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Titel714

Bemerkungen

Unsere Medien machen Krieg
Welch ein Glück, in einer großen Zeit zu leben! Wir werden Zeugen, wie die westliche Wertegemeinschaft wieder einem Volk Freiheit und Demokratie bringt! Zwar verstehen wir manches nicht so genau, aber unsere Medien erklären es uns schön, und dann wissen wir, daß alles gut ist. Wir wissen auch, wer die Schurken sind und wer die Lichtgestalten. Da ist es hilfreich, wenn die Darstellungen personalisiert werden. Obama hat damals gleich den Friedensnobelpreis bekommen, aber was hat der Putin? Gar nix.

Jetzt müssen sich unsere Medien sehr aufregen, weil Rußland, nein, weil Putin völlig abgedreht ist. Läßt der so plötzlich wie grundlos Soldaten aufmarschieren, macht die Krim zum Pulverfaß. Der Imperialist! Aber schon drohen die zivilisierten Staaten des Westens mit Sanktionen. Recht so – her mit dem groben Keil.

Im Gedenkjahr 2014 kommt einem in den Sinn: So ähnlich ging es wohl auch 1914 los: »Nun wollen wir sie dreschen.« Hemmungslos wird Krieg herbeigeschrieben, herbeigelogen, herbeigehetzt. Peinlich, wie Ex-Boxer Vitali Klitschko hofiert wird, als wäre er die Ukraine in Person. Entlarvend, wie das massive Auftreten faschistischer Schlägertrupps auf dem Maidan übergangen wird. Erschütternd, wie die Verletzung von Verfassung und Recht totgeschwiegen, wie die Einsetzung einer Marionetten-»Regierung« von »Volkes« Gnaden gefeiert wird.

Und war nicht schon der Vorlauf bezeichnend gewesen? Der Beginn der Generalattacke ist immer an der Mobbing-Terminologie abzulesen: »Regime« und »Machthaber«. Wenn von Regime die Rede ist, darf man Change gleich dazulesen. Im Unterschied zu dem amtierenden Kuriositätenkabinett war Präsident Janukowitsch gewählt. Aber das spielt keine Rolle. Er ist Machthaber. Muß weg.

Mit dieser Sorte Verblödungs- und Verhetzungsmedien müssen wir leben. Wir würden sie nicht einmal los, wenn wir gegen das Regime in Berlin putschten. Aber wir können eines tun: uns auch woanders informieren. Viel Weltläufiges und Ausgewogenes findet man auf dem Fernsehkanal von Al-Jazeera. Noch besser: Russia Today. Der Sender bietet eine Fülle von Informationen, die uns sonst vorenthalten werden. Beide (englischsprachigen) Sender sind über Satellit zu empfangen, außerdem im Kabelnetz, RT dort allerdings nur mit einem Zusatzpaket. Wer das nicht bezahlen will, kann sich im Internet unter rt.com unterrichten. Und dann wieder das heimische Angebot nutzen. Zumindest bei Wetterberichten und Kochrezepten scheint es halbwegs verläßlich zu sein.

Helmut Weidemann


Gespiegelt
Das auflagenstärkste russische Wochenmagazin brachte in seiner jüngsten Ausgabe als Titelfoto die deutsche Bundeskanzlerin mit der Schlagzeile »Die Brandstifterin. Wer stoppt Merkel?« Der Sprecher der Bundesregierung erklärte dazu, dies sei eine nicht hinzunehmende Provokation, die offenbar darauf ziele, Kriegsstimmung gegenüber der Bundesrepublik anzufachen. Auch unter Respektierung der Pressefreiheit werde erwartet, daß die russische Regierung die unverantwortliche Titelei des Magazins rüge.

Vergleiche: Der Spiegel vom 10. März 2014
A. K.


Mit welchem Ziel?
Wenn – aber das ist selbstverständlich alles nur Propaganda – bewaffnete ukrainische Nationalisten unter Anführung von Politikern, die den Massenmörder Stepan Bandera zum Nationalhelden erklärt haben, Ministerien, Rathäuser, Parteihäuser, Gewerkschaftshäuser, Polizeiwachen besetzen oder in Brand stecken, wenn sie Gedenkstätten für die Befreiung vom Hitler-Faschismus zerstören, wenn sie Mitglieder der demokratisch gewählten Regierung und Abgeordnete der Regierungsparteien verprügeln, entführen, vertreiben, wenn sie – abseits der Verfassung – eine neue Regierung bilden, ohne Angehörige der russischen Minderheit, und wenn sie Russisch nicht mehr als Amtssprache dulden wollen (woraufhin das Parlament der weit überwiegend von Russen bewohnten autonomen Republik Krim die Loslösung von der Ukraine beschließt und die Aufnahme in die Russische Föderation anstrebt), dann müssen forsche deutsche Journalisten lautstark nach Sanktionen rufen. Gegen wen? Gegen Rußland selbstverständlich. Und zwar nach harten, nein härtesten Sanktionen. Mit welchem Ziel? Präsident Putin (dem das Erste Deutsche Fernsehen bescheinigt, er habe »ein Rad ab«, was niemand je über George W. Bush gesagt hätte) muß weg! Regime change nun auch in Moskau, aber schnell! Gasfelder und Pipelines unter NATO-Kontrolle! Dann kann Deutschland – 100 Jahre nach Beginn des Ersten, 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkriegs – endlich den Sieg feiern.
Arnold Venn


Der blutige Zaun
Seit dem 15. Jahrhundert hat Spanien mit Ceuta und Melilla auf dem afrikanischen Kontinent Enklaven, es sind Kolonien. Hier leben etwa 170.000 Spanier. Die Gebiete werden von Madrid und der EU hoch subventioniert. Wie Gibraltar für Spanien, so sind Ceuta und Melilla ein Stachel für Marokko. Wann Spanien auf seine Kolonien verzichtet, ist nicht abzusehen.

Ceuta und Melilla sind ein Nadelöhr für Flüchtlinge, vor allem aus der südlichen Sahara. Seit Wochen machen die beiden Gebiete Schlagzeilen. In den Wäldern rund um die spanischen Kolonien sollen rund 30.000 Afrikaner auf eine Gelegenheit zum Sprung über den mehr als fünf Meter hohen Metallgitterzaun, der von einer Lage NATO-Draht gekrönt ist, warten. Im Jahr 2013 haben es etwa 4000 Afrikaner geschafft, die Schikane zu überwinden.

Am 6. Februar versuchten etwa 400 Afrikaner vom marokkanischen Grenzübergang Tarajal, die spanische Exklave Ceuta zu erreichen. Als die marokkanische Polizei die Migranten daran hinderte, sprangen zahlreiche Afrikaner ins Wasser, um schwimmend nach Ceuta zu gelangen. Die Guardia Civil schoß auf die Flüchtlinge, bestritt dies aber später. 15 Flüchtlinge ertranken. Überlebende informierten Hilfsorganisationen über die Vorgänge.

Nach massivem Druck hat der spanische Innenminister Jorge Fernández Díaz den Einsatz der Gummigeschosse zugegeben. Darüber hinaus gibt es Videoaufnahmen, die zeigen, daß Afrikaner, die schwimmend den Strand von Ceuta erreichten, sofort von der Guardia Civil der marokkanischen Polizei übergegeben wurden. Nach geltenden Gesetzen hätten die Migranten in ein Auffanglager gebracht werden müssen, bis das Asylverfahren abgeschlossen ist. Die Izquierda Unida (Vereinigte Linke) fordert den sofortigen Rücktritt des Innenministers (Partido Popular). Die oppositionellen Sozialisten verlangen die Herausgabe der Videoaufnahmen. Und auch die EU erbittet von Spanien Aufklärung. Inzwischen hat das spanische Innenministerium ein Verbot für Gummigeschosse ausgesprochen.

Am 28. Februar schafften es 214 Afrikaner kurz nach 6 Uhr, den Metallzaun von Melilla zu überwinden. Die Flüchtlinge seien jubelnd in das Aufnahmelager gelaufen, berichtet El Mundo in ihrer Internetausgabe. Ein besonderer Anachronismus zeichnet diese Kolonie aus: Es ist die letzte Stadt in Spanien, in der noch immer ein Denkmal für den Diktator Franco steht. Auf der Inschrift ist vermerkt: von 1921 bis 1977 Befehlshaber der spanischen Legion. Bekannt wurde die Legión Española durch ihre Übergriffe und Massaker im Rifkrieg. Später, 1936, schickte Franco die Legion an die Bürgerkriegsfront.
Karl-H. Walloch


Buen vivir
Marc-Thomas Bocks wohlbegründete Warnung vor unverbindlichem Gerede über das »gute Leben« (Ossietzky 6/14) sei ergänzt durch einen Hinweis auf die ganz anderen Vorstellungen, die sich in Lateinamerika mir dem »buen vivir« oder, wie es auf Ketschua heißt, dem »sumak kawsay« verbinden. In den Verfassungen von Ecuador und Bolivien bedeutet es ein neues Konzept für Entwicklungsziele und Lebensstile. Dazu gehören die Rechte auf Wasser, Nahrung, Gesundheit, Information, Kommunikation, Arbeit, Freizeit und Bildung. Die Wirtschaft- und die Bildungspolitik sollen einem Zusammenleben ohne Elend und Diskriminierung dienen. An die Stelle der neoliberalen Wirtschaft soll eine solidarische mit Kooperation und Austausch treten. Im Zentrum des Konzepts stehen die Umverteilung des Reichtums und die Demokratisierung des Zugangs zu ökonomischen und ökologischen Ressourcen. Am Prinzip des »buen vivir« orientiert will man eine pluralistische Gesellschaft erreichen, in der das Kollektive und das Individuelle in Harmonie miteinander und mit der Natur koexistieren. Attac und Weltso-zialforen diskutieren über dieses indigene Konzept. Sie erhoffen sich davon Kraft zur Überwindung des Kapitalismus weltweit.
Manfred Lotze


Wladiwostok – Berlin per Bahn
Die Transsibirische Eisenbahnstrecke mißt 9288 Kilometer von Wladiwostok bis Moskau; bis Berlin kommen noch mal 2000 Kilometer dazu. Ich habe die Trasse oft gesehen, mit dem Rad passiert, bin an ihr entlanggefahren, habe neben ihr gezeltet und viele hilfsbereite Menschen entlang der Strecke kennengelernt. Jetzt will ich mich von Land und Leuten würdig verabschieden. Ein Flug erschiene mir unangemessen.

Vor gut zwanzig Jahren war eine Bahnfahrt durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine hochinteressante Angelegenheit. Die Menschen zogen mit ihrem Hab und Gut durch die Lande, suchten im Handel ihr Glück, da die Produktion allerorten zusammenbrach. Das machte mitteilsam: Kaum eine Mahlzeit, die man in den gemütlichen Vierer-Kupees allein einnahm. Problemlos hätte man ohne Eigenversorgung reisen können.

Jetzt bin ich zunächst ganz von den Abschiedsbegegnungen entlang der Strecke gefesselt. Immer wieder stehen meine ehemaligen Gastgeber trotz empfindlicher Minusgrade am Bahnsteig, um mir Eier, Fleisch, Piroggen, Eingewecktes oder Andenken zu überreichen. Die 11. Klasse des Amasarer Gymnasiums entrollt ein Plakat, das mir zum »Sieg« gratuliert; in Krasnojarsk schenkt man mir meine Lieblingscremetorte. Mir bleibt nichts anderes übrig, als Lebensmittel zu verteilen, will ich sie nicht wegwerfen. Ich gehe dazu in den Platzkartenwagen, den »Billigwaggon«, wo keine Türen zwischen den dünnen Hartfaserwänden der Abteile existieren. Mein Anliegen wird jedoch kaum verstanden. Und der Informationsfluß stockt. Die offene Atmosphäre, die früher eine solche Nachricht in Windeseile im Waggon verbreitet hätte, gibt es nicht mehr. Schließlich stelle ich die Lebensmittelfuhre zwischen ein paar »Ausländer«, Tadschiken oder Usbeken, Gastarbeiter, die mir sogar Geld dafür geben wollen. Lächelnd lehne ich ab.

Ein nochmaliges Treffen mit meinem Wirt aus Ulan-Ude beschämte mich. Der in Deutschland geborene Offizierssohn war inzwischen in meiner Heimat auf Urlaub und Spurensuche gewesen, hatte in einem Friedrichshainer Hostel gewohnt. »Und«, fragte ich ihn, »wie war die Gastfreundschaft? Hast du interessante Begegnungen gehabt?« »Leider nein«, antwortete er, ohne enttäuscht zu wirken. »Die Menschen hatten alle keine Zeit. Aber es war trotzdem schön …«

War das nicht einer der Gründe gewesen, die mich zu meiner Reise motiviert hatten: Ermüdung von der Überzivilisation, der gefühlten Kälte in unserer Gesellschaft? Russen, die ich nach einem Deutschlandaufenthalt über ihre Meinung zum Land befragte, hatten geantwortet: »Bei euch ist es langweilig.« Ja, so konnte man das auch ausdrücken.

Selbstverständlich gab es interessante Begegnungen im Zug. Auch wenn keiner wie ich die ganze Strecke (etwa zehn Tage) abfuhr – ab 24 Stunden Zugfahrt, behaupte ich mal, entwickelt der Mensch das natürliche Bedürfnis, sich mitzuteilen. Ich habe – auch 20 Jahre nach der Perestroika – meine Mahlzeiten nicht immer allein einnehmen müssen, den Abend mit einem Gläschen Wodka beschließen können. So schnell krempelt der allmählich das Riesenreich erfassende Kapitalismus die Gewohnheiten der Menschen nicht um. Ich wage sogar zu behaupten, daß es nie ganz gelingen wird. Und ich hoffe es, denn die Botschaft, die ich aus den fernöstlichen und sibirischen Weiten mit nach Hause bringe, steht mir am Ende meiner Reise deutlicher denn je vor Augen: Mögen die russischsprachigen Völker von dem immer noch hochgeschätzten Deutschland Impulse zur Vervollkommnung des materiellen Wohlstandes empfangen, wir können von der »weiten russischen Seele«, der Wärme und Herzlichkeit, ihrer Mitmenschlichkeit lernen oder »profitieren«, um ein gebräuchlicheres Wort zu nutzen. Ich habe meine Radtour nur deswegen so meistern können, weil sich mir hilfreiche Hände entgegenstreckten.

In Moskau steige ich um, das Zugabteil nach Berlin ist komfortabler, ich muß es mit niemandem teilen, aber ich bin auch allein! Wie zum Ausgleich hat man ins Abteil einen Spiegelschrank eingebaut, in dem Gläser und eine Glaskaraffe zum Alkoholgenuß einladen. Armseliger Ersatz, denke ich, schließe den Schrank und greife zu meinen Büchern, die mir die Zeit bis zur Ankunft am Berliner Hauptbahnhof verkürzen.
Uwe Meißner


Ungewisse Zukunft
Organisatorisch stehen die Gewerkschaften in der Bundesrepublik Deutschland immer noch einigermaßen kräftig da. Aber eine Garantie für ihre Zukunft ist das nicht, und gesellschaftspolitisch haben sie erheblich an Einfluß verloren. Da besteht Bedarf an Impulsen und Materialien für die innergewerkschaftliche Debatte: Auf welche Funktionen richten sich die Gewerkschaftsverbände aus, was kann Betriebsratsarbeit erreichen, welchen Anspruch hat gewerkschaftliche Bildungsarbeit? Und auch: Gibt es sie, die »Frauenpolitik« des DGB; wie gehen die Gewerkschaften mit Immigranten um; was ist mit den kleinen Konkurrenzorganisationen?

Zu solchen Fragen bringt ein von Burkhard Jacob herausgegebener Sammelband praxisnahe Beiträge, Autoren sind unter anderen Mag Wompel, Frank Deppe, Vera Morgenstern, Arno Klönne, Peter Kühne, Wolfgang Uellenberg van Dawen, Gisela Lossef-Tillmanns.
P. S.

Burkhard Jacob (Hg.): »DGB heute. Ordnungsfaktor, Gegenmacht, Auslaufmodell?«, Pahl-Rugenstein, 190 Seiten, 19,90 €



Grandiose Fotoschau
Die aggressive Werbung von United Colors of Benetton schockierte mit einem Foto Steve McCurrys: ein schwarzer Kormoran, aus dessen öldurchtränktem Gefieder ein rotes Auge heraussticht. Das Foto warf weltweit Fragen zur Darstellung solchen Verendens auf. Doch die großartige Retrospektive Steve McCurry (1950 in Philadelphia geboren) in der Kunsthalle Erfurt läßt nicht den Ansatz des Zynischen erkennen, weil seine grandiosen Bildfindungen das oft katastrophal Wirkliche im dokumentarischen Realismus erfassen, keine Elendsromantik, sondern zugespitzt und von Empathie getragen, in beeindruckenden Farben und einer Komposition symbolisch verdichtet. Die Ästhetik, schreckliche Dinge schön darzustellen – vor dieser Problemstellung stand schon Otto Dix mit seinen Kriegsdarstellungen –, berührt tief, so der »Tote Soldat«, den Steve McCurry im Golfkrieg 1991 vor einem ausgebrannten Panzer in Kuwait fotografierte – die starre Gebärde der schwarzen Leiche im niederregnenden Öl, das den Mittag verdunkelt. Ein Foto, das jedweder blinden Überlegung, durch Krieg etwas Gutes bewirken zu können, als unermeßliche Dummheit in die vergauckten Kriegsmäuler zurückstopft.

Im Zentrum stehen die vom Fotografen Porträtierten, an deren Gesichter McCurry nah herangeht und mit psychologischem Vermögen auf den Moment wartet, welcher uns in ihren Blicken den Einblick in ihre Seele schenkt: die stechenden, grünen Augen der schönen zwölfjährigen afghanischen Sharbat Gula; die glücklichen Augen voll kindlichem Zutrauen des tibetanischen Mädchens in chinesischer Jacke; die forschenden Augen im faltenüberzogenen Gesichts des weisen Mönchs vom Jokhang-Tempel; die geduldigen Augen der auf Tee wartenden Arbeiter; die heiteren, gelassenen Augen des Schneiders, der seine Nähmaschine aus dem Hochwasser rettet. Welch Heiterkeit, wenn über der »Frauenschura«, die sich burkatragend am Verkaufsstand berät, moderne Sportschuhe baumeln. Mit seiner hinreißenden künstlerischen Begabung schuf McCurry einprägsame Fotos zum Andenken an Menschen und Orte, an Kleepflückerinnen, Fischer, Bergleute, Bettler, Feuerwehrmänner, an das atemberaubende Panorama von See und Bergen des afghanischen Band-i-Amiv, die Betstätte des Goldenen Felsen in Birma, das mit Blumen beladene Boot auf einem See in Kaschmir ... Über schmerzhafte Spuren der Zerstörung gewinnt die Sinnlichkeit der Natur. Immer wieder wird das Elend vom Leben überwunden. McCurry wandert von Katastrophen-Gegenden in friedliche Gegenwelten einfacher Lebensweise, zur Besinnung, das menschliche Leben anders einzurichten, ohne Ausbeutung der Natur, der Völker und ohne Krieg.
Peter Arlt

Bis 22.4., Di-So 11-18, Do 11-22 Uhr



Walter Kaufmanns Lektüre
Vor allem im Osten sind seine Fotos noch vielen in Erinnerung – unvergeßliche Bilder aus fernen Ländern: das bewaffnete Liebespaar in einem Park von Hanoi, eine greise Vietnamesin am Bett ihres getöteten Enkelkinds, das mandeläugige Mädchen unter schützender Hand des Vaters – lautlose Anklagen gegen die Grauen des Krieges. Thomas Billhardt hat hingeschaut, hat den Augenblick der Wahrheit erfaßt. Wenn ein Foto mißlungen ist, dann warst du nicht nah genug dran – das blieb sein Credo, wie es das Credo seines Vorbilds Robert Capa war, der den Tod eines republikanischen Soldaten im spanischen Bürgerkrieg mit der Kamera festhielt: ein Bild, das um die Welt ging. Auch Billhardt-Fotos gingen um die Welt: das von jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer, das von dem kleinen blondlockigen Mädchen auf dem strengen Marx-Engels-Denkmal im Berliner Stadtzentrum, oder von den afrikanischen Kindern, die zwischen die Beine marschierender Soldaten gerieten, und dieser Bruderkuß Honecker-Breschnew! Auch das Bild der Palästinenser, die ihre Toten zu Grabe tragen, ging um die Welt und das Foto junger ostdeutscher Trassenbauer in der Sowjetunion wie auch das von dem Wasser schleppenden nackten Winzling in Bangladesch und dem Vietnamesenmädchen mit dem Baby im Arm, ihr angstverzerrtes Gesicht im Bombenhagel! Und, im Kontrast dazu, die strahlende Schönheit einer kubanischen Milizionärin …

Ja, Thomas Billhardt blieb wachsamen Auges in ungezählten Ländern, im Frieden wie im Krieg, oft hautnah im Brennpunkt des Geschehens, und auch dort, wo die Stille beredt ist … Und nun, im vierzehnten Jahr nach der Jahrhundertwende, hat er ein Buch mit fünfhundert seiner besten Fotos veröffentlicht, Fotos, an denen sich gegenwärtige Fotoreporter messen, weil es Bilder sind, die es in sich haben.
Walter Kaufmann

Jens Wolfram und Frank Wonneberg (Hg.): »Thomas Billhardt. Fotografie«, mit einem Essay von Steffen Lüddemann, Edition Braus, 256 Seiten, 500 Abbildungen, 49,95 €