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Freiheit, die ich meine  (Sabine Kebir)

Tuareg bedeutet »freie Menschen«, antwortet der Vater auf die Frage seines Sohnes Sidi nach der Identität der Familie, die seit einigen Jahren in Italien lebt. Hier hat er Arbeit in einer Fabrik gefunden; zwei Kinder gehen in die Schule. Für den Jüngsten hat er keine Einreiseerlaubnis bekommen, das Kind mußte im Niger zurückbleiben. Der Regisseur Fabio Caramaschi hat die Tuaregfamilie über Jahre sowohl in Italien als auch im Niger begleitet und dem dreizehnjährigen Sidi, der einmal Journalist werden will, in seinem Film »Einfache Fahrt – Die Reise eines Tuareg« die Rolle des Fragestellers gegeben. So gut die Antwort des Vaters klingt, überzeugend ist sie nicht. Der Vater gibt zu, daß er nicht freiwillig in Italien bleibt, sein Lohn aber nie ausreichen wird, um sich im Niger die Existenz aufbauen zu können, von der er einmal träumte. Sidi spürt, daß er mit seiner Frage eine Grenze überschritten hat. Sie brachte den Vater in Verlegenheit: Soviel Freiheit steht dem Sohn in der Kultur der Tuareg nicht zu.

Wenn im Schulfilmprogramm des im jährlichen Wechsel in Dortmund oder Köln stattfindenden Internationalen Frauenfilmfestivals auch von Männern gedrehte Filme aufgeführt werden, zeigt dies, daß hier keine feministische Verbohrtheit herrscht. Auch diesmal, in Köln, ging es darum, Diskriminierung jeder Art zu kritisieren. Sie trifft immer noch die Filmemacherinnen selbst. Obwohl ihre Zahl auf allen Kontinenten steigt, ist es für sie immer noch schwerer als für männliche Kollegen, an Budgets für ihre Filmpläne heranzukommen. Am ehesten scheint dies an den Ausbildungsstätten zu gelingen, die kostenlos Technik zur Verfügung stellen und in denen manchmal auch Sponsoren nach Themen und Talenten suchen. So können muslimische Einwandererinnen der ersten oder zweiten Generation, die es an eine europäische Filmhochschule geschafft haben, auch manchmal europäische Gelder akquirieren, um sich mit ihrem Herkunftsland auseinanderzusetzen. Daß dabei die neu erworbene Position den Blick verändert, offenbart der Film »Schildkrötenwut«, in dem die an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film studierende Pary El-Qalqili harte Interviews mit ihrem Vater führt – eine Konstellation wie im Tuaregfilm. Mehrfach versuchte der Vater vergeblich, sich ein Bleiberecht im Herkunftsort der Familie zu sichern, dem in Westjordanland liegenden Dorf Qalqilia. Immer wieder kehrt er nach Berlin zurück. Die Mutter öffnet ihm die Tür, aber beide sind so entzweit, daß er im Keller des Hauses lebt – mit »Schildkrötenwut«. Dort, in einer Ecke auf dem Fußboden, soll er nun seiner Tochter erklären, was ihm sein Kampf für Palästina »gebracht« hat. Schon die Frage versetzt den Vater in Rage, weil sein Kampf einem »Wir«, der kollektiven Freiheit der Palästinenser, gegolten hat. Das kann die Tochter nicht verstehen, für die Freiheit sich nur individuell realisieren kann. Sie versteht es auch nicht, nachdem sie mit dem Vater eine Reise unternommen hat, die bis in sein Haus nach Qalqilia führt, dessen Garten an die große Sicherheitsmauer grenzt, die die Israelis erbaut haben. Während der Targi Sidi an der Grenze innehielt, hinter der er den Vater und die kollektive Kultur verletzte, hört Pary El-Qalqili nicht auf, den Vater bloßzustellen: Gib endlich auf, dein Kampf ist verloren – ist ihre Botschaft.

Daß junge Palästinenser heranwachsen, die den Kampf dieses Volkes nicht mehr verstehen, weil sie sich woanders eine Existenz aufbauen konnten, suggeriert dem unbedarften Zuschauer auch der Film »Perforated Memories« von Sandra Madi, die aus einer in Jordanien lebenden Palästinenserfamilie stammt und unter anderem für al-Dschasira arbeitet. Sie filmte verarmte Bittsteller in einer elenden Behelfsbehörde – ehemalige Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) mit zum Teil beträchtlicher militärischer Vergangenheit und oft auch vielen Jahren israelischer Haft auf dem Buckel. Die Unterstützungsgelder fließen spärlich oder gar nicht – weil die PLO korrupt ist und heute andere politische Prioritäten hat. Auch dieser Film will sagen: Gebt auf! Was hat Euch Euer Kampf gebracht? Nur dem souveränen Zuschauer wird auffallen, daß diese gedemütigten Menschen ihre Würde nicht verloren haben, genauso wenig wie Parys und Sidis Väter.

Daß auch westliche Armeen ihre Veteranen nicht gerade verwöhnen, offenbarte »J`ai tant aimé« der Marokkanerin Dalila Ennadre. Sie filmte eine ehemalige Prostituierte, die von der französischen Armee zur Unterhaltung der marokkanischen Regimenter im Indochinakrieg rekrutiert worden war. Obwohl sie von Frankreich keine Unterstützung erhält und bettelarm ist, strotzt sie noch immer vor Witz und Charme, was den Film zu einem eindrucksvollen Dokument macht. »Diese Frauen haben weder damals noch heute erkannt, daß Frankreich sie uns mitgegeben hat, um uns zu demütigen«, sagt ihr Bataillonskamerad. Er bekommt 60 Euro, womit er aber nicht leben und nicht sterben kann.

Filme über die Arabellion waren nicht zu sehen. Es gäbe zu wenig qualitativ Interessantes, die Zeit sei einfach zu kurz – so die nachvollziehbare Erklärung der Veranstalterinnen. Aber der am ersten Tag der Massendemonstrationen am Tahrirplatz beendete Film »Verboten« der Ägypterin Amal Ramsis zeigte Interviews und Aktionen einer Gruppe von Widerständlern aus allen sozialen Schichten im unmittelbaren Vorfeld der Revolution. Kritisiert werden die subtilen Formen der Zensur. Abgefragt wird, was in Ägypten alles verboten war: angefangen beim Kuß zwischen Liebenden in der Öffentlichkeit bis zum Streikrecht für Arbeiter. Trotzdem wurde in der Öffentlichkeit geküßt und gestreikt. Verboten wurde dem Bus der Gruppe auch die Einreise in den Gazastreifen, wo sie ihre Solidarität mit den Palästinensern bekunden wollte. Während die künftige islamische Regierung die Kußfreiheit wohl weiterhin verweigert, werden sich die Ägypter die Freiheit, für die Palästinenser einzustehen, nicht mehr nehmen lassen – das versicherte dieser Film.