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Titel0908

Pause bei Sloppy Joe’s  (Walter Kaufmann)
Eisige Winde fegten durch die Wolkenkratzerschluchten. Ich war froh, wenige Schritte vom Subway-Ausgang Unterschlupf gefunden zu haben: eine Spelunke, schmal und düster wie ein Hausflur, zwischen einer Pfandleihe und einem Elektroladen. Drinnen plärrte blechern ein Musikautomat. Kundschaft gab es nicht. Hinter der Theke döste ein rundlicher Mann in sich zusammengesunken auf einem Hocker. Erst als ich an der Theke Platz genommen hatte, blickte er hoch und fragte: »Was soll’s sein?«

»Was Heißes, das in die Knochen geht.«

Er stand auf, zapfte eine Tasse dampfenden Kaffee aus der Maschine und kippte Whisky dazu. »Macht zwei Dollar.«

Ich zahlte. Wortlos ließ er die Kasse klingeln. Das Getränk wärmte auf, bald fühlte ich mich wohler. Der Musikautomat war verstummt.

Von der Theke her waren Autos und Lastwagen zu sehen, die sich mit gedrosseltem Tempo über die vereiste Fahrbahn schoben. Nur wenige Fußgänger trotzten der Kälte. Vornübergeneigt gegen den Wind kämpften sie sich den Bürgersteig entlang, und keiner bemerkte den Spruch, der in ungelenker Schrift auf die Fensterscheibe der Spelunke gemalt war: »Take a spell at Sloppy Joe’s!«

»Kaum Kasse zu machen bei dem Hundewetter«, sagte der Wirt. Das mochte stimmen.

Selbst der alte Mann im dunklen Hut und dunklen Mantel, der jetzt vor dem Fenster stehengeblieben war, schien sich nicht schlüssig zu sein. Er lugte hinein, das hohlwangige stoppelige Gesicht an der Scheibe, und es dauerte, bis er die Tür aufstieß und eintrat. Er wartete, bis sich der struppige Hund, der ihm gefolgt war, in einer Ecke verkroch und dort sitzen blieb.

»Keine Bange«, murmelte er, blies sich in die Hände und stampfte mit den Füßen. »Wollen uns bloß ein bißchen aufwärmen, mein Hund und ich. Draußen ist’s kalt.
Der Blick des Wirts verfinsterte sich. »Kein Asyl hier.«
Der Alte winkte ab, klaubte einen zerknüllten Dollarschein aus seinem fadenscheinigen Mantel und legte das Geld auf die Theke. »Nichts mehr, wo das herkommt«, bekannte er. »Aber es langt doch – oder?«
»Kommt drauf an, wofür.«
»Hätte gern ein Stück rohes Fleisch.«
»Ist nicht drin«, sagte der Wirt.
»Na dann, einen heißen Tee.«
»Tee und was noch?«
»Ich sagte doch, ein Stück rohes Fleisch.«
Der Wirt musterte den Alten, nahm den Dollarschein, glättete ihn und hielt ihn gegen das Licht. »Wenigstens keine Blüte«, sagte er und steckte das Geld weg. Dann ließ er siedendes Wasser über einen Teebeutel laufen, den er in ein Glas geworfen hatte. Als er den Tee auf die Theke stellte, sah er den Hund auf einem Schemel neben dem Alten.

»So nicht!« sagte er unwirsch.
Der Alte strich dem Hund über den Kopf. Das Tier hob die Schnauze und winselte wohlig. »Ist ein guter Hund.«
»Mag sein«, sagte der Wirt. »Bloß wo er jetzt die Pfoten hat, paßt mir nicht.«
Der Alte zog eine Zeitung unter dem Mantel hervor, faltete sie zusammen und schob sie unter die Pfoten des Hundes.
»Jetzt hockt er wohl auf Ihrem Hemd?« fragte der Wirt.
Der Alte knöpfte den Mantel bis zum Kragen zu. »Besser ne Zeitung als gar kein Hemd.«
»Nun hören Sie mal gut zu«, sagte der Wirt. »In fünf Minuten sind Sie und das Tier hier weg.
»Und was ist mit dem Fleisch für den Rest von meinem Dollar?« fragte der Alte leise.
Der Wirt holte scharf Luft. Er wandte sich ab und öffnete den Kühlschrank. Der Hund beobachtete das aus schwarzen Knopfaugen, schnupperte und bellte.
»Der frißt vom Boden oder überhaupt nicht!« bestimmte der Wirt.
»Wäre schön, wenn Sie das Fleisch noch ein bißchen zerschneiden könnten«, sagte der Alte.
»Sonst noch was?«
»Bloß noch nen Pappteller.« Der Alte hielt die knochigen Hände um das heiße Glas, trank nicht, bis der Wirt das Fleisch zerschnitten und die Stücke auf einen Pappteller gelegt hatte. Er nahm den Pappteller entgegen und setzte ihn auf den Boden. Der Hund sprang vom Schemel, verschlang das Fleisch und blickte hoch. Wieder bellte er.
»Das wär’s«, sagte der Wirt, »Ihre Zeit ist um!«
»Ist um, ich weiß«, sagte der Alte. Er trank den Tee aus, öffnete seinen Mantel wieder, nahm die Zeitung und schob sie sich auseinandergefaltet unter. Dann glitt er vom Schemel und bückte sich nach dem Hund. Den Hund im Arm, drückte er mit der Schulter die Tür auf und schlurfte auf die Straße hinaus. Einen Augenblick lang stand er dort, unentschlossen, wohin er gehen sollte, dann schickte er sich an, die Straße zu überqueren, und verschwand im Gewühl des Verkehrs.
»Sachen gibt’s!« sagte der Wirt.
Ich ließ den Blick über die Spiegelschrift auf der Fensterscheibe gleiten.
»Mach mal Pause bei Sloppy Joe’s«, sagte ich.
»Wer kein Geld hat, hat nichts zu erwarten«, sagte der Wirt. »Ist überall so.«
Ich schwieg, stand auf und ging meiner Wege hinein ins frostklirrende New York.