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Titel714

Ich habe meine Kraft in Österreich gelassen  (Manfred Wieninger)

Musa Firat wird am 15. April 1933 in der ostanatolischen Region Dersim, genauer gesagt im Dörfchen Mezra Káyćí, geboren. Er ist der sechste Sohn einer bitterarmen, alevitischen Bergbauernfamilie. Seine Muttersprache ist Zaza, die von den meisten ihrer zwei bis drei Millionen Sprecher (wenn auch nicht von den meisten Linguisten und Orientalisten) zur Familie der kurdischen Sprachen gezählt wird. Während des sogenannten Dersim-Aufstandes kurdischer Stämme gegen die junge Türkische Republik, die das Gebiet mehr oder weniger gewaltsam türkisieren will, wird Musa Firat 1938 gemeinsam mit seiner Familie in den westlichen Teil der Türkei deportiert. Erst 1940 dürfen die Firats nach Dersim, das inzwischen in Tunceli umbenannt worden ist, zurückkehren. In Dersim, sagt Musa Firat heute, gab es nur Berge, keine Schule. Er habe in der Türkei jedenfalls nie eine Schule von innen gesehen. Während seines zweijährigen Militärdienstes lernt Musa Firat, seinen Namen und seine Adresse zu schreiben. Mit Hilfe von Zeitungen, die er ergattern kann, bringt er sich selbst ein wenig Lesen und Schreiben bei. Nach dem Barras heiratet er. Die junge Familie besitzt kein Ackerland und muß sich mit zwei, drei Ziegen irgendwie durchbringen. Um ein wenig Geld dazuzuverdienen, betätigt sich Musa Firat auch als Steinmaurer und Blasmusiker bei Hochzeiten. Doch es reicht hinten und vorne nicht. Daher verbringt er jedes Frühjahr, jeden Sommer drei, vier Monate als Saisonarbeiter in Istanbul, um zu Beginn der kalten Jahreszeit mit ein paar Säcken Getreide, seinem Arbeitslohn, in sein ostanatolisches Heimatdorf zurückzukehren. Seine Frau wird schwanger. Als die Geburt des ersten Kindes herannaht, regiert in dem bergigen Gebiet von Dersim/Tunceli ein besonders strenger Winter mit Unmengen von Schnee. Auf einem selbstgebastelten Schlitten aus zwei Holzstangen und ein paar Decken schleppt Musa Firat seine in den Wehen liegende Gattin kilometerweit zur Hauptstraße, um dort ein Auto aufzuhalten, das die Kreißende in das 80 (!) Kilometer entfernte Krankenhaus bringt. Eine Fehlgeburt ist die Folge der desaströsen Gesundheitsversorgung in dem gebirgigen, ländlichen Gebiet.

Ich sitze in Musa Firats Wohnzimmer in seiner gepflegten Wohnung in St. Pölten-St. Georgen, trinke wunderbaren starken türkischen Tee aus einem bauchigen Glas und genieße dazu die selbstgebackenen Şekerpare – und kann mir die schrecklichen Verhältnisse in seiner einstigen Heimat wohl nicht einmal annähernd vorstellen. Auch Musa Firats zweites Kind ist unter den geschilderten Umständen eine Totgeburt, obwohl ein herbeigerufener Militärarzt aus der nächsten Kaserne Geburtshilfe leistet. Damals, es ist das Jahr 1958, beschließt Musa Firat, seiner Heimat den Rücken zu kehren und sich gemeinsam mit seiner Frau in Istanbul niederzulassen. Dort findet er Arbeit in einer Seifenfabrik und ein, wenn auch mehr als bescheidenes Auskommen. Auf Initiative eines älteren Bruders bewirbt er sich einige Jahre später um Gastarbeit in Österreich. Im Istanbuler Arbeitsamt wird er sowohl von einem österreichischen als auch einem türkischen Arzt untersucht, die vor allem die vorhandene Muskelkraft überprüfen. Am 10. April 1964 kommt Musa Firat mit einigen Kollegen am Wiener Südbahnhof an und zählt damit zu den ersten Gastarbeitern Österreichs. Die Gruppe wird mit großen Blumenkörben empfangen. Firat beginnt sofort, bei der Firma Rieserbau in Wien zu arbeiten. Das Unternehmen besorgt ihm auch eine Unterkunft, ein größeres Zimmer in der Zieglergasse, das er allerdings mit neun weiteren Gastarbeitern zu teilen hat. Als Maurer, als Maler, als Betonmischer wird er vor allem beim U-Bahn-Bau in Wien-Liesing, aber auch beim Autobahnbau eingesetzt. Die Firma bezahlt ihm einen zweimonatigen Deutschkurs, den er nach der Arbeit an der Universität Wien am heutigen Universitätsring zu besuchen hat. Die Kursteilnehmer sind allerdings fast ausschließlich Akademiker oder Studenten. Der partielle Analphabet fühlt sich in dieser Lernumgebung keineswegs wohl, ja er schämt sich sogar seiner rudimentären Schriftkenntnisse. In dieser kurzen Zeit lernt er aber doch so viel, daß er danach in seiner Firma bei Bedarf auch als Dolmetscher zwischen dem Management und den bei Rieserbau tätigen türkischen Gastarbeitern eingesetzt wird. 1969 kommt Musa Firat nach St. Pölten und ist hier als Bauarbeiter zunächst für die Firma Eberhardt, später für die Firma Weidinger tätig. In diesem Jahr gelingt es ihm auch, seine Frau Kazimet und seine beiden ältesten Kinder aus der Türkei nachkommen zu lassen. Aus Gründen mangelnden Wohnraums muß das jüngste Kind allerdings noch einige Zeit bei Verwandten in der alten Heimat bleiben. Musa Firat ist einer jener Männer, die mit ihrer Hände Arbeit das St. Pöltner Krankenhaus errichtet haben. Bis heute erinnert er sich gern daran. Nach dem jeweiligen Konkurs der beiden Baufirmen, für die er tätig war, findet Musa Firat Beschäftigung bei der damaligen Eisenhandlung Erich Marchat im Süden St. Pöltens. 19 Jahre lang ist er dort in der Auslieferung als Fahrer beschäftigt. 1995 gehen sowohl er als auch der Firmeninhaber mehr oder weniger gleichzeitig in Pension. Die beiden verbindet bis heute ein privater Kontakt.

Musa Firat hat den größten Teil seines Lebens in Österreich verbracht. Wie sieht er, frage ich, dieses Land? »Ein schönes Land, das inzwischen längst meine zweite Heimat geworden ist. Die paar Leute, die mir im Laufe der Jahre und Jahrzehnte ›Tschusch, geh nach Hause‹ gesagt haben, zählen für mich nicht. Ich habe all meine Kraft hiergelassen, nicht in der Türkei. Meine Kinder und Enkelkinder sind alle Österreicher, ich werde hier begraben werden, ich habe schon eine Grabstelle«, antwortet er mir. Um ein wenig nachdenklich hinzuzufügen: »Als ich hierhergekommen bin, hat man mich sehr freundlich empfangen. Heute ziehen sich die Leute eher zurück. Das Land wird kälter. Ich weiß nicht, woran das liegt.« Wenn er noch einmal 30 Jahre alt wäre und noch einmal vor der Auswanderung nach Österreich stünde, frage ich ihn, wie würde er sich heute entscheiden? In Istanbul wäre er nicht geblieben, antwortet er mir, allerdings in den Bergen von Dersim sehr gern. Aber das war damals einfach nicht möglich.