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Titel617

Warten bis zuletzt  (Monika Köhler)

Hans Fallada schrieb in seinem Tagebuch vom 3. Januar 1925 über Untersuchungshaft: »… packt mich eine grenzenlose Erbitterung gegen die Herren Untersuchungsrichter, die vollständig vergessen zu haben scheinen, dass es Menschen sind, die dort warten, verzweifelnd und verzagend warten«. Die Hamburger Kunsthalle widmet sich in einer Ausstellung diesem Zustand: »Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit« (bis 18. Juni). Fallada sah die Ohnmacht. Die Macht von Ämtern: Asylantragsteller oder Arbeitslose warten zu lassen – oder auch von Ärzten gegenüber Patienten. Wer die Macht oder das Geld nicht hat, muss sich gedulden. Die Gefängnissituation macht Rayyane Tabet, ein Künstler aus dem Libanon, mit einfachen Mitteln hautnah spürbar (er konnte nicht zur Eröffnung kommen, weil sein Visum nicht verlängert wurde): In einem engen Raum hat er die Wände mit Bleistiftstrichen – fast wie ein Muster – bedeckt. Dieses bekannte Zeichen des Wartens, des Zählens: Wann ist es zu Ende? Die Info zur Ausstellung allerdings sieht diese Wandzeichnungen als »minimalistisch« an und meint, »in ihrer Reduktion und Leichtigkeit« einen »poetischen Charakter« erkennen zu dürfen. Inmitten des Raumes liegen Knochen und eine Kugel aus Stahl. Das geht zurück auf ein ein Geschicklichkeitsspiel der Antike, »Achille´s Heel« genannt (2015), nur die Knochen sind hier viel größer.

 

Paul Graham aus Großbritannien führt mit seiner Serie »Beyond Caring« in Sozial- und Arbeitsämter zur Thatcher-Zeit. Seine Fotografien (1984/85), die er unbemerkt aufnehmen konnte, zeigen die unwürdige Situation, dieses Warten, Abgeschoben-Werden. Das kalte Licht der Leuchtstoffröhren, den glatten Boden, nur mal ein Butterbrotpapier liegt da. Die Gesichter, erstarrt.

 

Verblüffend realistisch, Duane Hansons »Homeless Person«. Da sitzt ein junger Mann im karierten Hemd auf einer Kiste, in den Händen ein Pappschild »We work for food«. Er wartet auf Arbeit, ohne große Hoffnung – eine Skulptur von 1991. Hinten an der Wand ein Graffiti in Schwarz-Rot-Gold. Hanson bestimmte, dass die Nationalfarben des jeweiligen Ausstellungsortes hinter dem Obdachlosen gezeigt werden. Nicht nur zur Zeit Ronald Reagans und nicht nur in den USA gab und gibt es Arbeitslose ohne Wohnung. Die Arbeitslosigkeit ist es, die Menschen aus Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas, in westliche Länder treibt. Oft müssen sie ihre Kinder allein oder in der Obhut von Großeltern zurücklassen. In ihren Fotos »Land ohne Eltern« zeigt Andrea Diefenbach diese einsamen Kinder, die immer nur warten. Im Hamburger Museum der Arbeit waren im Rahmen der Ausstellung »Wanderarbeiter« (Ossietzky 2/2014) Inkjet-Prints dieser zur Selbständigkeit gezwungenen Kinder zu sehen, die warten: auf einen Anruf, ein Lebenszeichen übers Internet oder mal auf ein Paket.

 

In Nigeria sind es Arbeiter der Shell-Company, die wartend unter einer Brücke Schutz suchen. Keine gefährliche Situation, nur ein heftiger Regenguss ließ sie auf dem Nachhauseweg verharren. David Claerbout wählte ein Farbvideo ohne Ton (2013), um diesen Zustand des Wartens zu dokumentieren. Es bewegt sich fast nichts, auch die Motorräder stehen still. Nur das Wasser ist Bewegung, sehr verzögert. Wer schnell vorübergeht, glaubt, ein großes Foto vor sich zu haben. Genau hinsehen muss auch, wer die kleine DVD-Sequenz von Ceal Floyer, »unfinished« (1995) nicht übersehen will. Eine wohlbekannte Verlegenheitsgeste des Wartens: das Däumchendrehen ohne Ende.

 

Von Andreas Gursky ein großes farbiges C-Print (2002): »Sao Paulo Sé«, eine U-Bahnhaltestelle, der Blick fällt auf mehrere Geschosse übereinander, auf die Masse der Wartenden – wie ein Bühnenbild. Andere Fotos, zusammengefasst unter dem Titel »Pförtner« (meist von 1987). Es sind die Eingangsbereiche großer Konzerne, oft Versicherungen, der Empfang in seiner Protzigkeit entmutigend, die Pförtner leblos wie das Inventar. Wer hierher vordringen will, steht vor Kafkas Türhüter (»Vor dem Gesetz«). Auch diese kleinen Angestellten kosten ihre Macht aus, warten zu lassen.

 

Dann viele Bushaltestellen und Warteschlangen und ein nachgebauter Wartesaal mit digitalen Uhren, die unterschiedliche Zeiten angeben, minimale Veränderungen. Die gefühlte Zeit?

 

Vom georgischen Künstler Vajiko Chachkhiani eine Skulptur und ein Video: Zur Eröffnung der Ausstellung wurden die Füße eines Mannes über Stunden in Beton eingegossen. Unbeweglich verharrend hoffte der »Vater« genannte Mann, dass alles gutgehe und er am Schluss des Tages in einer Performance befreit werde. Zurück bleiben ein leerer Stuhl und ein Betonblock mit zwei Löchern. Ob es der Vater des Künstlers ist? Die Videoprojektion (2014) »Life track« zeigt nicht viel mehr als ein Fenster, von außen gesehen. Es spiegelt Blätter, die sich sanft bewegen. Wir hören Tauben gurren. Ein alter Mann im blaukarierten Hemd kommt mit schweren Schritten, sieht uns an hinter der Scheibe. Sein Blick, durchdringend und gleichzeitig ins Weite gerichtet, wirkt einsam, fragend. Irgendwann senkt er die Augen und verschwindet wieder im Hintergrund des Zimmers, das ein Hospiz ist. Das letzte Warten.