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Titel816

Idomeni, das »Dachau der Lebenden«  (Filippomaria Pontani)

Im Jahr 2014 entstand auf der sogenannten Balkanroute etwa drei Kilometer vor dem Dorf Idomeni in der griechischen Provinz Kilkìs ein Durchgangslager für Flüchtlinge vor dem Grenzübertritt nach Mazedonien. Die Grenzschließung im Herbst 2015 hat die Zahl der Flüchtlinge auf das Zehnfache der Aufnahmekapazität anstauen lassen und ein humanitäres Chaos produziert. Längs der Stacheldrahtgrenze vegetieren inzwischen mehr als 16.000 Menschen.

Idomeni ist ein Ort ohne Regeln, ohne Struktur. Auf drei halb asphaltierten, halb verschlammten Hauptwegen schleppt sich nahe der Gleise der unterbrochenen Eisenbahnlinie ein nicht abreißender Strom beladener Seelen Dantescher Reminiszenz dahin. Die Luft ist regenschwer und stechend, giftige Dämpfe steigen von improvisierten Feuerstellen in rostigen Benzinbehältern auf.


Maria Kollia-Tsaroucha, Staatssekretärin im griechischen Innenministerium, die selbst ganz in der Nähe, in Serres, geboren ist, bittet mich, genau festzuhalten, was hier zu sehen ist, damit man draußen davon erfährt. Ihr Dienstauto folgt der schmalen Spur, die die Polizei mit großer Mühe durch die Menge gebahnt hat. »Die Situation ist außer Kontrolle«, konstatiert sie mit gebrochener Stimme. Ihr Chef, der mutige, blinde Minister Panayotis Kouroublis, nenne den Ort ein neues Dachau. »Ein Dachau, aus dem die meisten lebend herauskommen werden, aber für immer gezeichnet an Körper und Seele«, präzisiert Dimitris, ein Helfer im Lager. Der Minister hatte morgens am Arm zweier Polizisten einen eher hilflos wirkenden Rundgang durchs Gelände unternommen.


Die griechische Opposition wirft der Regierung das Fehlen einer Strategie vor, damit gießt sie Öl ins Feuer und schürt die Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen, die jüngst im Hafen von Piräus bereits eskalierten. Die großen Zeitungen – von Vima bis Kathimerinì – sind voll aggressiver Leitartikel gegen Premier Tsipras‘ Politik der offenen Grenzen. Man prangert die mangelnde öffentliche Ordnung an, anstatt des politischen Handlungsvakuums einer Regierung, die mehr oder weniger zögert, eingeengt durch fehlende Geldmittel, Unsicherheit und eine atavistische Angst vor den Türken.


Während in Athen über politische Spitzfindigkeiten diskutiert wird, knüppelt die Polizei von Skopje all jene zurück, die über Nacht entfliehen konnten, die die eisigen Fluten des Grenzflusses Axiòs nicht scheuten und sie überlebten.


Das nächstgelegene Krankenhaus kann nur 20 Kranke versorgen und ist trotz der 16.000 Lagerinsassen nicht verstärkt worden. Nicht von ungefähr kommt die rechtsextreme Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi) in der Provinz Kilkìs auf zehn Prozent der Wählerstimmen, und der Ende des vergangenen Jahres auf dem Festival in Thessaloniki gezeigte Dokumentarfilm von Angelikì Kourouni über die wachsende Xenophobie denunziert die Anfälligkeit weiter Teile nicht nur der griechischen Bevölkerung für die Faszination der Hakenkreuze. Auch im von der Flüchtlingswelle überrollten Mazedonien mehrt sich die Angst vor Überfremdung.


Und dennoch ist die Realität eine ganz andere. Dass der Gespensterort Idomeni trotz alledem seit Monaten funktioniert und Hundertausende durchgeschleust hat, weist auf das Wirken von etwas Tieferliegendem hin: allilengìi. Der meist mit »Solidarität« übersetzte Begriff beruht auf dem der Wechselseitigkeit: gegenseitige Garantie und Vertrauen entspringen dem Bewusstsein eines gemeinsamen Schicksals. Laut Umfragen haben mehr als zwei Drittel der Griechen keine Angst vor Fremden, und viele sind sogar bereit, sie bei sich zuhause aufzunehmen.


Auch mein Freund Dimitris aus Thessaloniki beschloss, einfach zu helfen, und mobilisierte im Juni 2015 zusammen mit anderen die ganze Stadt: »Ich habe selbst Kinder und mich einfach geschämt wegen dem, was ich sah.« (siehe http://volunteers-thessaloniki.blogspot.gr/p/blog-page70.html) Damals gab es noch keinerlei Präsenz internationaler Hilfsorganisationen oder der Medien, nur eine internationale Schleusermafia, die die Szene kontrollierte. Nach der Augustkrise, als Bundeskanzlerin Merkel die Gute war und Österreich schwieg, ließ Tsipras alle Menschen durchreisen. Die unerträglichen Unterscheidungen nach Herkunft und Status, die auch von den linken Parteien in Europa mitgetragen werden, erfolgten erst nach den Einschränkungen im November, und mit Wintereinbruch wurde Idomeni dann zu dem Lager, das es heute ist.


Überall stehen Menschenschlangen, Alte und Kinder, unter freiem Himmel nach irgendetwas an. Über einem Ausgabestand hängt eine große Uhr mit dem eher höhnisch wirkenden Schild: Welcome to Idomeni, desgleichen auf Arabisch.
Inzwischen sind die UNO-Flüchtlingshilfe UNHCR, die Kirchen und Nichtregierungsorganisationen aktiv. Allein Dimitris Gruppe gibt täglich bis zu 5000 Mahlzeiten aus, 250 Freiwillige kochen und verteilen, das ist viel, aber noch nicht genug. Immerhin weist es auf eine breite Solidarität der Bevölkerung vor Ort hin – trotz des wirtschaftlichen Komas Griechenlands, wo Löhne und Renten in den letzten sieben Jahren halbiert worden sind und Tsipras‘ Anpassungspolitik an die Troika-Diktate weitere Einschränkungen erfordert. Die Hoffnung auf eine Verbesserung der Lage ist geschwunden. Mindestens 20 Jahre werde es dauern, um das Niveau vor 2008 wieder zu erreichen, stellt die Presse heute in Aussicht. Wie sehr das Land unter dem Schuldenberg ächzt, steht im Abschlussbericht der Untersuchungskommission, die noch von der damaligen Parlamentspräsidentin Zoi Konstantopoulou, die die neue Syriza-Politik nicht mitträgt, eingesetzt wurde.


Nicht zuletzt deshalb hat Tsipras auch die Unterstützung ehemaliger Verbündeter in Europa verloren, vom französischen Sozialisten Mélenchon über Teile von Podemos bis zum Briten Jeremy Corbyn (Labour Party), die inzwischen eher mit der neuen Formation von Varoufakis sympathisieren, während Tsipras mit der europäischen Sozialdemokratie in Paris konferiert.


Dimitris interessiert sich für große Politik nur insoweit, wie sie sich auf das Leben der Menschen direkt auswirkt. Wenn dort keine Verbesserung absehbar ist, so fürchtet er, wird auch die spontane Hilfsbereitschaft irgendwann an ihre Grenzen stoßen und in die klassischen Kriege unter den Armen münden.


Vom Aristotelesplatz in Thessaloniki, unter der Statue des nachdenklichen Mazedoniers, erstreckt sich unser Blick auf die Meerespromenade, an der die Stände des multinationalen Unilever-Konzerns heute Suppe und Arzneimittel an die Armen austeilen. In den Schlangen vermischen sich Migranten und Einheimische, Sprachen und Farben: Afghanen, Griechen, Iraker, Syrer, Bengalen. Am Morgen wurden weitere 260 Flüchtlinge von den Inseln vorerst in leeren, kalten Hallen am Hafen untergebracht, weit mehr werden noch erwartet, daneben stapeln sich Hilfsgüter. 450 Mahlzeiten sollen zunächst von der Uni-Mensa bereitgestellt werden, danach muss man weitersehen. Das hochgesteckte Ziel der Behörden, die Lager von Chios, Lesbos und selbst von Idomeni in wenigen Wochen zu leeren und die Menschen hier und im Süden Mazedoniens unterzubringen und nicht mehr in Athen, wie im letzten Dezember, erscheint eher unerreichbar. Thessaloniki fällt dabei eine zentrale Rolle zu, die große Kaserne von Diavatà beherbergt bereits 2000 Menschen, und der Bürgermeister Yannis Boutaris unterstützt die Xenophilie-Kampagne des Völkerkunde-Museums und erinnert im Fernsehen an die Traditionen der seit dem 16. Jahrhundert größten sephardischen Gemeinde Europas, die dann den höchsten Blutzoll während der deutschen Okkupation (1941-1944) entrichten musste.


Unweit von denen, die heute alles verloren haben, und dazu gehören inzwischen viele obdachlose Griechen, füllen sich die umgebauten Hallen des neuen Film- und Fotografiemuseums mit Zuschauern, die das Dokumentarfilmfestival besuchen, wo auch Filme über jenes Elend gezeigt werden, das sich nur zwei Kilometer entfernt in den Notunterkünften abspielt.


Für Dimitris hat das ganze biblische Ausmaße. Hier wirkt das in den Hauptstädten des Nordens gepriesene Resultat des letzten EU-Gipfels lächerlich und tragisch zugleich, es zeugt vom schuldhaften Delirium, das Europa zerstört: 70.000 Syrer sollen in die Türkei zurückgeschickt werden, kein Wort darüber, was mit den übrigen 45.000 Menschen im Lande passieren soll, all denen, die hier bei Idomeni und anderswo vor sich hin vegetieren. Kein Wort darüber, in welche Situationen die Menschen in der Türkei Erdoğans gelangen werden, ganz zu schweigen von den Kurden. Dass dabei das Asylrecht außer Kraft gesetzt ist, darauf weisen alle Menschenrechtsorganisationen hin. Allein das große Transparent auf den Gleisen von Idomeni gibt noch einstigen europäischen Werten Ausdruck: »Humans are more than passports.« Übrig bleibt in dieser kalten Märzluft die Asche Europas, vergiftet durch die Dioxin-Dämpfe der Feuerstellen in Idomeni.

Nach einem Bericht von Filippomaria Pontani vom 18.3.2016, veröffentlicht am 21.3. in der Online-Zeitung ilpost.it. Stark gekürzt und aus dem Italienischen übersetzt von Susanna Böhme-Kuby; mit freundlicher Genehmigung von F. P..