erstellt mit easyCMS  
Titel918

Bemerkungen

Zu zahm?

Nein. Seine Analysen sind messerscharf, ohne unter die Gürtellinie zu gehen oder dogmatisch zu sein. Er formuliert präzise und stilsicher. Außerdem: Lang können viele. Er kann kurz. Auf ein- bis anderthalb Seiten bringt er seine Gedanken zu politischen Vorgängen auf den Punkt. Auch das Format der knappen »Bemerkung« beherrscht er. Die Rede ist von Kurt Nelhiebel, der unter dem öffentlich bekannten Pseudonym Conrad Taler zu den Ossietzky-Stammautoren gehört.

 

Sein Leben sind Text und Sprache. Aus einer antifaschistischen Familie in der Tschechoslowakei stammend, ließ er sich nach dem schmerzlichen Verlust der Heimat nie auf die revanchistischen Parolen der Vertriebenenverbände ein, sondern benannte klar den Zusammenhang zwischen Weltkrieg und Vertreibung. In den 1960er Jahren berichtete der heute fast 91-jährige Autor und Journalist für die Zeitschrift der israelitischen Kultusgemeinde in Wien über den Auschwitz-Prozess am Frankfurter Landgericht. Später arbeitete er für Radio Bremen, dem es erst im zweiten Anlauf gelang, ihn in die Hansestadt zu holen. Bis in die 90er Jahre war er dort Nachrichtenchef. Nicht immer waren die Beziehungen zum Sender ungetrübt, der Redakteur wurde als demokratisch unzuverlässig denunziert. »Zum Glück legten sich bremischer Freiheitssinn und hanseatische Weltoffenheit wie ein schützender Mantel um mich«, so Nelhiebel in der Rückschau.

 

Am 18. April überreichte nun der Bremer Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) Nelhiebel das Bundesverdienstkreuz am Bande. Mit seinem antifaschistischen Antrieb engagiere sich Nelhiebel seit Jahrzehnten als Publizist und historisch-politischer Journalist, unter anderem für die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus, begründete Sieling die Auszeichnung.

 

»Für einen Journalisten ist eine staatliche Auszeichnung eine zweischneidige Angelegenheit. War er vielleicht zu zahm?«, kommentierte Nelhiebel in seiner Dankesrede den Orden und fuhr fort: »Was mich betrifft, so hoffe ich, dass die Auszeichnung einer Sache zugutekommt: dem Kampf gegen den Nazi-Ungeist in jedweder Form, der Erinnerung an die ermordeten Widerstandskämpfer und alle anderen Opfer des Naziterrors, dem Kampf gegen das Vergessen. Die Erinnerung ist kein Selbstzweck, sondern als Korrektiv für gegenwärtiges Handeln unverzichtbar.«

Ganz Nelhiebel. Glückwunsch!

 

Katrin Kusche

 

 

 

Gute Arbeit, schlechtes Deutsch

Die SPD im Bundestag hat, wie sie am 29. April twitterte, »pünktlich zum Tag der Arbeit« ihr Magazin Fraktion intern mit einem Themenschwerpunkt »Zur Zukunft der Arbeit: Wie gestalten wir gute Arbeit 4.0?« herausgegeben. Begleittext: »Wer die Chancen der Digitalisierung für die Beschäftigten nutzen will, muss ihnen Sicherheiten geben.« Ja, ja: Treibt der Champagner das Blut der Werbetexter erst im Kreise (»Don Giovanni«), dann sind die Chancen sicher. Und den Beschäftigten bleibt 4.0.                     

 

K. N.

 

 

 

Parlaments-Splitter I

Ohnmacht des Parlaments? Die ist der Macht des Kapitals geschuldet.

*

Soll im Parlament mal eine heilige Kuh geschlachtet werden, findet sich immer ein Stier, der protestiert.

*

Wir haben Abgeordnete mit weißer Weste gewählt; manche muss schon nach kurzer Zeit in die Reinigung.

*

Aus einem volksverbundenen Abgeordneten wird nicht selten ein geldverbundener.

*

Abgeordnete sind laut Art. 38 des Grundgesetzes nicht an Aufträge und Weisungen gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen; immer vorausgesetzt, die jeweilige Partei hat den Fraktionszwang aufgehoben.

*

Ein Abgeordneter ist kompromissgestimmt; darüber lässt sich lange nachdenken.

*

Stimmenthaltung im Parlament müsste nur bei Heiserkeit erlaubt sein.

*

Vollsitzung des Bundestages heißt nicht, der Plenarsaal müsse voll sein; es genügt, wenn die ersten beiden Reihen spärlich besetzt sind.

*

Der Kündigungsschutz für Abgeordnete dauert vier Jahre.

*

Wie wäre es mit einer Probezeit für Abgeordnete?

*

Bürgerinitiativen – Ohrfeigen für die Volksvertreter.                    

Dietrich Lade

 

 

 

FCE04

ist weder der Name eines Fußballclubs noch ein Zusatzstoff in Nahrungsmitteln. Die Abkürzung steht für die soeben erschienene vierte Ausgabe des »FaktenCheck:EUROPA«.

 

FCE04 erscheint wie bewährt im Zeitungsformat und mit acht Seiten Umfang. Die Themen sind: der Arbeitskampf der französischen Eisenbahner gegen Bahnprivatisierung und für die Verteidigung sozialer Errungenschaften; der Zusammenschluss von 23 EU-Staaten zur Militärunion (»PSECO«); die Forderung nach einer einheitlichen 30-Stunden-Woche in der EU; die ausbeuterische »Plattform-Ökonomie« (Uber; Deliveroo et cetera) und der Widerstand gegen diese; eine Bilanz der Troika-Politik in Griechenland; der Umbau des Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) mit dem Zwang zur Sparpolitik auf Kosten der EU-Bevölkerung; die Migration in der EU und Solidarität mit den Geflüchteten sowie Aktivitäten gegen die neoliberale Politik in Deutschland, Griechenland, Frankreich und den Niederlande.

 

Die Publikation eignet sich zum Verteilen. Der Preis ab 100 Stück beträgt 15 Cent je Exemplar, darunter 25 Cent, jeweils zuzüglich Porto und Verpackung (Bezug: bestellung@faktencheck-europa.de).                                

 

Klara Lindstett

 

 

So kam ich unter die Deutschen

lautet der Titel der nun vorliegenden Autobiografie von Jochanan Trilse-Finkelstein, und er bezieht sich auf ein Zitat aus dem Roman »Hyperion« von Friedrich Hölderlin, in dem der Verfasser Idealen nachgeht und sich vergeblich nach »einer besseren Zeit« sehnt. »Ich forderte nicht viel und war gefasst, noch weniger zu finden«, setzt sich das Zitat fort. Und damit werden die Dimensionen angerissen, die sich der Autor selbst auferlegt. Jochanan Trilse-Finkelstein, der sich selbst als »Jude in deutscher Sprachgestalt« bezeichnete, war es nicht vergönnt, seine Erinnerungen, Auffassungen und »Annäherungen«, an denen er jahrelang selbstkritisch und immer wieder selbstzweifelnd gearbeitet hatte und die er »Saga« nannte, persönlich zu Ende zu bringen. Am 23. März 2017 nahm ihm der Tod die Feder aus der Hand. Sein dringender Wunsch, das Krankenhaus zu verlassen und sein Vorhaben in seinem bücher- und plakatüberladenen Wohnumfeld in der Berliner Dunckerstraße selbst zu vollenden, erfüllte sich nicht. Es ist seiner sich unter dem Mitautoren-Pseudonym Esther Grünwald bekennenden langjährigen Lebensgefährtin Barbara Roca dafür zu danken, dass er nicht nur ein biografisches, sondern ein zeit- und kulturgeschichtliches Dokument hohen Anspruchs hinterlassen konnte. Und dem Araki Verlag ist die ehrliche Anerkennung dafür zu zollen, sich an dieses politische, streitbare und unbequeme Bekenntnisbuch herangewagt zu haben. Der Inhalt ist geprägt von der Anklage gegen den Krieg, gegen den Faschismus, gegen den Genozid, gegen die Ausrottung von Völkern und ideologischen Gegnern. Und sie reicht bis in unsere unmittelbare Zeitgeschichte hinein.

 

Die Bitte der Mitautorin und Lebensgefährtin, das Buch meines Freundes Jochanan Trilse-Finkelstein zu rezensieren, überfordert mich. Ich bekenne das, obwohl wir uns in seinen letzten Lebensjahren nahegekommen waren. Ich bewunderte seine theaterhistorischen Arbeiten, besuchte mit ihm manche Aufführung der prägenden Berliner Bühnen wie auch thematisch und regional abgelegener Mini-Spielstätten und schätzte die Gradlinigkeit und Treffsicherheit seiner Bewertungen.

 

»Erinnern«, mutmaßt die letzte Umschlagseite des Buches, »das schafft im Nachhinein Geschichte, der wiederum nachgefolgt wird, was neue Geschichte schafft ...« Darüber wird nachzudenken sein, denn »Pazifismus voller Geist und Gefühl, kam er unter die Deutschen?«  

 

Wolfgang Helfritsch

 

Jochanan Trilse-Finkelstein/Esther Grünwald: »So kam ich unter die Deutschen. Jochanan Trilse-Finkelstein – Die Saga«, Araki Verlag, 680 Seiten, 48 €

 

 

 

Walter Kaufmanns Lektüre

Über lange Strecken des Buches »Die Geigen des Amnon Weinstein« konnte ich mich eines lähmenden Entsetzens nicht erwehren, und dass ich es dann doch vollständig las, hat mit den Pogrom-Erfahrungen meiner Jugend zu tun: Ich erkannte das Schicksal der hier geschilderten Juden als das sehr viel schlimmere. Der Leidensweg meiner Eltern jedoch bis hin nach Auschwitz findet wieder und wieder seine Entsprechung. Und ich fragte mich, wie es kommen konnte, dass die Bevölkerung in Polen, der Ukraine, beide unter der eisernen Ferse der Nazis damals – von den pogromartigen Exzessen im faschistischem Rumänien ganz zu schweigen – vor Mord an Frauen und Kindern nicht zurückschreckte, vor Plünderungen nicht, noch Brandstiftung, und sie ihr Judenhass dazu brachte, die Verstoßenen, die ihrer Heimat Beraubten, Menschen, die längst todgeweiht waren, auf ihren Wegen in die Vernichtung zu verhöhnen und zu drangsalieren. Langjährige Nachbarn, so steht es beschrieben, waren zu Denunzianten, zu gierigen Dieben, zu mörderischen Feinden geworden – wie sie so geworden sind, bleibt offen. Allein, dass sie zu ihren Gräueltaten von den Deutschen angestiftet wurden, erklärt ihre Grausamkeit, ihre Rachsucht nicht. Aus den tausenden und abertausenden ermordeten Juden hebt James A. Grymes, Autor und Musikprofessor an der Universität von North Carolina, eine verschwindend kleine Schar heraus, die lange überleben durfte – begnadete Musiker, die den Nazis nützlich waren, sie unterhalten, die für die Nazis spielen durften – und auch für Häftlinge in größter Not, Menschen in Todesfurcht. Für kurze Augenblicke konnten die Häftlinge die Hölle vergessen, der sie ausgeliefert waren. James Grymes erzählt von Geigern und ihren Geigen, von Musikern, die das eigne Überleben ihrer Musikalität verdankten, und von anderen, die dann doch ermordet wurden. Und auch von dem jungen Motele Schleim erzählt er, der bestellt wurde, für die SS zu spielen und nach und nach in seinem Geigen-kasten genügend Sprengstoff ins Kasino schmuggelte, um eines Nachts die gesamte schwarze Mörderbande in die Luft zu jagen. Nach dem Anschlag konnte Motele entkommen. Er fiel als Partisan bei einem Überfall auf deutsche Truppen im polnisch-ukrainischen Grenzgebiet. Quer durchs Buch erzählt James Grymes, wie so manche Geige jener jüdischen Musiker der Vernichtung entrissen wurde und später, in Friedenszeiten, in die Hände des Geigenbauers Amnon Weinstein gelangte, der die Geigen in seiner Tel Aviver Werkstatt restaurierte.

 

Motele Schleims Mut und Amnon Weinsteins unermüdlicher Einsatz verleihen dem Buch einen Schlussakkord, der aufatmen lässt.                             

 

W. K.

 

 

James A. Grymes: »Die Geigen des Amnon Weinstein«, aus dem Amerikanischen von Jürgen Reuß, Open House, 287 Seiten, 25 €

 

 

 

Schön war sie doch

Man will es einfach nicht glauben …, aber fast täglich liest man im Annoncenteil der Tageszeitung: »Klassentreffen – alte Schulkameraden/innen gesucht! Bitte melde dich!« Pennälertreffen erleben einen wahren Boom. Diese schulischen »Veteranentreffen« sind eine Epidemie. Irgendwann im vorigen Jahrtausend hat man gemeinsam die Schulbank gedrückt, hat sich jahrelang aus den Augen verloren, war in alle Winde verstreut, und plötzlich wird es höchste Zeit für ein Wiedersehen.

 

Neulich war ich bei solch einem Klassentreffen. In einer Kneipenecke saß eine Gruppe älterer Damen und Herren. Mir gegenüber ein weißhaariger Herr, den ich kritisch musterte, während ich überlegte: Ist das nicht der Bernd? Der ist aber auch ganz schön alt geworden. Das Schlimme nur: Wahrscheinlich dachte er dasselbe über mich. Aber manche sahen wirklich aus wie früher. Da saßen wir nun bei Bier und Apfelschorle, wühlten in Schulerinnerungen und blätterten in vergilbten Fotos. Die alten Geschichten wurden aufgefrischt vom Kartoffelkäfersammeln bis zum ersten Kuss auf dem Pausenhof. Es ist schon seltsam, was da auf einmal wieder alles hochkommt, als wäre es erst gestern gewesen. Bei solchen Klassentreffen wird die Vergangenheit einfach zur Gegenwart.

 

Von wegen Ruhestand, es ging es recht turbulent zu. »Hallo ihr Lieben! Weißt du noch? Mensch, ist das lange her.« Mit jedem Bier wurden die alten Anekdoten lustiger. Trotz des mehrstündigen Erinnerungsmarathons gab es am Ende das Versprechen: In zwei Jahren in alter Frische! Ehe das Seniorenheim ruft. Ja, die Schulzeit – schön war sie doch.   

 

Manfred Orlick