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Titel919

Kulturbolschewismus jetzt in Hamburg  (Monika Köhler)

Im Sommer 1933 noch hielt er eine Vorlesung an der Hamburger Universität – da war er schon zwangsbeurlaubt und durfte sein eigenes Museum nicht mehr betreten. Der Titel der Vorlesung: »Deutsche Kunst der letzten dreißig Jahre« wies auf sein engagiertes Eintreten für die zeitgenössische Moderne hin. Der Museumsdirektor mit Hausverbot war Max Sauerlandt, sein Haus das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Dort erinnert eine Ausstellung jetzt (bis März 2020) unter dem Titel: »Ein lebendiges Museum – Max Sauerlandt und die Hamburgische Sezession« an die Gründung dieser Vereinigung vor 100 Jahren. 350 der Exponate stammen aus der Sammlung der Hamburger Sparkasse und sind seit 2002 als Dauerleihgabe im Museum. Informationen nur durch Wandtexte – kein Katalog.

 

Zurück zur Vorlesung 1933, die 1935 sogar noch als Broschur erschien, herausgegeben von Harald Busch. In einer Vitrine aufgeschlagen der Text: »Es hat nie an denen gefehlt, die in den schöpferischen Menschen der Zeit die Zukunft zu bekämpfen versucht haben.« Dieser schöpferischen Menschen hatte sich Sauerlandt angenommen und damit des Expressionismus und der Brücke-Maler. Der Vorlesungstext weiter: »Man konnte die Olympia Manets zerschneiden: man konnte die Auswirkungen der Kunst des französischen Impressionismus nicht hemmen.« Genau das, was die Nazis versuchten, die alles Welsche als dekadent ablehnten und verbannten. Aber der aufrührerische Text geht weiter: »Man kann Gemälde von den Nägeln nehmen – solange man aber an die [sic] frei gewordenen Haken nicht die Künstler selbst aufhängen kann, die die Bilder gemalt haben, wird ihre Wirkung nicht aufhören.« War Sauerlandt ein Visionär? Sah er schon die Fleischerhaken in Plötzensee, an denen Widerstandskämpfer gehängt wurden? Die Bilder, abgenommen von den Wänden – das geschah bald, um sie als »entartet« zu diffamieren. Viele Kunstwerke der Sezessionsmitglieder standen so am Pranger. Die Sammlung moderner Kunst, die Sauerlandt für sein Museum zusammengetragen hatte – sie wurde 1937 beschlagnahmt und auseinandergerissen. Ende September 1933 hatten die Nazis ihm bereits seinen Lehrstuhl entzogen. Am Neujahrstag 1934 starb Max Sauerlandt mit 53 Jahren. Bevor er ans Hamburger Museum berufen worden war, wurde er mit 28 Jahren Direktor des Museums Moritzburg in Halle (Saale). Schon da galt seine Liebe der Moderne. Er entdeckte Emil Nolde und verschaffte ihm 1913 in Halle eine Ausstellung. Daraufhin hagelte es Kritik. Wilhelm Bode, der Generaldirektor der Staatlichen Berliner Kunstsammlungen, tat sich da besonders hervor. Auch die Brücke-Maler waren verpönt. Sauerlandt ließ sich nicht beirren und schrieb die erste Biografie über Nolde. Der dankte es seinem Förderer mit Porträts. Auch eine Skulptur – die das etwas Vogelähnliche des Sauerlandt-Kopfes betont – von Richard Haizmann, ist in Hamburg zu sehen. Er und Nolde waren keine Mitglieder der Sezession, aber Haizmann stellte mit ihnen aus. Er hatte sich 1934 nach Niebüll zurückgezogen. Nazi-Anhänger stürmten dort sein Atelier und zerstörten den größten Teil seines Werkes. Ausstellungsverbot und 1937 die Entfernung seiner Skulpturen und Bilder aus Museen – das teilte er mit vielen Sezessionsmitgliedern. Nicht Haizmann – Nolde war es, der sich den Herrschenden anpasste und sich später als Opfer darstellte.

 

In der Ausstellung: über 40 Druckgrafiken, Gemälde und Plakate. Auch freche Dekorationen für die »Zinnober«-Feste. Und ein großes Gemälde: »Die Kommission des Hamburger Künstlerfestes« 1922 von Otto Tetjus Tügel. Um einen langen Tisch sitzen nur Männer. Ich zähle zwölf. Alles in Brauntönen, ganz düster. Im Grafikraum fallen die Farbholzschnitte von Heinrich Steinhagen auf. Der in Wismar geborene Künstler schuf die Serie »In Feindes Land« während des Ersten Weltkrieges. Das Deckblatt, beschriftet: »Sr. Kgl. Hoheit dem Grossherzog Friedrich Franz 3. von Meckl. Schwerin gewidmet – 20 Holzschnitte von H. Steinhagen.« Er war als Soldat in Frankreich und Russland. Mehrere Grafikmappen entstanden, die schonungslos den Tod auf dem Schlachtfeld zeigten und die Leiden der Zivilbevölkerung. Steinhagen desertierte 1918 aus dem Lazarett, schwer verwundet. Er wurde Mitglied der KPD und gründete einen revolutionären Künstlerrat. Und er war Initiator der Hamburger Sezession. Doch bald verließ er die Gruppe mit 13 Mitgliedern. Es hatte Auseinandersetzungen über Inhalt und Aufgabe der Vereinigung gegeben.

 

Dennoch lobte der Maler Karl Kluth die »kameradschaftlich-warme Zusammengehörigkeit« ihrer Mitglieder. »Alle wurden Freunde.« Das änderte sich auch nicht, als die Nazis an die Macht kamen. Ende März 1933 wurde die 12. Sezessionsausstellung polizeilich geschlossen. »Im Interesse der öffentlichen Ordnung«. Weshalb? Deshalb: »Da die Ausstellungsobjekte in ihrer überwältigen Mehrheit zur Förderung des Kulturbolschewismus geeignet sind.« Ein Zeitungsausschnitt klärt auf. Das Gemälde von Kluth »Wegespuren II« von 1933 war der Auslöser. Eine Landschaft mit hohen Baumsäulen und im Vordergrund eine Wegkreuzung. Auf hellem Sand viele Fahrspuren: rot wie Blut und Schatten. Das genügte. Er war kein Jude, aber »entartet«. Die jüdischen Mitglieder sollten aus der Sezession ausgeschlossen werden. Auf dem letzten Treffen am 16. Mai 1933 entschieden alle, sich dem Diktat nicht zu beugen und erklärten einstimmig die Auflösung der Gemeinschaft. Was für die meisten zumindest wirtschaftliche Nachteile bedeutete.

 

Und wie erging es den durch die Rassengesetze ausgesonderten Juden? Kurt Löwengard rettete sich durch die Emigration nach London. Gretchen Wohlwill wurde aus dem Schuldienst entlassen und emigrierte später nach Portugal. In Hamburg ihr Gemälde »Die Anprobe«, zwei Frauen im intimen Beieinander. Wohlwill ist die einzige, die das Grauen überlebte, sie starb 1962 in Hamburg. Alma del Banco, ihr Bild »Mann mit rotem Buch« (1927) mit starkfarbigem Hintergrund hat Anklänge an den Kubismus. 1937 wurden 16 Werke von ihr aus der Hamburger Kunsthalle als »entartet« beschlagnahmt. Als sie 1943 die Nachricht erhielt, nach Theresienstadt deportiert zu werden, kam sie dem durch eigenhändigen Tod zuvor. Anita Rée (siehe Ossietzky 20/2017) verzweifelte schon 1933 an dem, was kommen würde, und nahm sich auf Sylt das Leben.