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Kurt Pätzold – allein auf weitem Feld  (Werner Röhr)
Auf Veranlassung der Abteilung Wissenschaft des Zentralkomitees der SED wurde der Historiker Kurt Pätzold 1965 von der Akademie der Wissenschaften an die Humboldt-Universität versetzt. Am Rande des Historikertages der BRD im Oktober 1964 in Westberlin hatten einige DDR-Historiker der DDR-Akademie westdeutsche Kollegen zu einem informellen Abendgespräch eingeladen. Daran nahmen aus der DDR außer Pätzold die Mitarbeiter der Forschungsgruppen über den ersten Weltkrieg, geleitet von Fritz Klein, und über den zweiten Weltkrieg, geleitet von Günther Paulus, sowie der Direktor des Instituts, Ernst Engelberg, und seine Stellvertreter Heinrich Scheel und Horst Bartel teil. Joachim Petzold von der Forschungsgruppe erster Weltkrieg hatte ausgewählten Westhistorikern persönliche Einladungen überbracht, gekommen waren Hans Adolf Jacobsen, Martin Broszat, Jürgen Rohwer, Wolfgang Schieder, Karl Heinz Janßen und Hans Mommsen.

In der Aussprache, die keine Publizität erhielt, ging es um »methodologische Probleme der Weltkriegsforschung« und um die Beziehungen zwischen den Historiker beider deutscher Staaten. Engelberg war gegen dieses Gespräch gewesen, der zuständige ZK-Sekretär Kurt Hager aber hatte sein Placet gegeben. Ein halbes Jahr später galt das nicht mehr, sondern das Gespräch wurde als politisch leichtfertig bewertet und als Preisgabe der Klassenposition. Zum Ritual solcher Kritik gehörte die Strafe. Selbst wenn sie einen Teilnehmer zufällig traf, wirkte sie als Warnung und Drohung für andere. Strafversetzt wurden Paulus und Pätzold, die von allen Teilnehmern die untersten Positionen in der damaligen Leitungshierarchie innehatten.

Für Kurt Pätzold war der Wechsel an die Humboldt-Universität ein Glücksfall. Begünstigt durch den Zwang, einen Band des Hochschullehrbuchs »Deutsche Geschichte« mitverfassen zu müssen, fand und erschloß er sich hier seinen Forschungsgegenstand: die Verfolgung und Ermordung der deutschen und der europäischen Juden durch die Nazis. Das erste Ergebnis seiner Untersuchungen war eine Habilitationsschrift über die Judenverfolgung in der Frühphase der Nazidiktatur. Pätzold beschränkte sich nicht darauf, auch wenn er für die folgenden Phasen keine Monographie vorlegte. Der produktive marxistische Faschismusforscher wurde zu einem ausgewiesenen, international anerkannten Fachmann. In der DDR blieb er lange allein auf weitem Felde.

Die Forschungen zum Mord an den Juden im zweiten Weltkrieg sind in den letzten Jahrzehnten weltweit ausgeweitet und institutionalisiert worden, es gibt kaum eine US-amerikanische Universität, die nicht einen Lehrstuhl für »Holocaust«-Forschung eingerichtet hätte. Damit war eine Verselbständigung verbunden; die Zusammenhänge zwischen dem Mord an den Juden und dem Weltkriegsgeschehen blieben meist unbeachtet. In der bürgerlichen Forschung wurde ein ideen- oder personengeschichtlicher Ansatz zur informellen Norm. Die bestimmende Erklärung, die dem »Holocaust« gegeben wird, ist die eines unerklärbaren massenmörderischen Irrationalismus. In weit verbreiteten Mystagogien avancierte er zum religiös gefaßten Kulminationspunkt der Weltgeschichte, gepaart mit einem pseudomoralisch begründeten Erkenntnisverbot.

Pätzold hat einen materialistischen Geschichtsansatz fruchtbar machen können und seine Forschungen zur Judenpolitik der Nazis als Teil der umfassenden Faschismus- und Weltkriegsforschung begriffen. Gegen die Auffassung, daß mit dem Beginn des systematischen Mordens 1941 alle anderen Berechnungen und Rücksichten sich erledigt hätten und einzig der ideologisch verursachte Vernichtungsplan die Befehle und Handlungen geleitet habe, instisterte Pätzold quellengestützt und beweiskräftig darauf, daß die Judenpolitik der Eroberungspolitik nachgeordnet war. Und: »Ohne die Voraussetzung, daß den faschistischen Rassisten die Juden nicht als Menschen galten, gibt es keine Erklärung des Massenmordens. Doch dieser Rassenwahn gibt nur eine Koordinate für jenes System ab, in dem das Verbrechen seinen geschichtlichen Platz hat.«

Mit dem Ende der DDR und der Zerschlagung ihres Wissenschaftssystems wurde dafür gesorgt, daß materialistische Positionen in der Geschichtswissenschaft marginalisiert wurden. Das Berliner Arbeitsgericht hielt den von der Humboldt-Universität vorgebrachten Kündigungsgrund für Kurt Pätzold, er vertrete nach wie vor eine marxistische Faschismusauffassung, für so legitim, daß es ihn in seinem Urteil bestätigte.

Pätzolds Wirkungsfelder waren die Universitäten Jena und Berlin und die Geschichtswissenschaft. Letztere versteht er als eine eminent politische Disziplin, in der er in verschiedenen Positionen leitend tätig war. Daher ist seine Schilderung von Interesse, wie ignorant sich die Führung seiner Partei, der SED, die aus der Tradition der Arbeiterbewegung kam und eine berechtigte Portion Mißtrauen gegenüber der Intelligenz mitbrachte, gegenüber dem Sachverstand ihrer eigenen Wissenschaftler verhielt. In seinen Memoiren räumt Pätzold ein, die Möglichkeit einer Untergrabung der Grundlagen des staatlichen Sozialismus bis 1989 nicht gesehen oder erwogen zu haben. Seine kritischen Reflexionen über die erlebten Verfahrensweisen dieser Partei aber lassen fragen, was er wann und worüber gewußt oder gedacht hat. Die Ratlosigkeit der Führung der nicht mehr führenden Partei korrespondierte mit der Bankrotterklärung einer Intelligenz, die seit Jahrzehnten entwöhnt worden war, politisch gefragt zu werden.

Pätzolds Memoiren sind nicht nur für Historiker interessant. Sie wurden in der Absicht geschrieben, den Zerr- und Horrorbildern entgegenzutreten, die die vorherrschenden Medien über das Leben in der DDR verbreiten. Überaus instruktiv ist seine Schilderung der Abwicklung der Geschichtswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Er geißelt die Geschichte von Ignoranz, Fälschung und Heuchelei bundesdeutscher »Kollegen« als Abwickler, beschreibt die selbsterlebten Abläufe und deren wichtigste Akteure, und er spottet über die Illusionen von Fachhistorikern, die ihre Erneuerungsvorschläge der neuen Obrigkeit zur Billigung vorlegten, als ob es um die Erneuerung des Sozialismus gegangen wäre.

Kurt Pätzold verleugnet sein Leben als Sozialist nicht, er sieht in der Kapitulation der DDR und der UdSSR keinen Grund, politisch dem Sozialismus und theoretisch dem Marxismus abzuschwören. Nichts da vom Opportunismus »gewendeter« Historiker, die sich nachträglich als »instrumentalisiert« beschreiben. Pätzold schildert in Einzelfällen, zu welchen absurden Lügen manche Kollegen griffen, zu welchen Schandtaten sie sich hergaben in der schlichten Hoffnung, durch Anbiederung beim Gegner anerkannt und »berücksichtigt« zu werden. Aber er schont »die Kollegen« und verzichtet auf Namensnennung.

In seinen Erinnerungen erwähnt Pätzold, er habe 1989/90 erwogen, die wissenschaftliche Tätigkeit aufzugeben und sich in die Politik zu stürzen. Wie gut, daß er dies nicht getan hat und stattdessen seinen publizistischen Neigungen gefolgt ist. Politisch hat er so mehr erreicht, vielleicht sogar innerhalb seiner Partei, nämlich ein Massenpublikum. Und bleiben werden neben den früheren auch seine in den letzten zwei Jahrzehnten geschriebenen wissenschaftlichen Bücher, die Dokumentation der Wannseekonferenz (mit Erika Schwarz), das Buch über Eichmanns Transportoffizier Nowak (mit Erika Schwarz), die Biographien über Hitler und seinen Stellvertreter Heß sowie die in Nürnberg gehängten Kriegsverbrecher (alle mit Manfred Weißbecker) sowie über Stalingrad oder die Nürnberger Nachfolgeprozesse.

Kurt Pätzold: »Die Geschichte kennt kein Pardon. Erinnerungen eines deutschen Historikers«, edition ost im Verlag Das Neue Berlin, 319 Seiten, 19.90 €