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Titel714

Von Zeit zu Zeit: 30-Stunden-Woche für alle  (Stephan Krull)

Zu Beginn des Jahres 2014 meldete sich die Familienministerin Manuela Schwesig zu Wort. Für Familien mit kleinen Kindern solle die 32-Stunden-Woche mit steuerfinanziertem Lohnausgleich eingeführt werden. Noch am gleichen Tag kanzelte Chefin Merkel die Verlautbarung als einen »persönlichen Debattenbeitrag« ab, und der Vorschlag verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war. Anlaß war eine Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, in der die gesellschaftlichen und ökonomischen Vorteile einer solchen Regelung belegt werden. Bei einer Befragung von über 500.000 Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie, die im vergangenen Jahr die IG Metall durchführte, sprachen sich viele Befragte für eine Arbeitszeit von weniger als 35 Stunden pro Woche aus. Daraus leitete der Zweite Vorsitzende der Gewerkschaft Jörg Hofmann Ende Januar 2014 die Forderung nach einer 30-Stunden-Woche für Erziehende, Pflegende und sich qualifizierende Personen ab. Er schlug vor, diese verkürzte Arbeitszeit nicht als Teilzeit, sondern als »neue Vollzeit« zu definieren. Zum dringend notwendigen Personalausgleich äußerten sich die beiden genannten nicht. Ohne Personalausgleich läuft die Arbeitszeitverkürzung auf unerträgliche Leistungsverdichtung hinaus.

Ist das der Beginn einer neuen Etappe im Kampf um Verkürzung der Zeit für Erwerbsarbeit? Höchste Zeit dafür ist es: Die Produktivitätsentwicklung, die Entwicklung der Erwerbsbevölkerung, die hohe Anzahl unterbeschäftigter Menschen, die Grenzen des Wachstums, die ungerechte Verteilung der unbezahlten gesellschaftlich notwendigen Haus-, Erziehungs- und Pflegearbeit erfordern eine drastische Umverteilung der Erwerbsarbeit! Die Gewerkschaften sprechen von Umfairteilung.

Höchste Zeit auch, um dem über 200jährigen Kampf der Arbeiterinnen und Arbeiter und ihrer Gewerkschaften für mehr frei verfügbare Zeit zur persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklung nach zwei Jahrzehnten der Stagnation neuen Schub zu verleihen. Die Durchsetzung von zehn Arbeitsstunden pro Tag, später vom Acht-Stunden-Tag war, bevor sie Gesetzeskraft erlangten, mit opfervollen Auseinandersetzungen verbunden. Schon die Fünf-Tage-/40-Stunden-Woche konnte nicht mehr gesetzlich verankert werden: An sechs Werktagen von Montag bis Samstag darf der Chef laut Arbeitszeitgesetz regelmäßig acht Stunden mit Option und Ausgleichsmöglichkeiten auf zehn Stunden pro Tag / 60 Stunden pro Woche über die Beschäftigten verfügen – lediglich in Tarifverträgen ist es oft anders geregelt.

Die Hoffnung, daß die Initiativen der Familienministerin und der Gewerkschaft zum Erfolg führen, wird sich nicht erfüllen, wenn nicht die Erwerbslosen, die überwiegend prekär beschäftigten Frauen und weitere betroffene gesellschaftliche Gruppen sich entschieden für eine solche Umfairteilung aller Arbeit engagieren.

In der 2010 veröffentlichten Studie des Wuppertal Instituts »Zukunftsfähiges Hamburg« schreiben die Herausgeber BUND, Diakonie und Zukunftsrat Hamburg: »Vier Menschen reduzieren ihre Arbeitszeit um sieben Stunden und schaffen damit eine neue Stelle. Wenn alle Arbeitnehmer in Hamburg und Umgebung durchschnittliche 30 Stunden in der Woche arbeiten, ließe sich die Arbeitslosigkeit zumindest rechnerisch abschaffen. Das nennt sich ›Die kurze Vollzeit‹ für alle.« Den Begriff »kurze Vollzeit« prägte der Arbeitswissenschaftler Helmut Spitzley.

Die Zeit ist reif für neue gesellschaftliche Bewegungen, um das Krebsgeschwür der Erwerbslosigkeit und der Perspektivlosigkeit von 30 Millionen Menschen in Europa zu überwinden.

Stephan Krull war als Mitglied des Betriebsrates bei Volkswagen in Wolfsburg sowie als Mitglied der Tarifkommission der IG Metall an der Verhandlung und der betrieblichen Umsetzung der Vier-Tage-Woche ab 1993 beteiligt. Er ist aktiv in der bundesweiten Attac AG ArbeitFairTeilen sowie als Vorsitzender der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen in der Erwachsenenbildungsarbeit. Stephan Krull wird sich künftig »Von Zeit zu Zeit« für Ossietzky Gedanken zum Kampf um die Zeit machen.