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Titel615

Bestattung in München  (Conrad Taler)

Jahrzehntelang hat die Sudetendeutsche Landsmannschaft Schindluder getrieben mit der Heimatliebe der Vertriebenen – jetzt gab sie ihr großmäuliges Versprechen auf, »den Rechtsanspruch auf die Heimat, deren Wiedergewinnung und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht der Volksgruppe durchzusetzen«. Am 28. Februar wurde dieser Passus auf Vorschlag der Führung von der 15. Bundesversammlung der Landsmannschaft aus der Satzung gestrichen. Ein Zeichen der Einsicht? Der Verzicht auf die Wiedergewinnung der Heimat ähnelt dem unbußfertigen Verzicht auf Rache und Vergeltung, von dem in der Charta der deutschen Heimatvertriebenen aus dem Jahr 1950 die Rede ist. Die Verfasser des umstrittenen Dokuments, unter ihnen zahlreiche Parteigänger Hitlers, spielten das unschuldige Opfer, das seinen Peinigern vergibt und verzeiht. Auch in der jetzt beschlossenen Grundsatzerklärung der Sudetendeutschen Landsmannschaft dominiert das eigene Leid. Traditionsgemäß werden die 54 deutschen Todesopfer genannt, die 1919 bei der Niederschlagung von Demonstrationen für das Selbstbestimmungsrecht zu beklagen gewesen seien. Eine Zahl über die tschechischen Opfer der deutschen Besatzungsherrschaft sucht man vergebens.


Fast zwei Menschenalter hat es gedauert, ehe die Verantwortlichen der Landsmannschaft begriffen, daß sie niemandem mehr vorgaukeln können, was selbst ihre treuesten Anhänger für irreal hielten: die Rückkehr in die Heimat. Die meisten Vertriebenen wollten ohnedies nicht zurück. Das haben Umfragen immer wieder ergeben. Abgesehen davon gehörte selbst zu besten Zeiten nur etwa ein Prozent der Vertriebenen einer Landsmannschaft an. Ohne staatliche Unterstützung hätte keine einzige überlebt. Als Dank unterstützten die Wortführer der Vertriebenen den Ruf nach Rückgabe der Ostgebiete. Wenzel Jaksch, ehemals Vorsitzender der sudetendeutschen Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei und schärfster Kritiker seiner nationalistisch gesinnten Landsleute, verfiel später selbst in deren revanchistischen Jargon. 1963 tönte er auf dem Sudetendeutschen Tag in München: »Darum sei allen gesagt, die von Europa reden: Zu einem befriedeten Europa gehört auch ein deutsches Sudetenland.«


Als es dann nicht geklappt hat mit der Wiedererrichtung eines deutschen Sudetenlandes, nahm die Landsmannschaft die sogenannten Beneš-Dekrete aus dem Jahr 1945 ins Visier, ohne deren Aufhebung Tschechien nicht in die EU aufgenommen werden dürfe. Ihr Sprecher Bernd Posselt, der seinen Verein jetzt »als Bindeglied im deutsch-tschechischen Dialog« empfiehlt, stimmte als Abgeordneter der CSU im Europäischen Parlament gegen die Aufnahme der Tschechischen Republik in die Europäische Union. Für Posselt war die Vertreibung »gezielter Völkermord« Obwohl selbst weder vertrieben noch politisch verfolgt, gehörte er im Europaparlament zu den Initiatoren der von osteuropäischen Dissidenten geforderten Ausrufung des 23. August zum gemeinsamen Gedenktag für die Opfer Hitlers und Stalins.


Über die Rolle der Sudetendeutschen als Fünfte Kolonne Hitlers verliert die jetzt in München beschlossene Grundsatzerklärung der Landsmannschaft kein Wort. Verharmlosend wird von einer »Instrumentalisierung und Gleichschaltung der Sudetendeutschen Volksgruppe durch das nationalsozialistische Deutsche Reich« gesprochen. In Wirklichkeit hat sich diese sogenannte Volksgruppe bis auf wenige Ausnahmen freiwillig den Nazis in die Arme geworfen. 90 Prozent der in der Tschechoslowakei lebenden Deutschen stimmten 1938 bei einer freien Wahl für die Partei Konrad Henleins, der 1941 als Statthalter Hitlers im Gau Sudetenland triumphierend bekannte: »Um uns vor tschechischer Einmischung zu schützen, waren wir gezwungen zu lügen und unsere Ergebenheit gegenüber dem Nationalsozialismus zu leugnen. Lieber hätten wir uns offen zum Nationalsozialismus bekannt. Es ist jedoch eine Frage, ob wir dann imstande gewesen wären, unsere Aufgabe zu erfüllen – die Tschechoslowakei zu vernichten.« (Der Neue Tag, 15.3.1941)


Mit dem Verzicht auf eine revanchistische Forderung aus der Zeit des Kalten Krieges hat die Sudetendeutsche Landsmannschaft einen stinkenden politischen Leichnam beiseite geräumt. Grundsätzlich hat sich damit nichts geändert. Die Landsmannschaft tritt weiterhin dafür ein, daß der europäischen Geschichte ein neues Gesicht gegeben wird. Sie möchte das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, die Ermordung unschuldiger Menschen in eigens dafür eingerichteten Todesfabriken, zu einem Unrecht ähnlich der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg herabstufen. Nichts anderes verbirgt sich hinter dem Satz: »Die Sudetendeutsche Landsmannschaft setzt sich dafür ein, daß von allen Beteiligten das Unrecht, das beide Seiten einander zugefügt haben, anerkannt und im Rahmen des Möglichen geheilt wird.« (Grundsatzerklärung der Sudetendeutschen Landsmannschaft vom 28. Februar 2015) Als gäbe es etwas zu heilen am Tod auch nur eines einzigen Menschen, der schuldlos und wehrlos in einer Gaskammer sterben mußte. Joachim Gauck nannte den Massenmord an den Juden ein rational einzuordnendes Phänomen der modernen Zivilisation. Das war 2006, vor seiner Zeit als Bundespräsident, wie die Süddeutsche Zeitung am 5./6. Juli 2014 schrieb. Am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz drückte sich Gauck als Staatsoberhaupt anders aus, da war der Holocaust kein Phänomen der modernen Zivilisation. Da sagte er: »Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.« Aber das ist ein anderes Thema.