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Titel815

Berliner Theaterspaziergänge  (Jochanan Trilse-Finkelstein)

Von der Volksbühne ist es zum BE und zum DT nicht weit – eben Spaziergänge. Doch der Wegweiser wies mich zunächst nach dem Westen – zur Schaubühne am Lehniner Platz.


Der Spielplan der letzten Jahre hält sich, und »Ein Volksfeind« wird noch immer gezeigt, das weltweit beachtete Gastspiel in New York schlug Wellen. Zu Hause tat das gleich zweimal Shakespeare: »Romeo und Julia« und »Hamlet«, mit letzterem wollen wir uns beschäftigen. Dabei erinnere ich mich zahlreicher Hamlets im deutschen und internationalen Theater. Besonders in Weimar, wo sich der Sitz der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft befindet und Shakespeare – mindestens seit Goethe, später Laube und Dingelstedt – immer wertvolle Pflege zuteil geworden ist. Englische Truppen traten vielfach auf, und an einen aktiven und jungen, dabei »schlanken« Titelhelden kann ich mich erinnern. Was freilich Brechts Vorstellung von einem eher dicken Hamlet eifrig widerspricht. Der kam übrigens Horst Drinda in einer Inszenierung von Wolfgang Heinz (1964, DT) näher, wenn dieser Akteur auch nicht unbedingt dick war, doch stattlich schon.


Eine schier ewige Frage bei Hamlet-Darstellungen ist die seines vorgestellten oder echten Wahnsinns. Die Schaubühne macht es sich in der Inszenierung ihres Chefs Thomas Ostermeier zu einfach: »In ›Hamlet‹ wird aus gespieltem Wahn echter Irrsinn.« Und das sollten nun Lars Eidinger und mit ihm fünf weitere Spieler überzeugend vorstellen. Das konnte nur Tollhaus – wenn auch ein kleines – und klein als Ganzes werden. Hamlet handelt bis zur Tötung seiner Feinde von der Englandreise bis zum eigenen, von den Gegnern inszenierten Tod durch den Giftdegen überaus planvoll. Daß die Nerven dabei aufs höchste angespannt sind, nimmt nicht wunder, doch ist das kein Wahnsinn. Das hatte für mich am klarsten Wladimir Wyssozki 1974 im Moskauer Theater an der Taganka in der Inszenierung von Jurij P. Ljubimow herausgespielt – der war Rächer und Richter zugleich. Übrigens Sir Olivier ebenfalls (1950/51). Aus ihrer falschen Fragestellung zu dieser Haltung des Helden geriet die gesamte Ostermeier-Inszenierung in Schieflage – der Königshof als Ort gezielten Verbrechens um Macht wird zum Irrenhof. Schade! Man hätte sich von Voltaire bis Goethe besseren Rat holen können. Vielleicht auch beim parallel laufenden »Hamlet« im BE!?


Entschädigt für das Versagen am großen Stück wird man im besten Sinne durch eine große Leistung an einem eher kleinen, indes ebenfalls vortrefflichen Stück: »Die kleinen Füchse« der Lillian Hellman (U: 1939 New York, weltbekannt als Film mit Bette Davis). Ich konnte es schon 1957 am DT mit Inge Keller als Regina und mit Willy A. Kleinau in einer Inszenierung von Wolfgang Heinz sehen. Diesmal mit Nina Hoss, das war ebenfalls großartig. Und inszeniert hatte wieder Thomas Ostermeier. Thematisch war das gar nicht so weit vom großen Klassiker entfernt – es ging ebenfalls um Macht und das mit allen Mitteln zwischen Haß und Liebe, nur eben nicht mit Degen und Gift, sondern mit modernen Mitteln des Verrats, also mit Börsenpapieren und allen Elementen mieser großer Geschäfte, vereinfacht: um Geld, was eben heutige Macht vor allem gibt und ausmacht. Zwei feindliche Familien, die Giddens und die Hubbards, alle Bank- und Finanzleute, feiern Familienfeste beziehungsweise tun so und bekämpfen sich bis auf den Dollar, früher sagte man: bis aufs Messer. Führend die Frauen Regina (also Hoss) und Birdie (die ebenfalls großartige Ursina Lardi). Welch ein Glück für ein Ensemble, das für so große und fulminante Rollen solche Spielerinnen hat! Etwas – wenngleich vermanschter – Feminismus spielt da auch mit hinein. Die Männer können sich ebenfalls sehen lassen – es spielte ein richtig gutes Ensemble. Der kalten Atmosphäre in Lebensbeziehungen und Gesinnungen der Figuren entsprach so ein kaltstählernes Ambiente von Jan Pappelbaum, der selbst die Drehbühne als Metapher einsetzen konnte – es dreht sich halt alles im Kreis. Lediglich die Popmusik hätte ich gern vermißt – gibt zu viel plärrige Lautstärke. Das Hohelied Salomos im Programmheft, ein schnurriger Einfall – es zitiert »die kleinen Füchse«.