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Rechter Binnenpluralismus  (Thomas Wagner)
Wenn sich die erfolgreichste Zeitschrift der Rechten in Deutschland selbst Junge Freiheit (JF) nennt, provoziert das eine Reihe von Fragen. Handelt es sich um ein austauschbares Etikett oder bereits um eine politische Aussage? Welche Freiheit ist eigentlich gemeint? Wie halten es die Blattmacher mit dem Liberalismus? Hatten rechte Intellektuelle nach dem Ersten Weltkrieg nicht schon die verhaßte Weimarer Republik mit dieser Denkrichtung identifiziert? Noch Armin Mohler und Alain de Benoist bestimmten nicht den Sozialismus, sondern den Liberalismus zum Hauptfeind. Trotzdem erklärte Chefredakteur und Geschäftsführer Dieter Stein: »Die JF speist sich aus folgenden Elementen: national, konservativ, liberal.« Er hatte die Zeitung, deren erste Ausgabe im Juni 1986 erschien, zunächst mit der Absicht gegründet, die Jugendarbeit der heute längst vergessenen Freiheitlichen Volkspartei (FVP) zu intellektualisieren. Doch schon im darauffolgenden Jahr kam es zum Bruch mit der Republikaner-Abspaltung, und die Zeitschrift versteht sich seitdem als parteiunabhängig. Das nationalkonservative Selbstverständnis leuchtet bei dieser Vorgeschichte unmittelbar ein. Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang die Bezeichnung »liberal«?

Im Umfeld der JF dominieren zwei durchaus unterschiedliche Freiheitskonzeptionen. Die eine interpretiert die deutsche Geschichte als fortgesetzten Kampf um die nationale Befreiung. »Die deutsche Freiheitsbewegung von 1813 und 1848 ist unauflöslich mit der Burschenschaft und Schwarz-Rot-Gold verbunden. Eine großartige Tradition, die sich 1944, 1953 und 1989 fortsetzt«, schreibt Stein. Die andere Konzeption sieht im ungezügelten Konkurrenzkampf eines jeden gegen jeden das Ideal menschlicher Existenz. Schon vor Jahren gab die JF dem anarchokapitalistischen Ökonomen Hans-Hermann Hoppe ein Forum, um sich als »Feind des demokratischen Staates« zu stilisieren. Im Unterschied zum Nationalismus hat die heute mit dem Namen von Friedrich A. Hayek verbundene Tradition marktradikaler Elitenauswahl mit dem Staat nicht viel im Sinn. Gemeinsam ist beiden Denkrichtungen jedoch eine ausgeprägte Verachtung der Massen, des »Mobs«, die Vorstellung, daß die demokratisch-kollektive Überwindung von Herrschaftsbeziehungen weder möglich noch sinnvoll wäre. Sie verbindet ein Freiheitsbegriff, der weniger mit Demokratie als mit dem Ellenbogenrecht des Stärkeren zu tun hat. Einst hatte die Arbeiterbewegung den Liberalismus im Kampf für die Emanzipation der unterdrückten Klassen demokratisiert. Die JF gehört zu jenen publizistischen Organen, die diesen Fortschritt wieder rückgängig machen wollen.

Die Koexistenz von Nationalismus und Wirtschaftsliberalismus verweist darauf, daß sich die Wochenzeitung noch in einer anderen Hinsicht als »liberal« versteht: Ihre Redakteure versuchen einen rechten, zuweilen durchaus kontroversen Binnenpluralismus herzustellen, von dem sich der völkische Nationalist und Gegner des gleichen Wahlrechts ebenso angesprochen fühlen soll wie der Anarchokapitalist, der etatistische Preußenfan, die Antifeministin oder der radikale »Lebensschützer«. Dem Rechtspopulisten, der mit dem Bau einer weiteren Moschee den Untergang des Abendlands heraufkommen sieht, steht der strenggläubige Katholik gegenüber, der dem Konservatismus mancher Muslime auch Positives abgewinnen kann. Mit Holocaustleugnern und jener Rechten, die Stauffenbergs Attentat auf Adolf Hitler als Eidbruch und Vaterlandsverrat verurteilt und »ihr politisches Schicksal«, so Stein, »an Entlastungsversuche des NS-Terrors knüpft«, will man dagegen nichts zu tun haben. Auf diese Weise können die Blattmacher an eine Totalitarismustheorie anknüpfen, die zwischen braun und rot nicht unterscheiden will.

Mit Ausnahme der Nazi-Variante des Faschismus ist man darum bemüht, rechtes Denken im Meinungsspektrum der Republik als völlig normalen Bestandteil zu etablieren. Mittels eines offensiv geführten Kampfs für mehr Meinungsfreiheit und gegen die Political Correctness versuchen die Blattmacher mehr Resonanz im öffentlichen Diskurs zu bekommen. Den Bucherfolg von Thilo Sarrazin im Jahr 2010 bewertete man in dieser Hinsicht als den lange ersehnten Dammbruch. »Es ist eine Tür zu einer freieren politischen Debatte aufgestoßen. Jetzt gilt es, sie offen zu halten!«, kommentierte Dieter Stein. Ähnlich enthusiastisch begrüßte sein Blatt die Kandidatur Joachim Gaucks für das höchste deutsche Staatsamt. »Wir sind Präsident!«, titelte die Zeitung bereits vor dessen Wahl im Februar. Die ideologische Nähe Gaucks zum wichtigsten Selbstverständigungsorgan der Ultrakonservativen, Geschichtsrevisionisten und völkischen Nationalisten wird von einem ehemaligen Beauftragten für die Stasi-Unterlagen in Sachsen beglaubigt: »Fast alles, was er bisher sagte, würde gut in Ihre Zeitung passen«, sagte Siegmar Faust im Gespräch mit der JF.