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Bush-Wahrheit  (Monika Köhler)
Wer nichts weiß, wer keinerlei Informationen hat, wird die Bilder nicht verstehen, riesige Fotobilder. Sie hängen in der »Galerie der Gegenwart« der Hamburger Kunsthalle. Der Künstler Thomas Demand zeigt Irritierendes: keine Menschen, immer nur Räume, leer, kalt.

Die Fotoarbeit »Embassy«, entstanden 2007: ein moderner Bau, die Jalousien heruntergelassen, auf dem Balkon eine Fahne mit den Farben des Staates Niger. Bilder aus dem Inneren: ein Treppenhaus, Türen, ein Messingschild ohne Beschriftung. Ein Zimmer mit Schreibtisch, Faxgerät, Schränken – darauf ein Durcheinander von Schriftstücken, Büchern, Kuverts, angeklebten Merkzetteln. Alles leer, keine Schrift, nichts ist bedruckt. Eine halbvolle Teetasse scheint nicht hierher zu passen. Es macht den Eindruck, als wäre alles durchwühlt worden. Es soll diesen Eindruck machen. Warum?

Im Januar 2001 sei in diese Botschaft, die sich in Rom befindet, in der Nähe des Vatikans, eingebrochen worden, erfuhren wir aus den Medien. Es wurden nur Briefbögen, Stempel und Siegel gestohlen, leere Briefbögen. Wir erinnern uns an die »Watergate«-Affäre. Das hier war »Nigergate« und diente Präsident Bush als Legitimation für den Irak-Krieg. Gefälschte Dokumente, die beweisen sollten, daß Saddam Hussein größere Mengen Uran kaufen wollte, aus Afrika. Natürlich um die Atombombe zu bauen. Es hieß, eine Lieferung von 500 Tonnen Uran sei bestellt. Der italienische Geheimdienst war auch darin verwickelt.

Die Fälschungen waren unprofessionell. Der nigrische Außenminister, Allele Elhadj Habibou, hatte ein angebliches Dokument unterschrieben, angeblich im Jahr 2000. Aber da war er schon elf Jahre nicht mehr im Amt. Dennoch behauptete Bush im Januar 2003 in seiner Rede an die Nation, diese angeblichen Dokumente seien der Grund für den Irak-Krieg.

Die Fotos von Demand wirken wie Dokumentaraufnahmen, aber das ist falsch. Sie sind nur angebliche Dokumente. Es gibt keine Bilder aus dieser Botschaft. Der Fotograf begab sich unter einem Vorwand dorthin und baute später in seinem Studio diese Räume nach. Dann fotografierte er sie. Also: Fälschungen. Oder? Man merkt es kaum. Die Frage ist: Warum zeigt uns Demand etwas Nachgebautes? Weil die Informationen, auf denen ein Krieg aufgebaut wurde, so falsch waren wie diese Pseudo-Dokumentaraufnahmen. Die Nachbauten, die anstelle der Realität als Vorlage dienten, glaubte Thomas Demand zerstören zu müssen. Es geht ihm um die Bilder im Kopf, um den Mythos, der sich einnistet – auch wenn er auf einer Fälschung beruht. Daß irgend etwas nicht stimmt mit den Fotos, merkte ich erst beim Betrachten einer efeuumrankten Wand in einer anderen Fotoserie. Das Natürliche widersetzt sich der Fälschung, vielleicht.

Was den Titel der Ausstellung gibt, »Camera«, hängt oben an der Decke und ist heute alltäglich, das Überwachungsgerät.