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Titel0711

Monika Köhler  (Klaus Nilius)

Aaaaaaaaaandorra! Es war dieser Aufschrei, dieses zehnfach gezogene A des jungen Andri, der wie ein Weckruf die damals gerade 23 Jahre alte Monika Schulz, Angestellte der Pädagogischen Hochschule in West-Berlin, erschütterte.

»Andorra« von Max Frisch, Regie Fritz Kortner, hatte im März 1962 im Schiller-Theater Premiere. Gleich in der zweiten Vorstellung, nach stundenlangem Anstehen für eine Karte, saß sie mit glühenden Wangen. Martin Held brillierte als Doktor, Klaus Kammer, eines der bekanntesten Theatergesichter der Nachkriegszeit, in der Rolle der Hauptperson, des erkrankten Andri.

Dieser erhält vom Doktor für sein so deutliches »A…« prompt die aufmunternde Belobigung: »So ist’s gut, mein Freund, so muß es tönen, daß jeder Jud in den Boden versinkt, wenn er den Namen unseres Vaterlandes hört.« Und: »Nehmt euch ein Beispiel an Andorra.«

»Wieso – soll der Jud – versinken im Boden?«, fragt Andri. »Wieso – soll der Jud – versinken im Boden?«, fragt sich Monika. Und ist empört. Auch daß die Besucherinnen und Besucher in der Pause es noch fertig bringen, anscheinend seelenruhig Würstchen zu essen.

Monika Schulz, geboren am Alexanderplatz, wo sie Krieg und NS-Gegenwart erlebte – ein entlassener KZ-Häftling wohnte bei ihren Eltern zur Untermiete – wurde in Lichterfelde eingeschult, gleich neben der alten Kadettenanstalt, in der 1934 im Zuge der Zerschlagung der SA (»Röhm-Putsch«) durch SS und Reichswehr 43 SA-Männer erschossen worden waren.

Jetzt, im Frühjahr 1962, war Monika Schulz alarmiert. Sie hatte, wie sie später sagte, das richtige Stück zum richtigen Zeitpunkt gesehen. Sie dürstete nach Wissen, nach Vertiefung. Umgehend kaufte sie sich ein zwei Jahre zuvor erschienenes schmales Ullstein-Taschenbuch, über das damals viel diskutiert wurde: die »Drei Essays« von Jean-Paul Sartre mit den »Betrachtungen zur Judenfrage«.

In dieser innerlich angespannten Situation lernte sie den einige Jahre älteren Studenten Otto Köhler kennen, schon damals ab und an Mitarbeiter bei Spiegel und Zeit. Ort des Geschehens, das eine lebenslange Bindung begründen sollte: die literarische Kellerkneipe »Massengrab«.

In der Rückschau scheint ab da der Lebensweg der beiden jungen Leute wie vorgezeichnet: »Spätestens am nächsten Tag«, berichtet Monika, bat Otto sie, sich um sein Archiv zu kümmern, womit eine lebenslange assistierende Tätigkeit ihren Anfang nahm. 1963 zog erst Otto nach Frankfurt, ging als Redakteur zu pardon und auf Wohnungssuche, dann folgte Monika. Heirat. Später zogen beide nach Hamburg, wo Otto Medienredakteur beim Spiegel wurde. Als das Montagsblatt Gesicht und Standpunkt änderte, gehörte er zu denen, die ihr »Veto gegen Augstein« (so der Titel eines Buches von Bodo Zeuner über jene Auseinandersetzungen) einlegten und daher den Spiegel verlassen mußten. Otto wurde Redakteur bei konkret, schrieb als freier Journalist für stern, Zeit und die Gewerkschaftszeitung metall und arbeitet für den Westdeutschen Rundfunk. Heute ist er Mitherausgeber von Ossietzky und Kolumnist der jungen Welt und des Neuen Deutschland. Und nichts ging ohne Monika, die an der Seite ihres Mannes journalistisch arbeitete.

Sie recherchierten gemeinsam zu brisanten Themen. Beispielsweise zu den Vererbungsthesen des deutsch-britischen Psychologen Hans Jürgen Eysenck, die den Anstoß zum Debüt der Schriftstellerin Monika Köhler gaben. »Die Früchte vom Machandelbaum«, 1980 im Kindler Verlag erschienen, ist ein Roman über SS-Ärzte in Auschwitz. Die Ich-Erzählerin ist die fiktive Tochter des realen Obersturmbannführers August Hirt, der in der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e.V. tätig war. Primäre Aufgabe der SS-Einrichtung war, den Abstammungsmythos und die vermeintliche Überlegenheit der sogenannten arischen Rasse »wissenschaftlich« zu legitimieren. Hirt war zu diesem Zweck maßgeblich an der Ermordung von 86 jüdischen Häftlingen aus dem KZ Auschwitz beteilig: Als Professor der Reichsuniversität Straßburg wollte er am dortigen Anatomischen Institut eine Skelettsammlung anlegen.

In ihrem zweiten Roman »Kielkropf«, laut Grimmschem Wörterbuch eine Bezeichnung für »überflüssige Kinder«, befaßte sie sich mit dem nazistischen Euthanasie-Programm. Das Buch erschien 1996 im Verlag Volk und Welt. Auch hier bildeten gemeinsame Recherchen der Eheleute, angestoßen durch Briefe und Akten von um Persilscheine bettelnden Nazis, den realen Ausgangspunkt.

Monika Köhler machte sich auch als Lyrikerin einen Namen. Sie veröffentlichte Gedichte in mehreren Anthologien und legte 2002 im Verlag Ossietzky ihren Gedichtband »Vom Essen der Schatten« vor. Schreiben, so steht dort zu lesen, »heißt einwachsen, langsam hineinwachsen in das Dickicht aus Worten und Grün«.

In einem Dickicht aus Grün leben die Köhlers bei Hamburg. Das Haus steht inmitten ihres Gartens, behütet von bemoosten Statuen aus dem javanisch-balinesischen Kulturkreis. Hier entstehen die Essays und Reportagen der Ossietzky-Kulturkorrespondentin, der Mitarbeiterin der jungen Welt und des Neuen Deutschland. Hier fertigt sie auch Masken, für sie Gestalt gewordene Metaphern, mit denen sie manchmal zu asiatischer Musik tanzend und Gedichte vorlesend auftritt. Hier feiert Monika Köhler am 9. April ihren 70. Geburtstag.