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Freiheit der Wissenschaft  (Michael Hartmann)
Konservative Politiker und Standesvertreter preisen seit Jahrzehnten in öffent-lichen Reden die Autonomie der Wissenschaft als hohes Gut. Wer unter den Älteren erinnert sich nicht an den Bund »Freiheit der Wissenschaft«, der vor dem Bundesverfassungsgericht erfolgreich die drittelparitätische Mitbestimmung von Professoren, Angestellten und Studierenden an den Hochschulen kippte, weil sie vermeintlich die Autonomie der Wissenschaft gefährdet hätte. Dennoch hatte dieser Begriff immer einen wahren Kern. Die Wissenschaft folgte trotz aller Abhängigkeiten von der Wirtschaft und aller Eingebundenheit in die Interessen- und Klassenkonflikte der Gesellschaft doch einer anderen Logik als die Kapitalverwertung. Ganz allgemein in Marxschen Kategorien gesprochen zeichnete sie als »unmittelbar gesellschaftliche Arbeit« stets eine gewisse Widerspenstigkeit gegenüber privater Aneignung aus. Dieser Widerspruch hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich verschärft. Die unter dem Banner der Deregulierung öffentlicher Aufgaben und der Output-Steuerung durchgeführten Hochschulreformen haben die Situation der Hochschulforschung gravierend verändert.

Die Finanznot der Hochschulen hat deren Neigung verstärkt, jede Form externer Finanzierung zu akzeptieren. So sind Stiftungsprofessuren in Mode gekommen, bei denen nur die direkten Gehaltskosten der Professur von den externen Finanziers getragen werden, und das in der Regel nur für fünf Jahre. Private Geldgeber können auf diesem Weg mit relativ geringen Mitteln dauerhaften Einfluß auf Strukturentscheidungen und die Ausrichtung der Forschung nehmen. Noch weit wirksamer sind zwei andere Maßnahmen: Die Verschiebung der Hochschulfinanzierung weg von den staatlich erbrachten Grundmitteln zu den Drittmitteln und die zunehmende Orientierung der Grundmittelvergabe an sogenannten Leistungsindikatoren. Seit 1995 sind die staatlichen Grundmittel für die Hochschulen um nicht einmal acht Prozent gestiegen, die Drittmittel haben sich demgegenüber mehr als verdoppelt. Dadurch sind die Drittmittel von elf auf deutlich über 20 Prozent des Gesamtbudgets angewachsen. Bei den universitären Forschungsausgaben hat sich das Verhältnis sogar umgekehrt: Der Anteil der Drittmittel ist seit 1995 von einem auf fast zwei Drittel gestiegen. Gleichzeitig hat sich die sogenannte leistungsorientierte Mittelverteilung durchgesetzt, bei der ein stetig wachsender Teil der Hochschulgelder, bisher zumeist 20 bis 25 Prozent, anhand weniger zentraler Kriterien vergeben wird. Zu diesen Kriterien zählt immer der Umfang der Drittmittel, in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel mit einem Gewicht von 40 Prozent.

Das hat Konsequenzen für die wissenschaftliche Arbeit an den Hochschulen. Eine der gravierendsten ist das »Hamsterrad«. Da die Grundmittel trotz ständig zunehmender Studierendenzahlen real kaum noch steigen, wird der Wettlauf um diese Gelder immer intensiver. Angesichts der nun gültigen Leistungskriterien muß jede Hochschule, will sie nicht Kürzungen riskieren, die Drittmitteleinwerbung steigern. Das wissen alle und sie handeln dementsprechend. In der Konsequenz werben dann alle ständig mehr Drittmittel ein, so daß letztlich sogar deren Steigerung mit einer Senkung der Grundmittel Hand in Hand gehen kann. Das haben manche Hochschulen in den letzten Jahren schmerzlich erfahren müssen. Drittmittel sorgen also nicht wie früher dafür, daß man zusätzliches Geld für die Forschung ausgeben kann, sie werden mehr und mehr zur Grundbedingung für Forschung überhaupt. Unter diesen Bedingungen muß sich jeder Wissenschaftler überlegen, was er wo beantragt. Riskante Forschungsvorhaben werden gemieden, solche, die sich im Mainstream bewegen, bevorzugt. Zudem wächst die Neigung, den Vorgaben oder Wünschen der potentiellen Geldgeber entgegenzukommen.

Vielleicht noch bedenklicher ist der dauerhafte Einfluß dieser Entwicklung auf das Denken und Handeln des wissenschaftlichen Nachwuchses ausübt. Junge Wissenschaftler bekommen schnell mit, daß die Verteilung der Gelder auf Hochschul-, Fachbereichs- oder sogar Institutsebene anhand derselben Kriterien vergeben wird, die für die Mittelvergabe auf Landesebene ausschlaggebend sind. Je mehr Drittmittel eine Einheit einwirbt, desto mehr Grundmitteln darf sie erwarten. Das hat auch für die Berufungspraxis Konsequenzen. Bewerber und Bewerberinnen versuchen ihre Chancen dadurch zu erhöhen, daß sie Drittmittel angeben, die sie im Falle ihrer Berufung mitbringen würden. Es hat sich herumgesprochen, daß die mitgebrachten Drittmittel immer häufiger zu einem zentralen Element der Berufungsentscheidung werden. Für Nachwuchswissenschaftler bedeutet das: Wollen sie eine Chance im Rennen um die begehrten Professuren haben, müssen sie möglichst viele derartige Mittel akquirieren. Die Aussicht auf Drittmittel bestimmt folglich zunehmend ihre Forschungsinteressen. Von Autonomie der Wissenschaft kann daher immer weniger die Rede sein.