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Brecht im Elfenbeinfahrstuhlturm  (Monika Köhler)

Michael Propfe, der Dramaturg der neuesten Bewältigung der »Dreigroschenoper« in Hamburg, weiß schon, wie man es besser gemacht hätte. Er spricht von der systemkonformen Begnadigung des großen Verbrechers Mackie Messer, die der Systemstabilisierung dient, und fährt dann fort: »An dieser Stelle wäre wieder ein Vergleich zur herrschenden Finanzszene möglich und angebracht.« Doch diese Erkenntnis setzt er in eckige Klammern, die dem Weglassen dienen.

Das Hamburger Schauspielhaus verheißt, es wolle sich an Brechts »Geist« halten – eine Spukgestalt? Brecht selbst gab für den geplanten »Dreigroschenfilm« genaue Anweisungen und Erklärungen, was aus der kriminellen Bande (»Platte«) wird: »Während die Prostituierten der Westindiadocks den Steckbrief lesen, in dem die Polizei nach einem Herrn Macheath fahndet, findet im Gesellschaftssaal eines Restaurants die Generalversammlung der Macheathplatte statt. Unter dem Vorsitz der Frau Macheath wird die Übernahme der National Deposit Bank auf legalem Wege beschlossen. Begründung: die neue Zeit.«

Ist sie angebrochen? »Wie entkommt man der Falle des Erfolgs«, fragt der Dramaturg im Programmheft und antwortet: »Unser Versuch arbeitet mit der Entkoppelung von Oberflächenaktualität, so naheliegend sie auch sein mag – von Bettlern, Armut, Banken.« Denn da geriete man »sofort in die Falle«. In Hamburg lehnt man deswegen alle Vorschläge Brechts ab und setzt die ganze »Dreigroschenoper« in den Elfenbeinfahrstuhlturm. Der »sozialkritische Impetus« des Stücks – er stört. Regisseur Jarg Pataki setzt auf die reine Kunst. Das Artifizielle des Seiltanzes in der Zirkuskuppel öffnet Raum für viele Metaphern.

Ratlos sind Patakis Artisten überhaupt nicht. Sie zelebrieren Zitate und heben sie in eine luftleere Sphäre. Die Bühne (Anna Börnsen) besteht nur aus einem Metallgerüst für einen nach vorn offenen Fahrstuhlkäfig. Den Boden bedecken Steinbrocken, auf denen Gestalten in weißen Trikots wie Lemuren oder Maden herumliegen. Wenn sie hochsteigen am Gerüst und zu Seiltänzern werden, sieht man Sicherungshaken an ihren Hüften – sie können nicht abstürzen. Kostüme (Heide Kastler) und Bühnenbild sind noch die besten Einfälle der Inszenierung.

Aber was nützt das? Brecht betonte 1955 im Gespräch mit Giorgio Strehler, gegen eine Aktualisierung habe er nichts, nur die sozialkritische Haltung dürfe nie aufgegeben werden. Aber jetzt in Hamburg zerfallen die Songs, die das Stück tragen, werden an verschiedene Personen verteilt, kostbare Museumsstücke, eingesperrt in eine längst vergangene Zeit. Die Schauspieler steigen zum Schluß alle im Fahrstuhlkäfig in den rosa Himmel auf. Den Absturz sieht man nicht.

Regisseur Pataki ist erfolgreich in die Falle des Erfolgs geraten. Frau Karasek (gekonnt: Armgard Seegers, vor allem ihr Auftritt, als sie sich mit ihrem umfangreichen Gemahl durch die zweite Parkettreihe zum Platz zwängte) bewunderte im Hamburger Abendblatt den »durchtrainierten Körper« des Mackie Messer (Tim Grobe): »Das ist kein Typ, der herumsitzend verfettet, so viel sieht man.« Und jubelte: »Ja, das könnte ein Renner werden am Deutschen Schauspielhaus.«