege ein sogenannter Volksdeutscher war. Wieszczeczynski wurde im Januar 1943 im Stadtpark vor den Augen der herbeigeschafften anderen Zwangsarbeiter erhängt. Sie sollten sehen, was ihnen blüht, wenn sie nicht parieren. Farina, der glühende Nazi, zog selbstverständlich nicht mit eigenen Händen am Strang.

Der Stadtrat debattierte und entschied dann im Juni 2010 mit knapper Mehrheit (20:17), beide Straßen umzubenennen; SPD, FDP und Grüne stimmten für die Straßenumbenennungen, die CDU geschlossen dagegen. Im Dezember standen dann die neuen Straßennamen zur Abstimmung. Zuvor war die Bevölkerung aufgerufen worden, Vorschläge einzureichen. 51 Vorschläge gingen ein, darunter einige mit den Namen von Uelzener NS-Opfern. Der DGB schlug vor, den einstigen Gewerkschaftssekretär Emil Seidenschnur zu ehren, der im Mai 1933, zusammen mit SPD- und KPD-Stadtverordneten, mit ausdrücklicher Billigung Farinas ins KZ Moringen deportiert worden war. Uelzens derzeitiger Bürgermeister Otto Lukat (SPD) gab jedoch gleich zu Beginn der Stadtratssitzung die gewünschte Richtung vor, indem er erklärte, Namen von NS-Opfern wünsche man in Uelzen nicht auf neuen Straßenschildern, »weil das die Einwohner überfordern würde«; außerdem sei es überflüssig, weil es am Rathaus bereits ein Mahnmal gebe. Die neuen Straßennamen, so erklärte Lukat, sollten möglichst einen neutralen lokalen Bezug haben. Und so kam es: Die Seebohmstraße erhielt den Namen Am Funkturm, und aus der Farinastraße wurde Am Stadtgut. Gleichzeitig wurde beschlossen, nach Anbringung der neuen Straßenschilder die alten noch ein Jahr lang hängen zu lassen, allerdings durchgestrichen mit einem roten Balken. Kurz zuvor, am Totensonntag, hatte Uelzens Stadtverwaltung, ganz offiziell, auf Farinas Grab einen großen Kranz mit Schleife niedergelegt – ein »Ehrenakt«, mit dem sie Farinas Opfer und deren Nachkommen verhöhnte.

Auf diesem Nährboden mobilisieren jetzt Ewiggestrige aus der Uelzener CDU sowie irregeleitete Anwohner der Straße Am Stadtgut für eine Wiederauferstehung der Farinastraße. Für Mitläufertum im NS-System müsse man Verständnis haben, argumentieren sie. Außerdem müsse sich jeder Nachgeborene, der damals »die wirre Zeit des nationalen Aufbruchs« persönlich nicht miterlebt habe, selbstkritisch fragen, wie er selber damals gedacht und gehandelt hätte. Es sei anmaßend, den Stab über andere zu brechen. Falsch sei es im übrigen, die Maßstäbe von heute auf die damalige Zeit anzulegen. Bürgermeister Lukat verkündete, er finde die Bürgerbefragung »spannend« und hoffe, daß es zu keinen Polarisierungen komme, weil »die dem Ansehen der Stadt schaden könnten«. So kann man geschichtliche Erfahrungen auf den Kopf stellen.