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Titel0912

Selbstgespräch eines Langzeitarbeitslosen  (Günter Krone)

Der Bundespräsident hat eine Rede gehalten.
Die hat mich aber mächtig begeistert.
Man kann sein Leben jetzt frei entfalten,
hat er gesagt, und wie man es meistert.

Man muß nur das Lied von der Freiheit singen
und tüchtig Verantwortung übernehmen
und phrasengeschwängerte Reden schwingen,
dann wird man fertig mit allen Problemen.

Ich bin ohne Arbeit seit mehreren Jahren
und habe die fünfzig weit überschritten.
Für mich sei der Zug längst abgefahren,
hieß es, wenn ich kam, um Arbeit zu bitten.

Ich habe mich hunderte Male beworben.
Doch stets bin ich abgewiesen worden.
Da ist jedes Mal ein Stück Hoffnung gestorben.
Und oftmals gedacht‘ ich, mich selbst zu ermorden.

Jetzt nach der Rede des Präsidenten
kann ich das Schicksal nicht mehr beklagen.
Ich weiß jetzt, es liegt in meinen Händen.
Ich muß nur selber Verantwortung tragen

und meine persönliche Freiheit preisen.
Dann werde ich nicht auf der Strecke bleiben.
Freiheit und Verantwortung nämlich verheißen
mir vollen Erfolg von Bewerbungsschreiben.

Ich stecke die beiden in Briefumschläge,
um sie den Bewerbungen beizufügen,
und bin ganz sicher: Auf diesem Wege
werde ich umgehend Arbeit kriegen.