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Titel617

Die Schönheit des US-Generalkonsulats  (Otto Köhler)

Sonntagabend kurz vor Mitternacht, nach einer Woche, in der WikiLeaks enthüllte, in welcher Welt wir leben. Im Ersten preist »Titel, Thesen, Temperamente« die »Schönheit der Demokratie«. Der Moderator fragt: Welcher ist der schönste Artikel im Grundgesetz? Andreas Vosskuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts, antwortet: »Artikel 1, Absatz 1: Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Der Moderator: Weil sich alles andere daraus ableitet? Der oberste Verfassungsrichter: »Alles andere leitet sich daraus ab. Wir denken das Grundgesetz vom einzelnen Menschen her – und seiner Würde! Und alles andere muss sich sozusagen danach richten und muss aus dieser Perspektive erklärbar sein. Der Staat dient dem Einzelnen und seiner Würde – nicht umgekehrt.«

 

So hatte ich es mir auch gedacht, bis zum Dienstag, an dem WikiLeaks kam. Um mir meine Würde zurückzuholen, suche ich an der Zeil in Frankfurt Saturn auf: Aktionspreise für Fernseher von Samsung. Der südkoreanische Produzent wirbt: »4K UHD offenbart die feinsten Details Ihrer Lieblingsfilme. Auf 3840 x 2160 Pixeln bleibt nichts verborgen, wird jede Nuance zum Augenschmaus. Die bis zu vierfache Auflösung gegenüber herkömmlichen Full-HD-Fernsehern liefert schärfere Bilder mit mehr Details in makellosen natürlichen Farben.«

 

Seit Dienstag weiß ich: Smart-Geräte von Samsung (und wahrscheinlich auch von anderen Firmen) liefern der CIA scharfe Bilder und gut vernehmliche Töne aus unserer Wohnung. Sogar dann, wenn wir meinen, der Fernseher sei abgeschaltet. Das ist smart.

 

Ich hole mir den SAMSUNG UE55KU6509 LED TV Curved, 55 Zoll, UHD 4K, SMART TV, Typ Big Brother zum »Aktionspreis«, um ihn dorthin zu bringen, wo er hingehört. Wenn wir uns strikt an die Anweisungen von Google halten, ist jetzt alles ganz einfach und zielführend:

Von Saturn auf  der Zeil nach Osten 220 m. Links abbiegen, auf Schäfergasse 190 m. Nach rechts abbiegen, um auf Schäfergasse zu bleiben 76 m. Im Kreisverkehr vierte Ausfahrt (Vilbeler Straße) nehmen 140 m. Weiter auf Konrad-Adenauer-Straße 73 m. Weiter auf Friedberger Tor 99 m. Weiter auf Friedberger Landstraße 2,0 km. Links abbiegen auf Gießener Straße 400 m. Rechts abbiegen 22 m. Links abbiegen 160 m. Links abbiegen zur für den öffentlichen Durchgang gesperrten Straße 120 m. Und noch einmal links abbiegen: für den öffentlichen Durchgang gesperrte Straße. Vertraulich: Das Ziel befindet sich auf der rechten Seite.

 

Es ist das weltweit größte US-Generalkonsulat, das wir von Saturn aus nach 3,6 Kilometern in 47 Minuten mit unserem Samsung Big Brother an der Gießener Straße 30 erreicht haben. Aber weit und breit nichts von der Schönheit der Demokratie zu sehen. Keine Straßenschlacht. Keine Demonstranten, die das Riesengelände blockieren mit seiner »Sensitive Compartmented Information Facility«, in der 200 CIA-Mitarbeiter ihrem Gewerbe nachgehen. Von hier aus betrieb der US-Geheimdienst seine Folterzentren in Osteuropa und Marokko. Von hier aus nutzen US-Spione systematisch eingeplante Sicherheitslücken in Smartphones, Computern und anderen mit dem Internet verbindbaren Elektronikgeräten aus. Und von hier aus wird durch alles, was smart ist, in unseren Wohnungen abgehört und beobachtet und in die US-Zentrale weitergeleitet. Und das Dreckschwein im Weißen Haus, das allen Frauen in den Schritt langen darf, watcht, wenn dort ein Samsung steht, unser Schlafzimmer.

 

»Die Würde des Menschen ist antastbar«, erwidert am Sonntagabend dem Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Vosskuhle der Bundestagspräsident Nobert Lammert: »Und nirgendwo ist dieser Nachweis gründlicher geführt worden als auf deutschem Boden. Aber gerade weil wir diese Erfahrung gemacht haben, behaupten wir als Anspruch das genaue Gegenteil!«

 

Behauptet er. Als Anspruch. Schöner Spruch.