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Krisenopfer und Krisengewinnler  (Ralph Hartmann)

Die stürmische Sozialstaatsdebatte ist ein wenig abgeflaut. Andere Themen, vor allem der Krieg in Afghanistan, haben sie zeitweilig in den Hintergrund gedrängt. Dabei war sie noch unlängst, nach dem Karlsruher Hartz-IV-Urteil und den eindringlichen Warnungen des Vizekanzlers Westerwelle vor »spätrömischer Dekadenz« und »anstrengungslosem Wohlstand« von Hartz-IV-Beziehern, wochenlang das beherrschende Thema der von den Medien angefeuerten öffentlichen Diskussion. Des Volkes Meinung war geteilt. Während nach fragwürdigen Umfragen eine knappe Mehrheit meinte, Westerwelle habe mit seinen Giftpfeilen ins Schwarze getroffen, zeigten viele andere Mitgefühl für die erbärmliche soziale Lage der Langzeitarbeitslosen sowie der Kurzzeit-, Zeit-, Leih- und Niedriglohnarbeiter. Aber bis heute blieb außer Acht, daß Landsleute am anderen Ende des sozialen Spektrums, ausgerechnet die Hochleistungsträger, die eigentlichen Krisenopfer sind.

Die Zahl der Reichen und Superreichen hat sich 2009 spürbar verringert. Von den 122 Milliardären in Deutschland verloren 23 so viel, daß sie in das Heer der Millionäre abstürzten. Der Wert der 100 größten Vermögen in Deutschland fiel dramatisch, von 324,6 auf 285,6 Milliarden Euro. Selbst die Aldi-Brüder, Karl und Theo Albrecht, gehören zu den bedauernswerten Krisengeschädigten. Ihr Reichtum verringerte sich zwischen März und Oktober 2009 von 21,5 und 18,8 Milliarden Euro auf gerade noch 17,35 und 16,75 Milliarden Euro. Was für ein Verlust!

Und auch unter den Millionären hat die Krise gewütet. Die Zahl der Dollar-Millionäre sank um 2,7 Prozent auf nur noch 809.700 deutsche Staatsbürger nebst ihren Familien. Hinter den nackten Zahlen verbergen sich schwere menschliche Schicksale, zuweilen wahre Tragödien. Schmerzlich erinnerlich ist der Schlag, den die Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz beim Untergang ihres Unternehmens erlitt. Von dem 1,3-Milliarden-Euro-Vermögen blieben ihr nur 100 Millionen, wodurch sie in eine so schreckliche Notlage geriet, daß sie, wie sie der Bild am Sonntag anvertraute, nur noch beim Discounter einkauft und sich Gemüse, Obst und Kräuter aus dem eigenen Garten holen muß. Solch Elend kann einem das Herz zerreißen, genauso wie der Anblick der Eigentümerin der Schaeffler-Gruppe, Maria-Elisabeth Schaeffler, die auf einer Mitarbeiterversammlung im mit rotem Schal verzierten Nerzmantel und mit Tränen in den Augen den Staat um Hilfe anflehte. Einigen Reichen hat die Krise so zugesetzt, daß sie an ihrem Elend verzweifelten. Einer von ihnen, der Pharma-Unternehmer Adolf Merckle, einst mit 6,9 Milliarden Euro Fünftreichster Deutschlands, erlitt solche Verluste, daß er das Leben nicht mehr lebenswert fand.

Wie anders ist doch die Lage der Hartz-IV-Bezieher. Während sich die Zahl der Millionäre verringerte, wuchs die ihre auf 6,48 Millionen im Januar 2010. Und sie verloren in der Krise nichts von ihren Bezügen, sondern gewannen im Gegenteil noch hinzu. Den Alleinstehenden beispielsweise wurde der Regelsatz per 1. Juli des Vorjahres um acht Euro auf nunmehr 359 Euro aufgestockt. Zwar gehören sie noch immer zu den 11,5 Millionen Menschen, die in Armut leben, aber im Unterschied zu manchen Millionären und Milliardären hat sich ihr Einkommen trotz des globalen Wirtschaftsdesasters erhöht. Sie sind die eigentlichen Krisengewinnler und dem »anstrengungslosen Wohlstand« ein Stück nähergekommen.

Doch in jüngster Zeit gibt es auch für Reiche, vor allem für Milliardäre, Trost und Hoffnung. Das Finanzcasino ist wieder rund um die Uhr geöffnet, und der Deutsche Aktienindex (DAX) zeigt bei allen Schwankungen nach oben: Von 4.228 Punkten am 31. März 2009 stieg er bis Ende März dieses Jahres auf 6.153 Punkte, ein Plus von über 45 Prozent. Die Tüchtigsten unter den Milliardären kamen wieder voran. Zwischen die Aldi-Brüder schob sich der Versandhauskönig und Immobilien-Magnat Michael Otto mit 13,5 Milliarden Euro, denn Theo Aldi machte weitere Verluste und nennt nur noch 12,4 Milliarden sein eigen. Hochgerackert hat sich auch die reichste deutsche Frau, Susanne Klatten, eine der Erbinnen des Quandt-Vermögens, Anteileignerin an BMW und am Chemiekonzern Altana. Mit 8,2 Milliarden Euro rückte sie vom sechsten auf den vierten Platz. Durch harte Arbeit kam auch der Bankier August Baron von Finck, Großinvestor in Immobilien, Brauereien, Hotels und nebenbei spendabler Förderer und Geförderter der FDP, voran und stieß auf Rang 5 vor; sein jetziger Vermögensstand: 5,4 Milliarden Euro.

Bei den Spitzenmanagern sieht es ebenfalls trotz der Krise nicht mehr düster aus. Ihre Verdienste waren 2008 im Durchschnitt um eine Million Euro gesunken. 2009 konnte der Sinkflug gestoppt werden. Der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann nahm 2009 mit 9,55 Millionen Euro schon fast wieder so viel wie vor der Krise ein. Dicht hinter ihm lag Jürgen Großmann von den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken RWE). Er bezog 7,16 Millionen Euro, die durch Pensionszahlungen in Höhe von 2 Millionen Euro noch ein wenig aufgebessert wurden.

Wer clever ist, weiß eben, wo Barthel den Most holt. Auch Sie können bald wie die Hartz-IVler – oder gehören Sie längst zu denen? – Ihr Einkommen steigern und zu den Krisengewinnlern gehören. Falls Sie aber Manager oder Managerin sind, sollten Sie dringend durch Massenentlassungen Personalkosten senken, so rabiat wie möglich. Diese Leistung wird sich allemal für Sie lohnen. Dafür werden Sie obendrein noch das Bundesverdienstkreuz bekommen.