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Titel618

Hundert Jahre Weltbühne  (Otto Köhler)

Vor hundert Jahren, am 4. April 1918, erkannten die Leser von Siegfried Jacobsohns wöchentlicher Theaterzeitschrift Die Schaubühne ihr Blatt nicht so ganz einfach wieder. Sie hieß jetzt Die Weltbühne und trug den Untertitel »Der Schaubühne XIII. Jahr«, und auf Seite 331 des Blattes mit dem neuen Titel dichtete Kurt Tucholsky als »Theobald Tiger«: »Mein gutes Blatt, wie hast du dich verändert.« Aber es war keine radikale Änderung, sogar die Seitenzählung – durchgehend für das Halbjahr – begann für die Weltbühne auf Seite 307 – die Schaubühne hatte auf Seite 306 aufgehört. Aufgehört hatte die reine Theaterzeitschrift schon acht Jahre nach ihrer Gründung. Anlässlich des »Menetekels Zabern« – der Kapitulation der zivilen Regierung vor dem wüst um sich schlagenden preußischen Militarismus – gelobte Jacobsohn, dass »wir jetzt nicht mehr nur die Welt bedeutenden Bretter, sondern auch die Welt selbst betrachten wollen. Wir betrachten zunächst die deutsche Welt, und sie reizte uns zu heftigstem Widerspruch.« Ein Jahr nach dem Menetekel hatte Deutschland jenen Krieg zustande gebracht, den man später als Ersten Weltkrieg bezeichnete. Jacobsohn lavierte sein Blatt – unvermeidlich auch mit Konzessionen an die Militärzensur, die allerdings nicht alles verstand, was da zu lesen war, – durch die Kriegsjahre. Und 1918 benannte er das Blatt durchaus programmatisch um. Der übliche Aufruf, für den Völkermord zu spenden, war schon im dritten Heft der neuen Weltbühne auf den Seiten 370/371 etwas maliziös formuliert: »Die mündelsichere Kapitalsanlage ist die Kriegsanleihe. Das ganze deutsche Volk mit seiner Arbeits- und Wirtschaftskraft bürgt für ihre Sicherheit.«

 

Doch noch als der deutsche Kriegsdiktator Erich Ludendorff längst verkleidet nach Schweden geflohen war, stand selbst in der Weltbühne Mordhetze gegen die Revolution, gegen den Spartakusbund, gegen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Gegen den »deutschen Bolschewismus« warf Johannes Fischart in der Weltbühne vom 19. Dezember 1918 »Des Sängers Fluch« von Ludwig Uhland in die Schlacht: »Und was er sinnt, ist Schrecken. und was er blickt ist Wut, und was er spricht, ist Geißel, und was er schreit, ist Blut.«

 

Und über die »russische Jüdin« mit ihrer »wild aufreizenden Agitation«, über die »blutige Rosa«, schrieb derselbe Autor in der Weltbühne drei Wochen später: »Die Saat, die sie Zeit ihres Lebens gesät hat, ist jetzt aufgegangen. Während ich, am zehnten Januar, diese Zeilen schreibe, rattern in Berlin die Maschinengewehre, Handgranaten platzen zwischendrein, und die Gasse speit aus allen Ecken und Winkeln bewaffnetes Proletariat aus.« Am Abend des Tages, als die Weltbühne mit diesem Steckbrief (»Rosa Luxemburg triumphiert. Das ist ihr Werk.«) erschien, da lag Rosa Luxemburg schon tot im Landwehrkanal, und Karl Liebknecht war erschlagen.

 

Johannes Fischart aber erhielt Jahrzehnte später unter seinem richtigen Namen Erich Dombrowski das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Als Gründungsherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland schrieb er zum zehnten Jahrestag des 8. Mai 1945: Nach einem »verzweifelten Ringen mit einer Koalition der ganzen Welt« sei mit der Niederlage von 1945 »Schmach und Schande« gekommen, als die Siegermächte von »geistiger Verwirrung«, »Hass« und »Vergeltungssucht« getrieben das deutsche Volk »mit einer Kollektivschuld belasten wollten, um es für alle Zeit zu ächten«.

 

Auch solches Gesindel gehört leider zu unserer Vergangenheit. Siegfried Jacobsohn hatte 1914 solche Leute zu seiner Schaubühne geholt, um den wahren, den antimilitaristischen Charakter des Blattes vor der Militärzensur zu tarnen. Darin war er allzu erfolgreich. Aber er selbst hat es wohl am meisten bereut.

 

Er holte Carl von Ossietzky in die Redaktion. Spätestens jetzt wurde die Weltbühne zum Blatt, das die Republik gegen Militarismus, Fememord und Schwarze Reichswehr verteidigte. Als die Universität Hamburg, die ihre Bibliothek nach Ossietzky benannt hat, 1963 zu dessen 25. Todestag zu einer Gedenkfeier einlud, sagte die CDU ab. Begründung: Der Mann sei doch schon 1931 vom Reichsgericht wegen Landesverrats verurteilt worden, so einen könne man nicht ehren. Das war korrekt vom Standpunkt einer Partei, die hauptverantwortlich dafür war, dass die Nazirichter des Reichsgerichts an den höchsten Gerichten der Bonner Demokratie wieder ihr Recht sprachen.

 

Landesverrat? Aber ja doch! Die Weltbühne hatte die geheime Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee attackiert, und in der Ausgabe vom 12. März 1929 erschien der Artikel »Windiges aus der deutschen Luftfahrt« über die Abteilung M (für Militär) der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, die unter Bruch des Versailler Vertrages Kampfflugzeuge entwickelte, die im Ausland erprobt wurden. Am 23. November 1931 wurde Ossietzky in einem Geheimverfahren vom Reichsgericht zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt wegen Landesverrats – blieb aber zunächst auf freiem Fuß, weil die Obrigkeit Aufsehen vermeiden wollte. Das Reichsgericht erlegte allen Beteiligten Schweigepflicht auf. Ossietzky fragte in seinem Blatt: »Ist die Reichsregierung bereit, die Urteilsbegründung bekanntzugeben? Hält sie ein Geheimverfahren für geeignet, das Vertrauen des Volkes in die deutsche Rechtsprechung zu stärken?«

 

Bald darauf erschien in der Redaktion ein hoher Offizier – es war der spätere Reichskanzler Kurt von Schleicher – und erkundigte sich liebenswürdig nach Ossietzkys Befinden, ihm sei doch wohl ein Urlaub zu gönnen, und er versuchte, ihm einen Reisepass zu überreichen. Vergebens: Ossietzky floh nicht. Er trat am 10. Mai 1932 seine Strafe an und verabschiedete sich am Gefängnistor von den über hundert Mitarbeitern und Freunden, die ihn begleitet hatten: »Ich gehe nicht aus Gründen der Loyalität ins Gefängnis, sondern weil ich als Eingesperrter am unbequemsten bin.«

 

Das blieb er – auch als er nach der Machtübergabe an Hitler ins KZ Esterwegen eingeliefert wurde. 1932 hatte er die ihm angebotene Flucht vor dem Gefängnis abgelehnt. 1936 verweigerte er sich der Freiheit, die ihm die Nazis anboten, wenn er nur den Friedensnobelpreis zurückwiese, der ihm aus Stockholm verliehen worden war. So starb er 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft.

 

Sein Vermächtnis für uns: Landesverrat. Solcher Landesverrat, für den Ossietzky verurteilt wurde. Was denn sonst gegen einen Staat, dessen Militär und Rüstungsindustrie den Armen das Brot von der Tafel wegfrisst und der jetzt als erste neue GroKo-Handlung den Krieg gegen Afghanistan verlängerte, gegen den Irak intensiviert und der Erdoğan – den, der Merkel mit Hitler verwechselt, – zum Wohl von Rheinmetall die gepanzerten Mordutensilien gegen die zuvor ebenfalls belieferten Kurden liefert.

 

In seiner Tradition, in der Tradition des Verrats jeglicher kriegerischer Tätigkeit stehen wir, seit Eckart Spoo rechtzeitig, ein Jahr bevor Gerhard Schröder Hitlers Krieg gegen Jugoslawien fortsetzte, dieses Blatt wiederbegründete. Darum heißt die Weltbühne heute Ossietzky.

 

 

Leseempfehlung: »100 Jahre Weltbühne: Die Schaubühne. Die Weltbühne. Ossietzky Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft«, Ossietzky-Sonderdruck, März 2005, 24 Seiten, 1,00 € zzgl. 1,50 € Versandkosten, Bezug: Verlag Ossietzky, ossietzky@interdruck.net