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Titel919

Eine Gedicht-Anthologie und ihr Schöpfer  (Manfred Orlick)

Gedichte sind sicher nicht der Lieblingsunterrichtsstoff der meisten Schüler, vor allem Gedichtinterpretationen. Trotzdem versuchen die Lehrkräfte erfreulicherweise immer wieder, Lernende an Lyrik heranzuführen. Der erfolgreichste Versuch reicht dabei fast zweihundert Jahre zurück – unternommen von Theodor Echtermeyer, dessen 175. Todestag sich am 6. Mai jährt. Seine 1836 erstmals herausgegebene »Auswahl deutscher Gedichte für die untern und mittlern Classen gelehrter Schulen« ist die einzige Lyrik-Anthologie jener Zeit, die heute noch regelmäßig Neuauflagen erlebt. Der »Echtermeyer«, wie die Gedichtsammlung stets genannt wurde, ist längst zu einer kleinen Institution in der deutschsprachigen Anthologie-Landschaft geworden.

 

Die Erstausgabe erschien 1836 in der Verlagsbuchhandlung des halleschen Waisenhauses. Das deutschlandweit einzige nachgewiesene Exemplar wird noch heute in der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen aufbewahrt und steht symbolhaft für die jahrhundertealte erfolgreiche Schulbuchproduktion in Halle. Die zweite Auflage (1839) hatte dann einen Anhang für die »obern Classen«. Es folgten Nachauflagen fast im Zweijahrestakt, so dass 1900 bereits die 33. Auflage erschien. Die 50. Jubiläumsausgabe fiel ins Kriegsjahr 1943. Der »Echtermeyer« schaffte aber nicht nur den Sprung ins 20. Jahrhundert, sondern auch ins dritte Jahrtausend: So konnten 2010 Lyrikfreunde die Jubiläumsausgabe zum 175-jährigen Bestehen des »Echtermeyer« in den Händen halten. Neben den Gedichten wurden hier auch 22 Faksimiles berühmter Dichterhandschriften und -typoskripte aufgenommen, darunter von Goethe, Hölderlin, Nietzsche und Nelly Sachs.

 

Seit der Erstausgabe war der »Echtermeyer« immer wieder Erweiterungen und Aktualisierungen unterworfen. Begann die 1836-Ausgabe noch mit Uhlands bekanntem Gedicht »Einkehr« (»Bei einem Wirte, wundermild; / da war ich jüngst zu Gaste«), so stehen in den neuesten Ausgaben die »Merseburger Zaubersprüche« am Anfang. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die chronologische durch eine Motiv-Anordnung ersetzt. Erst mit dem Herausgeber Benno von Wiese, der dem Namen des Erstherausgebers auch seinen eigenen hinzufügte, kehrte man 1954 wieder zur chronologischen Gliederung zurück. Der Germanist eliminierte außerdem Gedichte mit klischeehafter Sentimentalität. Die Ausgaben bis zu seinem Tod 1987 trugen deutlich seine Handschrift. 1990 wurde dann eine Neuausgabe von Elisabeth K. Paefgen vorgelegt, in der zahlreiche avantgardistische Lyrikformen Aufnahme fanden. In den letzten beiden Ausgaben (2005 und 2010 gemeinsam mit Peter Geist) ließ sich die Literaturwissenschaftlerin bei der Auswahl der Lyrik des 18. und frühen 19. Jahrhunderts dagegen gelegentlich von Echtermeyer selbst inspirieren.

 

Selbstverständlich entbrannte mit jeder aktualisierten Ausgabe unter Lyrikfreunden und Rezensenten immer wieder der Streit über die Eliminierung und die Neuaufnahme von Autorinnen und Autoren. Dabei sollte man vielmehr die Frage stellen: Was garantierte die Langlebigkeit des »Echtermeyer«? Dafür gibt es sicherlich einige Gründe – von der ästhetischen und didaktischen Zusammenstellung des Erstherausgebers bis zu den durchdachten Aktualisierungen, so dass der »Echtermeyer« stets den Anspruch einer Kanonbildung erfüllte.

 

Wer aber war eigentlich (Ernst) Theodor Echtermeyer? Er wurde am 12. August 1805 als Sohn eines kursächsischen Amtsinspektors in Liebenwerda geboren. Von 1818 bis 1824 besuchte er die berühmte Fürstenschule Schulpforta bei Naumburg, wo bereits sein Interesse für Literatur und Altphilologie geweckt wurde. In Halle studierte Echtermeyer zunächst auf väterlichen Wunsch Jura, doch 1827 wechselte er zum Studium der Philosophie und Philologie nach Berlin. Nach seiner Promotion (1831) und einer kurzen Lehrtätigkeit in Zeitz erhielt Echtermeyer eine Berufung als Oberlehrer an das Königliche Paedagogicum der Franckeschen Stiftungen in Halle. 1834 heiratete er, und bald kam ein Sohn zur Welt. Echtermeyer verkehrte mit den jungen Professoren der Universität und gehörte mehreren halleschen Vereinen und Gesellschaften an.

 

Für die Zwecke der Lehranstalt veröffentlichte er 1836 seine Mustersammlung deutscher Gedichte, »daß Sinn und Verständniß für Poesie an einer Reihe wahrhaft dichterischer Productionen stufenweise geweckt und gebildet werde« (aus seinem Vorwort). Mit dem Schriftsteller (und späteren Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung) Arnold Ruge gab er ab Januar 1838 die »Hallischen Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst« und den »Deutschen Musenalmanach« heraus. Die »Hallischen Jahrbücher« mit über 150 Mitautoren wurden schnell zum bedeutendsten kritischen Organ der linken Junghegelianer. Echtermeyer gab seine Stellung am Pädagogium auf, um sich ganz der schriftstellerischen Tätigkeit zu widmen. Doch er musste schwere Schicksalsschläge einstecken: Seine Frau verstarb 1838, und sein linker Arm musste amputiert werden.

 

Um der preußischen Zensur zu entgehen, erschienen die »Hallischen Jahrbücher« 1841 als »Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst« in Leipzig. Echtermeyer und Ruge mussten sich ebenfalls nach Dresden absetzen. Doch ein beginnendes unheilbares Leiden ließ Echtermeyers Kräfte schwinden; literarische Pläne wie das »Jahrbuch für Geschichte der deutschen Literatur« zerschlugen sich. Mit vielbeachteten Vorlesungen zur deutschen Literatur brillierte er noch einmal. Am 6. Mai 1844 starb er im Alter von 38 Jahren in Dresden.

 

Von Theodor Echtermeyer ist nicht einmal ein Porträt überliefert. Er ging auch nicht als Dichter in die Literaturgeschichte ein. Als Persönlichkeit vergessen, lebt er doch als Begriff bis heute weiter.