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Titel714

Putinhaß, wohlfeil  (Harald Kretzschmar)

Mal angenommen, Wesen von einem anderen Stern beehrten uns mit ihrem Besuch. Falls sie Ohren zu hören und Augen zu sehen haben würden, nähmen sie vielleicht Notiz von dem, was wir Television nennen. Öffentlich-rechtlich organisiert und dementsprechend gewissenhaft objektiven Maßstäben verpflichtet, würden wir ihnen erklären. Denn wir meinen, die auf diese Weise am besten informierten Menschen der Welt zu sein.

Müßte jenen Wesen nicht ziemlich schnell Hören und Sehen vergehen?

Die in Übergröße lebhaft schwatzend hörbaren und knallbunt geschminkten sichtbaren großen Teils ja weiblichen Gesichter würden sie zunächst magisch anziehen. Ein seltsamer Zauber dürfte sie ergreifen. Doch falls ihnen der Wortsinn des Gebotenen vermittelbar wäre, könnten sie schnell nachdenklich werden. Immer angenommen, sie seien ganz wie wir auf vernünftige Weise denkfähig. Dann wären die politischen Zusammenhänge unseres Erdenlebens für sie besonderer Aufmerksamkeit wert.

Sie hörten und sähen, wie einiges berichtet wird, anderes aber nicht.

Und wie eine bestimmte Person immer wieder und einzig und allein nachteilige Erwähnung findet. Die ihr unterstellte Bedrohung, Anmaßung und Unterdrückung könnten sie hinterfragen. Ein Vorgang, der an einem einzigen Namen festgemacht wird? Sie würden fragen – Putin, fünf Buchstaben, zwei Silben, was ist das für ein Kennwort? Ist das die Kurzform des Wortes Rußland, über das man zum Ausgleich so gut wie nichts erfährt? Ein Riesenreich in einem einzigen Menschen gezeigt? Haben Sie denn hier ein Reich des Bösen, für das er steht? Ach so – er selbst habe das so angeordnet? Gehorchen die öffentlich-rechtlichen Medien denn ihm?

Sie hätten gewiß eine Menge Fragen. Wohlinformiert darüber, daß sie auf einem von vielen Kriegen immer wieder verwüsteten Planeten landeten, könnten sie fragen: Befinden Sie sich denn schon wieder im Kriegszustand? Nein nein, würde geantwortet, es sei nur so eine Art Kalter Krieg. Man müßte zugeben, auf ein gewisses Land namens Ukraine als Einflußzone zu spekulieren. Unten bettelarme Demokratie, oben geilreiche Oligarchie. Da sei Aufstand angesagt. Aha, würden die Fremden ausrufen, um die Oligarchen zu enteignen? Aber nein, um Gotteswillen – wissen Sie denn nicht, wie hoch und heilig wir das erachten, was Privateigentum ist? So die zornige Antwort.

Unzufrieden dürften die Fremden den Kopf schütteln. Unverwandt würden sie auf die Bildschirme starren, auf denen die bildhübschen Gesichter ansehnlicher Damen mit Abscheu die neuesten Schreckensmeldungen über den Unhold Putin zelebrieren. Frisch frisierte, aber ungeschminkte Wahrheiten über einen Lügner. Wir alle dürfen uns empören – nur die Fremden hielten sich zurück. Kleinlaut wendeten sie ein, sie hätten vermutet, daß starke Männer die Bewunderung schöner Frauen fänden. Mitleidig lächelnd müßte man ihnen den Hinweis geben, ob sie denn vergäßen, daß es sich hier um einen Russen als starken Mann handele. Einen Russen!

An dem Punkt müßten sich die Wesen aus der fernen Galaxie abwenden, und schnurstracks den Heimweg antreten. Dieses Argument wäre für sie unfaßbar. Kein Wunder – kommen sie doch aus einer völlig anderen Welt.