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Titel617

Merkwürdige Zeiten  (Winfried Wolk)

Heute begann der Tag merkwürdig, und ich bin verunsichert. Es ist etwas passiert, was ich bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte. Vielleicht liegt es daran, dass heute Aschermittwoch ist. Der neue US-amerikanische Präsident, bislang in jeder Meldung als ekelhaft, frauenfeindlich, dumm bis zum Irrsinn entlarvt, wurde heute erstmals, und das sogar mehrfach, völlig unkritisch kommentiert, ja regelrecht gelobt. Was mag wohl passiert sein, dass unsere so unabhängigen und freien Medien sich in derart kurzer Zeit auf eine so fundamental andere Meinung verständigt haben? Ich hatte mich schon darauf eingestellt, dass bald die Bundeswehr und der Bundesnachrichtendienst und die Bundespolizei und die Bundesfeuerwehr, alle gemeinsam, in die USA einmarschieren und Trump aus seinem Amt fegen, den »Hassprediger«, wie unser jetzt ganz neuer, ab 19. März im Amt befindliche Bundespräsident seinen nunmehr US-amerikanischen Amtsbruder noch als Außenminister zu titulieren pflegte.

 

Schließlich müssen wir unseren US-amerikanischen Brüdern und Schwestern beistehen, wenn sie von so einem Schlag getroffen wurden und sich ein solcher Ekelbatzen der Herrschaft über sie bemächtigte. Da können wir doch die armen Menschen dort nicht allein lassen. Wäre es nicht unsere Bündnispflicht, einzugreifen und wieder normale Verhältnisse herzustellen? Taten das unsere amerikanischen Waffenbrüder nicht auch immer und oft sehr erfolgreich, wenn sie witterten, dass die Menschen in einem anderen Land den oder die Falschen gewählt hatten?

 

Zuvor war ich auf ganz andere Weise überrascht, galten doch bis zum Wahlausgang ganz andere Werte. Immer war es eine schlimme Todsünde gewesen, nämlich Antiamerikanismus, wenn man sich nur ein wenig kritisch zur permanenten amerikanischen Friedenspolitik stellte und zu der mächtigen Menge von Toten, die diese Frieden bringenden Maßnahmen immer zur Folge haben. Aber die Zeiten ändern sich, die Meinungen auch. Jedenfalls habe ich es noch nie erlebt, dass es möglich ist, wochen- und monatelang in allen Medien und wahrscheinlich überall in der Welt einen neuen US-Präsidenten permanent zur Sau zu machen. Beim 43. Präsidenten, George Walker Bush, zum Beispiel, der auch keine Leuchte oder ein Sympathieträger war, gab es so etwas nicht. Auch nicht als er tatsächlich den Irak so destabilisierte, dass wir nun eine Region haben, die sich von der einstigen Wiege der menschlichen Kultur zur Wiege des islamistischen Terrorismus entwickelt hat. Wir haben uns doch bisher in jedem dieser amerikanischen Gesäße unglaublich wohlgefühlt, aber auf einmal sollte das nicht mehr sein. Selbst unsere Kanzlerin drohte mit den Menschenrechten – ein bisschen.

 

Aber nun hat der permanent Gescholtene sich zu unser aller Beruhigung voll zur NATO bekannt. Somit kann das Verteidigungsbündnis bis zum Ural vorrücken, weil wir dort unsere Freiheit verteidigen müssen. Am Hindukusch liegt der Schnee von gestern. Es ist doch erstaunlich, dass demokratische Verhältnisse immer auch Überraschungen parat haben.