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Titel072013

Daß sowas frei rumläuft  (Monika Köhler)

Was alles wie eine Klammer zusammenhält, sind Schreie: »Nein!« am Anfang und Ende der Geschichte. Und ein Ausruf: »Nie! Nie hat sie sich umgebracht!« Das schreit ein Anwalt über die Trauergemeinde hinweg auf dem Friedhof, mit tränenüberströmtem Gesicht. Es war Ulrike Meinhofs Anwalt Axel Azzola, er hatte kurz vor ihrem Tod mit ihr telefoniert. Sie war nicht resigniert, es gab unbekanntes Quellenmaterial, sie glaubten an eine Chance. Anja Röhl, die Stieftochter, gibt diese Szene in ihrem Buch »Die Frau meines Vaters« wieder. Es ist der Schluß. Sie schreibt von sich in der dritten Person, nennt sich das Mädchen. Sie, die Schwesternschülerin, hat gerade von einer Kollegin die Nachricht erhalten: »Hast du schon gehört, Ulrike Meinhof hat sich in ihrer Zelle erhängt.« So beginnen die Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend im Rückblick auf das, was wie eine Zäsur alles zerschnitt.

Anja Röhl hat ihre sieben Jahre jüngeren Halbschwestern, die Zwillinge Regine und Bettina sehr geliebt und sich viel um sie gekümmert, was ihr Bettina Röhl in einem Buch bestätigt. Um so unverständlicher, daß auf ihre Intervention hin alles gestrichen wurde, was auf Anjas Beziehungen zu den Zwillingen hinweist, der Verlag hat diese Stellen durch Schwärzungen sichtbar gemacht
.
Anja lebte nach der Scheidung ihrer Eltern Bruni und Klaus Rainer bei ihrer Mutter in Hamburg-Barmbek. Den Vater besucht sie an den »Papi-Tagen«. Er hat nie viel Zeit als Herausgeber der Zeitschrift Konkret, als der »Chef«, wie er sich nennt (»ein Chef macht alle Überschriften«). Der Sex diene der »Aufklärung«. Ohne die nackten Mädchen ließe sich das Blatt nicht verkaufen, sagt er. Manchmal nimmt er das Kind mit im Auto. Unterwegs singt der Vater oft »Lieder aus dem Krieg«. Und er ruft vom Auto schönen Frauen hinterher. Er schwärmt von weicher Haut bei Mädchen. Nur bis dreizehn sei die Haut so schön zart. Zum Anfassen oder zum Draufschlagen, denn »Haut heißt Haut, weil man darauf haut«. Das Hauen nennt er ganz niedlich »batschen«. Auf Wangen und Oberschenkel – Mädchen sollten nur Röcke tragen. Immer wieder stöhnt er auf über die »Inzestschranke«. Dann ballert er entnervt mit dem Luftgewehr im Keller herum (heute ist er der angesehenste Autor der Preußischen Allgemeinen Zeitung).

Mit ihrer Mutter Bruni – auch sie hat wenig Zeit, arbeitet als Journalistin – versteht sich Anja nicht besonders gut. Die Mutter ist auf der Suche nach einem neuen Mann. Das Kind wird in ein Heim geschickt, zur Erholung. Die Zustände dort, die Repressalien – als sei Hitlers Zeit noch nicht zu Ende. Ich fühlte mich beim Lesen sehr an einen Heimaufenthalt im Schwarzwald erinnert, Jahre vorher. Alles unter Zwang, Schlafen-Müssen, Essen-Müssen, Gehorsam-Sein, eigenes Denken nicht zugelassen. Die Briefe: gelesen, zensiert.

Der Vater lernt eine junge Frau kennen, Ulrike Meinhof. Sie heiraten. Sie bekommt 1962 die Zwillinge. Anja ist oft dort und glücklich, nun Geschwister zu haben. Ulrike wird von Anja bewundert, weil sie so ganz anders ist als die Erwachsenen, die sie kennt. Ulrike Meinhof schreibt Kolumnen in Konkret. Nach der Geburt, als sie noch geschwächt ist, will Röhl ihr unbedingt eine Schreibmaschine ins Krankenhaus bringen. Denn wenn sie nicht schreibe, sinke die Auflage: »Es ist Gold wert, was du schreibst.« Ulrike beginnt, Anja politisch wach zu machen und ermuntert sie, stets ihren eigenen Standpunkt zu vertreten, selbst wenn sie damit allein steht. Anja, die immer mehr versteht, erkennt »die schlechten Eigenschaften« ihres Vaters nun »als eine Folge des Egoismus im Kapitalismus, des Konkurrenzkampfs aller gegen alle, er als ein typischer Chef, der immer alle kleinmachen muß, und nur er gilt etwas«. Fast der Versuch einer Entschuldigung.

Der Vater und Ulrike haben sich getrennt, sie nahm die Kinder mit. Er hat schon lange eine neue Freundin, eine Griechin samt Mann und Kindern. Sie verreisen zusammen, oft ist Anja dabei, die inzwischen in einem Internat lebt, auf eigenen Wunsch, um von ihrem Zuhause wegzukommen. Plötzlich die Nachricht: Ulrike wird wegen Mordes gesucht. Sie hat an einer Gefangenenbefreiung teilgenommen, bei der ein Mensch schwer verletzt wurde. Nicht von Ulrike. Der Kontakt zwischen ihnen reißt ab, auch zu den Zwillingen. Es beginnt die Zeit der Kontrollen auf Straßen, in Wohnungen, jeder ist verdächtig. Ulrike, die untergetaucht war, wird entdeckt, verhaftet.

Wenn Anja sie im Gefängnis besuchen will, soll sie das Wort »Stiefmutter« für den Besuchsantrag benutzen, rät Anwalt Heinrich Hannover, um ein Verwandtschaftsverhältnis herauszustellen. Anja merkt, man weiß alles über sie. Gespräche werden bewacht, Briefe zensiert. Eine Tarnsprache wird nötig. Noch immer fährt sie zu den Zwillingen, die nun wieder beim Vater wohnen. Der steht eines Tages mit einem Brief in der Hand neben der Treppe. Der Brief hat einen Trauerrand. Der Vater liest und beginnt, lauthals zu lachen, wie ein »Triumphgeschrei« empfindet es Anja. Röhl: »Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, große Sünden später. Das ist ausgleichende Gerechtigkeit.« Anja liest, ... daß »unsere kleine Tochter ... im zehnten Lebensjahr an Leukämie verstorben« ist. Die Tochter der Familie Holtkamp, zu der Ulrike zeitweise die Zwillinge gebracht hatte, um sie vom Einfluß des Vaters fernzuhalten, während sie untergetaucht war. Röhl schaffte es mit Freunden und Tricks, sie wieder zu holen. Darum lacht er über den Tod eines Kindes – sein Triumph. Anja kann nichts sagen, nur denken: »Mein ganzes Leben wird nicht ausreichen, um das wiedergutzumachen.«

Anja bekommt Kontakt zur Schwester Ulrike Meinhofs, zu einem Angehörigenkomitee, um gegen die Isolationshaft zu protestieren. Sie wollen nur eine menschliche Behandlung der Gefangenen. In einer »Panorama«-Sendung verliest sie einen Brief von Ulrike Meinhof. Nun ist alles öffentlich und sie »Sympathisantin«. Die Villa des Vaters in Blankenese darf sie nicht mehr betreten, auch die Zwillingsschwestern nicht mehr sehen. Sie bricht die Schule ab und wird später Schwesternschülerin in einem Berliner Krankenhaus. Dort hört sie die Meldung vom Tod Ulrikes. Ihre Reaktion läßt die Oberschwester ausrufen: »Die kann doch hier nicht weiterarbeiten, daß sowas noch frei rumläuft!« Ein oft gehörter Satz damals.

Dort, wo Ulrike aufgebahrt liegt, im Leichenschauhaus, kann Anja sie nicht am Gesicht erkennen. Nur die Hände waren unversehrt.

Anja Röhl: »Die Frau meines Vaters, Erinnerungen an Ulrike«, Edition Nautilus, 158 Seiten, 18 €