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Titel816

Charons Boote im Mittelmeer  (Maria Michel)

Dieses Gemälde von Ronald Paris konnten wir in seinem Atelier sehen, als es noch auf der Staffelei stand, umgeben von Skizzen und Entwürfen. Ein farbstarkes Werk (100x120 cm), das aktuell ist und tief beeindruckt. Ein Vergleich zur griechischen Mythologie drängt sich auf. Dem Fährmann Charon, Diener des Herrn der Unterwelt Pluto, fällt die Aufgabe zu, die Seelen der Verstorbenen über die Flüsse des Hades – Styx, den Fluss des Hasses; Acheron, den Fluss des Leides; Lethe, den Fluss des Vergessens; Kokytos, den Fluss der Klage, und Phlegeton, den Fluss des Feuers – ins Totenreich zu führen. Dafür müssen sie einen Obulus, den Charonspfennig, bezahlen.


Eine mörderische Reise steht ihnen bevor, ein Thema, das Maler immer wieder aufgegriffen haben, unter anderem Michelangelo in seinem Fresko »Das Jüngste Gericht« in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans, Luca Giordano in einem Deckengemälde in Florenz oder der Maler, Illustrator und Bildhauer Gustave Doré in einem Blatt zu Dantes »Inferno«.


Ronald Paris lenkt den Blick des Betrachters in ein großes Boot, das fast die Leinwand füllt. Links im Hintergrund des Bildes entfernt sich ein weiteres, zum Sinken überladenes Boot, dessen Segel schlaff herunterhängt. Die Draufsicht auf das große Boot erinnert an Max Beckmanns Gemälde »Untergang der Titanic«

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Der Maler lässt Charon, mit einem blauen Tuch umhüllt, untätig im Boot stehen. Er stützt sich auf sein Ruder und ist hilflos. Das grauenhafte Geschehen lähmt ihn, er ist erstarrt. Es ist Nacht. Ein Mann springt ins Meer, ein anderer versucht zu schwimmen, zwei Menschen klammern sich an den Bootsrand, gleichgültig blickt einer über die Hilfesuchenden hinweg. Ein weiterer Flüchtling hält jemanden zurück, der sich ins Meer stürzen will. Eine völlig erschöpfte Mutter hält ihr Baby im Arm. Ein dramatisches Bild, das verzweifelte, hoffnungslose Menschen zeigt, die ihr Hab und Gut für diese mörderische Überfahrt geben mussten.


Nach der Sage darf Charon nur Tote befördern. Muss er jetzt darauf warten, dass alle im Boot sterben? Sein Ruder steht als Senkrechte im Bild, es ragt über den Horizont. Der schwarze Himmel und das dunkle Wasser, in den Farben in ein kaltes Blau übergehend, unterstreichen das Düstere. Wie viele Menschen werden diese Überfahrt überleben? Werden sie eine neue Heimat finden, willkommen sein oder lästig?


Fotos von Leichen am Strand, darunter vielen Kindern, von Flüchtlingsunterkünften, die brennen, erreichen uns fast täglich. Wann wird es endlich gelingen, die Fluchtursachen zu bekämpfen? Niemand, der nicht in höchster Not um sein Leben bangen muss, verlässt seine Heimat.


Auf das Leid dieser Menschen will Ronald Paris aufmerksam machen. Sein Bild ist in der Ausstellung »Ronald Paris – Im Dialog mit der Landschaft« bis zum 1. Mai 2016 im Bürgerhaus »Hanns Eisler« in Königs Wusterhausen, Eichenallee 12, zu sehen (Öffnungszeiten: freitags bis sonntags 14 bis 19 Uhr, Eintritt: 1 €).