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Titel816

Es brannt ein Haus. Unvollständige Chronik  (Wolfgang Helfritsch)

Sprechgesang zur Balladenmelodie von »House of the rising sun«

Es brannt ein Haus am Ostseestrand,
unweit von Lütten Klein.
Die Menschen warn in großer Not,
doch ließ man sie allein.

Zwei Mädchen, eine alte Frau
erstickten in der Glut.
Das war nicht Eulenspiegels Streich,
war Möllner Türkenblut.

In Lübeck an der Meeresbucht
stehn Kirchen stolz und alt.
Sie boten fremden Menschen Schutz,
doch dann kam die Gewalt.

Es starb ein Mann im U-Bahn-Schacht
im Osten von Berlin.
Ein Messer drang ihm in die Brust,
die Leute sahn nicht hin.
Nach Magdeburg am Elbefluss
kam einer von weit her.
Man stieß ihn aus dem Autobus,
seitdem fährt er nicht mehr

In Solingen im Bergisch Land
glüht man die Klingen scharf.
Und ab und zu glüht auch ein Haus,
das Haus glüht nach Bedarf.

Aus Algier floh ein junger Mann
nach Guben in der Not.
Das Blut, das man im Hausflur fand,
bezeugte seinen Tod.

Als Kleinstadt tief im Sachsenland
war Mügeln kaum bekannt.
Seitdem man dort die Inder jagt,
ward’s populär im Land.

In Hoyerswerda ward ein Paar
um ein Haar füsiliert.
Die Polizei, die hilflos war,
hat es flugs umquartiert

In Halbe sind seit je im März
die Nazis aufmarschiert.
Wer sich dem Spuk entgegenstellt,
ward amtlich registriert.

In Bautzen hat sich mancher im
»Husarenhof« erholt.
Als Flüchtlingsunterkunft geplant,
ist er zuvor verkohlt.

Die Blutspur eines Nazi-Teams
durchzog das ganze Land.
Den Herren vom Verfassungsschutz
war davon nichts bekannt.

Von Tag zu Tag ein neuer Fall,
die Kette reißt nicht ab.
Der eine kommt ins Krankenhaus,
der andre gleich ins Grab.

O Deutschland, einig Vaterland,
wo führt dein Weg noch hin.
Nehmt mir die Angst, nehmt mir die Scham,
dass ich ein Deutscher bin.