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Titel915

Der Brief des Vaters  (Conrad Taler)

Wie lange ich zu gehen haben würde, wußte ich nicht. Der Krieg war zu Ende, und ich wollte nach Hause. Vor mir lagen etwa vier- bis fünfhundert Kilometer. Züge oder Busse gab es nicht. Ich mußte den Weg zu Fuß zurücklegen. Daß der Krieg zu Ende war, hatte ich vor ein paar Stunden von russischen Soldaten erfahren, denen ich am Morgen des 9. Mai 1945 am Stadtrand von Treuenbrietzen in die Arme gelaufen war. Es war nicht meine erste Begegnung mit der Roten Armee. Eine Woche zuvor war ich in Berlin als Funker der Wehrmacht in Gefangenschaft geraten, hatte aber nach drei Tagen während einer nächtlichen Rast in Trebbin fliehen können.


Fünf Tage und fünf Nächte versteckte ich mich im Wald, bis mich der Hunger wieder in die Nähe von Menschen trieb. Aus einem Haus kamen sowjetische Soldaten gelaufen. Sie lachten und riefen immer wieder: »Woina kaput, Woina kaput.« Krieg kaputt. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was sie mir sagen wollten. Die Wehrmacht hatte kapituliert. Ich fragte nach etwas Eßbarem. Einer der Soldaten lief zurück in das Haus und brachte mir ein Stück Brot und ein Kochgeschirr halb gefüllt mit Zucker. Eine seltsame Nähe verband mich in diesem Augenblick mit den fremden Soldaten. Waren sie nicht auch arme Schweine? Einer der Rotarmisten band mir einen Fetzen weißen Stoffs um den linken Oberarm und sagte: »Du nach Chause.«


Um künftig nicht schon von weitem als Landser erkannt zu werden, so nannte man die Soldaten damals, entledigte ich mich noch am selben Tag meiner Wehrmachtsjacke und streifte eine Windbluse über, die ich am Straßenrand in einem Haufen weggeworfener Kleidungsstücke entdeckt hatte. Als ich Stunden später, wie gewohnt, an die linke Brusttasche griff, zuckte ich zusammen. Dort steckten immer die Briefe meines Vaters, die mich, wenn einmal alles vorbei war, als Sohn eines Hitlergegners ausweisen sollten. Ich hatte sie in der weggeworfenen Wehrmachtsjacke vergessen. Mit fliegendem Atem rannte ich zurück, aber inzwischen hatte jemand sämtliche Taschen geleert. Verzweifelt tastete ich den Stoff immer wieder ab und fand schließlich am unteren Rocksaum zwischen Futter und Stoff einen der Briefe, der durch ein Loch nach unten gerutscht sein mußte.


In Kurzlipsdorf, einem kleinen Ort etwa zwanzig Kilometer südlich von Treuenbrietzen, klopfte ich am Abend an die erstbeste Tür und fragte nach einem Nachtlager. Ich wurde freundlich aufgenommen. Zum ersten Mal seit Wochen schlief ich in einem Bett. Am nächsten Morgen marschierte ich weiter. Da ich nichts besaß, womit ich mich hätte ausweisen können – mein Soldbuch hatte ich weggeworfen – mied ich größere Orte. Jeden Tag legte ich etwa dreißig Kilometer zurück. In der Nähe von Pirna brachte mich ein Mann mit seinem Ruderboot ans andere Ufer der Elbe. Deren Quelle war jetzt nicht mehr gar so weit weg. Dort im Riesengebirge lag auf der tschechischen Seite mein Zuhause.


Berichte von Landsern über Greueltaten gegenüber Deutschen ignorierte ich. Was sollte mir schon passieren. Ich hatte ein gutes Gewissen, und mein Heimweh war groß. Auf Waldwegen überquerte ich bei Sebnitz die sächsisch-tschechische Grenze. Von Vrchlabi (Hohenelbe) aus rief ich meinen Vater in Trutnov (Trautenau) an und signalisierte ihm, daß ich in zwei Tagen daheim sein werde. In Hostinné (Arnau) bekam meine Zuversicht einen Dämpfer. Eine bewaffnete Zivilstreife hielt mich an. Die beiden Männer trugen Armbinden mit der Aufschrift SNB, Stráž Národné Bezpečnosti, auf deutsch Wächter der nationalen Sicherheit. »Němec?« fragten sie, Deutscher? Ich nickte. Links und rechts von je einem Bewacher flankiert wurde ich in ein Gebäude gebracht, in dem uns Männer mit umgehängten Gewehren umringten »Wo habt ihr den denn geschnappt?« fragten sie. Ihrem Verhalten entnahm ich, daß sie es gewohnt waren, Leute wie mich in Empfang zu nehmen. Auch was weiter geschehen würde, schien festzustehen. Ich sollte erschossen werden, es ging nur noch darum, wer es macht. Anscheinend dachten die Männer, daß ich sie nicht verstehe, aber ich hatte jedes Wort verstanden. Lähmendes Entsetzen befiel mich. Meine Beine wurden schwer wie Blei und mein Herz hämmerte wild gegen die Rippen. Die Auflehnung gegen das blinde Wüten des Schicksals schüttelte mich wie ein Krampf. Könnte ich jetzt doch schlafen, dachte ich, nur noch schlafen, ich bin so müde.


Mit einem Mal wurde es still. Die Anwesenden traten zur Seite und salutierten. Ein Mann in hellem Trenchcoat, den sie mit »Pane velitele«, Herr Kommandant, anredeten, fragte mich nach meinem Namen und meinem Geburtsort. Ich sei ein Vaterlandsverräter, sagte er. Niemals hätte ich als tschechischer Staatsbürger zur Wehrmacht gehen dürfen, hielt er mir vor. Einwände wischte er beiseite. An den Brief meines Vaters dachte ich nicht. »Komm mit«, sagte der Mann im hellen Staubmantel und zog mich Richtung Ausgang. Er will dich erschießen, ging es mir durch den Kopf. In einer Polizeiwache auf der anderen Straßenseite wurde ich nach Waffen durchsucht. Anschließend tastete der Mann im Trenchcoat meinen Oberkörper selbst noch einmal ab und zog mit spitzen Fingern den Brief meines Vaters aus meiner Brusttasche.


Ohne den Blick von mir zu wenden, machte er ein paar Schritte rückwärts und faltete das mit Maschine beschriebene zerknitterte DIN A 5 Blatt auseinander. Laut las er dann vor, was mein Vater geschrieben hatte. »Soll denn unsere Jugend völlig verbluten? Wann wird das Volk endlich von der Kriegsfurie erlöst?« Mit ernstem Gesicht trat der Mann, in dessen Hand mein Schicksal ganz offensichtlich lag, vor mich hin. »Dieser Brief hat dir das Leben gerettet«, sagte er gepreßt. Und an die Polizisten gewandt: »Stellt ihm einen Passierschein aus.« Dann drehte er sich um und verließ grußlos den Raum. Als ich auf die Straße trat, regnete es. Zum ersten Mal seit Wochen hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Meine innere Anspannung löste sich. Tränen schossen mir in die Augen und rannen vereint mit den Regentropfen über meine Wangen. Zögernd setzte ich einen Fuß vor den anderen. Wieder ging meine Hand zur linken Brusttasche, in der neben dem Brief meines Vaters der rettende Passierschein knisterte. Am selben Tag, zwei Wochen nachdem ich mich auf den Weg gemacht hatte, war ich zu Hause.

Der vollständige Briefwechsel aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zwischen unserem Autor und seinem Vater steht in dem Buch »Im Wirrwarr der Meinungen«, das Conrad Taler unter seinem bürgerlichen Namen Kurt Nelhiebel veröffentlicht hat (Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2013).