erstellt mit easyCMS  
Titel918

Ein Gedicht für Ossietzky  (Klaus Pankow)

Begebenheit

 

Ende Juni des Jahres 75

betrat ein Mann, kurzgeschoren,

den Kragen der zerschlissenen

Joppe hochgeschlagen, eine seltsame Zahl,

562, auf der linken Brustseite,

die Bibliothek der Oldenburger Universität

und verlangte, mit leiser Stimme,

zwei Bände über das Deutsche Mittelalter,

und, gefragt, ob er eingeschrieben sei

hier, schüttelte er den Kopf,

und hörte, daß so jeder kommen könne,

und wie er denn heiße, sagte er:

von Ossietzky, Carl und Adresse:

Lager Papenburg und das gehe nicht,

das sei keine ordentliche Adresse,

Erlaß vom Ministerium für Kultur,

und der Mann, der Ossietzky hieß,

sagte nichts mehr und ging zurück

ins Lager zu den anderen und

erzählte, daß er die Bände wieder

nicht bekommen habe.

 

 

Als ich dieses politische Gedicht von Peter Maiwald vor 35 Jahren las, war mir sofort klar, dass es in die Reclam-Anthologie »Das Erscheinen eines jeden in der Menge« (1983) aufgenommen werden musste. Peter Maiwald (1946–2008) gehörte damals zur großen Zahl von Autorinnen und Autoren, die in der Deutschen Kommunistischen Partei eine Orientierung suchten. Die bundesdeutsche Lyrik in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde von Godehard Schramm (»Meine Lust ist größer als mein Schmerz«), Klaus Konjetzky (»Poem vom grünen Eck«), Roman Ritter (»Einen Fremden im Postamt umarmen«) und eben Peter Maiwald entscheidend geprägt.

 

Endlich schien die glückliche Verbindung von subjektivem Empfinden und gesellschaftskritischer Analyse zu gelingen. »Neue Subjektivität« war das Stichwort. Das Politische war privat, und das Private wurde politisch. Tempi passati ...

 

In diesem historischen Kontext steht das lyrische Werk Peter Maiwalds, der mit seinem Gedichtband »Balladen von Samstag auf Sonntag« (1984) vom Feuilleton gefeiert wurde. Marcel Reich-Ranicki nannte das Buch »ein Ereignis«.

 

Das Gedicht »Begebenheit« entstand 1975. Im Jahr zuvor hatte der Gründungssenat der Universität Oldenburg beschlossen, die Hochschule nach Carl von Ossietzky zu benennen. Das Ringen darum dauerte siebzehn Jahre, und es war beschämend und schändlich. Erst am 3. Oktober 1991 bekam die Universität ihren Namen zuerkannt.

 

Peter Maiwalds Hommage auf Ossietzky berührt mich auch heute, denn nichts ist vergangen, nichts ist gelöst. Das Gedicht spricht für sich, und es spricht von uns.

 

Verlag und Redaktion Ossietzky danken Adrienne Maiwald für die freundliche Abdruckgenehmigung von Peter Maiwalds Gedicht »Begebenheit«.