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Titel0611

Die Kirche leert sich  (Arno Klönne)
Wie steigert man das Wort »katholisch«? Der westfälische Volksmund hat eine Auskunft dazu: »Schwarz, Münster, Paderborn«. In der letztgenannten Stadt tagte jetzt die Deutsche Bischofskonferenz. Siebzig »Oberhirten« berieten darüber, wie sie die von ihnen geführte Institution über die Runden bringen: Schadensbegrenzung. Der Skandal des Kindesmißbrauchs durch Priester und Ordensangehörige lastet auf der Reputation der Kirche, und ein Memorandum zahlreicher Theologieprofessoren fordert Reformen: Abschaffung des Zölibats, Zulassung von Frauen zum Klerikeramt, mehr Mitbestimmung der Laien.

Der Verdruß über die Erstarrung kirchlicher Strukturen ist in den Gemeinden groß. Pünktlich zur Bischofskonferenz berichteten die Paderborner Regionalblätter über einen typischen Fall: Ein junger Pfarrer, engagiert und beliebt, ist aus dem kirchlichen Dienst ausgeschieden, weil er die Beziehung zu seiner Partnerin nicht länger versteckt halten will. »Bedrückt« sei die Gemeinde, erklärt deren Vorstand, sie verliere einen sehr fähigen und anerkannten Seelsorger. Ersatz ist nicht zu erwarten, der katholischen Kirche fehlt es längst an Priesternachwuchs, sie ist auf Import von Seelsorgern aus anderen Ländern angewiesen.

Die Bischöfe, Rom angestrengt im Blick, scheuen den offenen und öffentlichen Disput mit frommen, aber der Amtskirche gegenüber kritischen Katholiken; »der Ablauf der Bischofskonferenz«, sagte deren Vorsitzender, sehe »das Gespräch mit Basisinitiativen nicht vor«. Solcherart »Abläufe« haben Weglauf zur Folge: Kirchenaustritte mehren sich, vor allem aber geht die Beteiligung am kirchlichen Leben massiv zurück; Erstkommunion und kirchliche Hochzeit werden zu Festakten, mit denen sich religiöser und gemeindlicher Alltag nicht mehr verbindet, die Kirche verliert ihre Prägekraft, selbst in einer »schwärzesten« Stadt wie Paderborn.

Das Verschwinden des einstigen »Volkskatholizismus« ist für viele Katholiken eine schmerzliche Erfahrung, übrig bleiben häufig politische Ressentiments – gegen die angeblich links gesteuerten Massenmedien, gegen »die Achtundsechziger«, gegen die Feministinnen, vor allem gegen in Deutschland »eingesickerte Muslime«. Feindbilder sollen über eigene Zweifel an der Kirche hinweghelfen, und am Rande der Kirche haben »fundamentalistische« Gruppen Zulauf, die Piusbruderschaft ist nur eine von ihnen. Kirchlich und politisch extrem rechte Internet-»Gemeinden« und Leserschaften sammeln sich, vielfach werden Hoffnungen in eine neue konservative Partei gesetzt, weil die CDU »liberalistischen Versuchungen« anheimgefallen sei, »Homos« hofiere und »gender mainstreaming« betreibe. Selbst der »deutsche Papst« Benedikt bleibt von Eiferern nicht verschont; an seinem Besuchsplan für die Bundesrepublik kritisiert www.kreuz.net, eine katholische Website, daß er »mehr Kontakt zu Protestunten« (kein Druckfehler; A.K.) suche.

Die früher ansehnlichen linkskatholischen Strömungen sind weitgehend versandet, kaum noch in Erinnerung, etwa Walter Dirks mit seinen Frankfurter Heften oder die werkhefte katholischer laien. Der katholische Friedensbund »Pax Christi« ist klein geworden, die demokratisch gesonnenen Organisationen wie »Bund deutscher katholischer Jugend« und »Katholische ArbeitnehmerInnen-Bewegung« halten immerhin ihre Positionen, ebenso der Leserkreis von publik-forum. Aber vorherrschend sind im deutschen Katholizismus Erosionserscheinungen, Rückzug ins Spirituelle oder ein Trend hin zur Ressentimentpolitik.

In Paderborn hätte die Bischofskonferenz einen Theologen finden können, der seit langem Gründe für den Niedergang der Amtskirche vorzutragen weiß: den verdrängten Katholiken Eugen Drewermann, Kriegsgegner und Kritiker des Kapitalismus. Aber die Anstrengung, sich mit ihm auseinanderzusetzen, wollen die Oberhirten gewiß vermeiden. Noch sind ja nicht alle Schafe entfleucht.