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Titel0812

Freunde Israels  (Norman Paech)
Was für eine Kampagne, was für ein kollektiver Offenbarungseid. Endlich gibt es eine Stimme, die das zur Provokation und zum Skandal erheben kann, was seit Jahren bekannt ist, aber weitgehend verschwiegen wird. Ich meine nicht nur das Schweigen der Medien, in denen der »Tatbestand« zwar mitunter erwähnt aber letztlich akzeptiert wird. Es geht um die Politik, die allein die Gefährdung des »brüchigen Weltfriedens« (Günter Grass) abwenden könnte. Sie unternimmt dagegen nichts, sie treibt die Gefahr sogar voran mit der Lieferung von U-Booten, deren »Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist« (Günter Grass). Das ist unmißverständlich und klar, emphatisch in der Form eines Gedichtes, das sich zwar nicht reimt, aber den Aufschrei eines Schriftstellers, der sein langes Schweigen gegen die Heuchelei zunehmend als Lüge nicht mehr ertragen kann, umso glaubhafter macht. Eine Atommacht, die fast täglich Kriegsdrohungen gegen einen Nachbarstaat ausstößt, so daß nicht mehr darüber diskutiert wird, ob, sondern nur noch darüber, wann der Angriff erfolgt, ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Auch die Leugnung des Holocaust, die Zweifel an der Beteuerung, Atomkraft nur für zivile Zwecke einsetzen zu wollen, und die Angst vor einer feindlich gesinnten Regierung geben keine Rechtfertigung für die Drohung mit einem Angriff. Denn Teheran hat nie mit einem Krieg gegen Israel gedroht. Wer aber in dieser Situation noch Trägersysteme für den Abschuß der Atomsprengköpfe liefert, kann seine »Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden tilgen«, wenn es zu ihrem Einsatz kommt. Was ist empörender, der Tatbestand oder seine klare Benennung, die Warnung?

Für die Meute der Feuilletons und die aufgebrachten Chargen der Politik ist es die Warnung des Autors und nicht die Kriegsdrohung des Staates. Wäre es nicht Israel, wäre alle Welt alarmiert. Sie greifen zum Schraubenzieher (Frank Schirrmacher, F.A.Z.), um Gedicht und Autor soweit auseinanderzuschrauben und zu zerlegen, bis die Botschaft verschwimmt und nur noch ein »Machwerk des Ressentiments, literarisch ohne Wert« und ein »alter egozentrischer und pathetischer Mann« übrig bleiben. Sie knöpfen sich den Autor vor, verhöhnen und diffamieren ihn mit Schaum vor dem Mund – »ekelhaft«, »Hitlerrede«, »antisemitische Stereotype« –, um vor jeder Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Warnung von Günter Grass zu kneifen. Niemand nimmt Stellung zu seiner scharfen Kritik an der deutschen Politik, die in dieser gefährlichen Situation U-Boote liefert, die einen direkten Angriff auf Iran mit atomaren Raketen ermöglichen. Niemand geht auf die Forderung ein, Israels Atomwaffen unter internationale Kontrolle zu stellen – eine gemäßigte Forderung, die nicht einmal so weit geht, eine atomwaffenfreie Zone im ganzen Nahen und Mittleren Osten zu fordern.

Was treibt die hetzende Meute, den Mahner verbal zu zerfleischen, die Mahnung selbst ungeschoren zu lassen? Bestimmt nicht ihr Einverständnis mit der Mahnung. Es kann nur das Einverständnis mit dem »Tatbestand« sein, daß Israel Atomwaffen ohne internationale Kontrolle besitzt, daß es Iran ständig mit Krieg bedroht – ein Verstoß gegen das Völkerrecht (Art. 2 Ziff. 4 UN-Charta) – und daß die Bundesregierung das notwendige Trägersystem für die Atomwaffen liefert. Dies kommentarlos zu akzeptieren, ist eine Ungeheuerlichkeit und rechtfertigt noch nachträglich Grass’ Empörung über das Schweigen und die Heuchelei.

Getroffene Hunde bellen. Die ganzen Kübel von Unflat, Dreck, Haß und Ressentiments, die dieses Heer »mietbarer Zwerge« (Bertolt Brecht) über Günter Grass ausgeschüttet haben, lassen bei mir nur eine Reihe unangenehmer Eindrücke zurück: Neid über die Resonanz, die dieser Autor wieder einmal mobilisieren konnte. Haß gegenüber einem Autor, den man noch nie leiden konnte, literarisch wie politisch. Ablenkung von einem Tatbestand, weil man gegen ihn nicht argumentieren kann. Empörung über den Angriff auf ein Tabu, das man immer umschlichen und vermieden hat. Und hoffentlich auch Betroffenheit über das eigene lange Schweigen, dessen Berechtigung jetzt widerlegt worden ist.

Günter Grass ist seinem Protest gegen Atomwaffen, den er 1983 vor Mutlangen öffentlich gemacht hat, treu geblieben und hat ihn mit diesem Gedicht noch einmal verstärkt. Spät aber hoffentlich nicht zu spät – und dafür müssen wir ihm danken.