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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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70 Jahre Krieg um Israel

Ange­sichts des neu­en Krie­ges in und um Isra­el, wur­de mir erneut über­deut­lich klar, dass der natio­na­li­sti­sche Zio­nis­mus, als Ideo­lo­gie und Pra­xis, nach über 70 Jah­ren Krieg, end­gül­tig als geschei­tert erklärt wer­den muss. Die »India­ner­krie­ge« gegen die Palä­sti­nen­ser kön­nen so nie­mals ein Ende neh­men und schla­gen immer wie­der auch auf die jüdi­schen Israe­lis und alle ihre Lebens­be­rei­che zurück. Auch des­halb, weil die Palä­sti­nen­ser, anders als die India­ner in Ame­ri­ka, sich nicht ein­fach in mise­ra­ble Reser­va­te get­toi­sie­ren las­sen, son­dern auch Teil des israe­li­schen Staa­tes sind, wenn auch Bür­ger 2. Klas­se wie die »peop­le of color« in den USA oder die jüdi­sche Min­der­heit Jahr­hun­der­te lang in der Dia­spo­ra. Wem das Schick­sal der Juden am Her­zen liegt, muss das den Regie­ren­den in Isra­el viel deut­li­cher als bis­her sagen, gera­de auch in Deutsch­land, das so viel Leid über die jüdi­sche Min­der­heit gebracht hat. Es ist eine kon­tra­pro­duk­ti­ve Form von Soli­da­ri­tät, die dor­ti­gen Regie­ren­den immer noch poli­tisch und mili­tä­risch dar­in zu bestär­ken, ihren Irr­weg fort­zu­set­zen. Die­ser Kon­flikt lässt sich nicht durch Krieg befrie­den, son­dern nur durch einen, auch inter­na­tio­nal imple­men­tier­ten, poli­ti­schen, kul­tu­rel­len und vor allem sozia­len Aus­gleich­pro­zess, auf Augenhöhe.

Das Tra­gi­sche an der israe­li­schen Regie­rungs­po­li­tik beruht auch auf dem psy­cho­lo­gi­schen Phä­no­men, dass Men­schen, die seit jeher furcht­bar unter­drückt wer­den, selbst gewalt­tä­tig wer­den, um zu über­le­ben. Das­sel­be trifft, in gewis­sem Sin­ne auch auf die Palä­sti­nen­ser zu. Die UNO, die durch einen völ­ker­recht­lich pro­ble­ma­ti­schen Beschluss 1948, der sich über die ara­bi­sche Sei­te weit­ge­hend hin­weg­setz­te, die­sen Dau­er­kon­flikt mit­zu­ver­ant­wor­ten hat, ist nun end­lich gefor­dert, an einem neu­en aus­glei­chen­den Frie­dens­plan in und um Isra­el pra­xis­nah, mit­zu­wir­ken. Wer das Exi­stenz- und Selbst­ver­tei­di­gungs­recht Isra­els befür­wor­tet, aber nicht auch das der viel schwä­che­ren Palä­sti­nen­ser, und deren Sym­pa­thi­san­ten schlicht des Anti­se­mi­tis­mus bezich­tigt, bezieht ein­sei­tig Par­tei zugun­sten einer geschei­ter­ten Kolo­ni­al­po­li­tik und ver­kennt zugleich, dass bei­de Stra­te­gien seit jeher zum Schei­tern ver­ur­teilt sind und nur wei­ter unsag­ba­res Leid und kei­ne fried­li­che Koexi­stenz und Zusam­men­ar­beit für bei­de gebeu­tel­ten Völ­ker her­bei­füh­ren kön­nen. Das weiß die Welt­öf­fent­lich­keit schon lan­ge. Man stel­le sich vor, die gewal­ti­gen Res­sour­cen auf allen Sei­ten wären nicht ins Mili­tär, in Mord, Zer­stö­rung, Ver­trei­bung und Hass, son­dern in koope­ra­ti­ve Ent­wick­lung gesteckt wor­den. Was könn­te der gan­ze Nahe Osten für eine blü­hen­de Land­schaft sein?

Es gilt auch end­lich, die west­li­che Dop­pel­mo­ral zu hin­ter­fra­gen, dass eini­ge bewaff­ne­te Bewe­gun­gen, wie die Hamas und die His­bol­lah, als »Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen« ein­ge­stuft wer­den, ande­re hin­ge­gen als angeb­lich legi­ti­me Befrei­ungs­be­we­gun­gen, wie etwa die gegen Assad gerich­te­ten Grup­pie­run­gen, die mit­hal­fen, Syri­en völ­lig zu ver­wü­sten. Die Über­win­dung eth­ni­scher, reli­giö­ser und sozia­ler Spal­tun­gen las­sen sich nicht durch Aus­gren­zung und Krie­ge bekämp­fen, wie schon das wie­der­hol­te Desa­ster des Westens in Afgha­ni­stan beweist, son­dern vor allem durch uni­ver­sel­le Inklu­si­on, aus­glei­chen­de sozia­le und poli­ti­sche Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen und gerech­te Lebens­chan­cen für alle Bür­ger, wel­cher sozia­len und eth­ni­schen Her­kunft sie auch seien.

Das gilt selbst­re­dend auch für den Westen, wie sich an der umkämpf­ten Innen­po­li­tik in den USA und in Euro­pa zei­gen lässt. Natio­na­lis­mus, wo immer er auf­tritt, läuft auf eine patri­ar­cha­li­sche »Her­ren­men­schen-Ideo­lo­gie« hin­aus, die bis­her im Faschis­mus ihren Kul­mi­na­ti­ons­punkt erreich­te, von der aber die west­lich ori­en­tier­te Ideo­lo­gie und Pra­xis auch nicht frei sind. Einen welt­wei­ten Füh­rungs­an­spruch zu erhe­ben, der in der UN-Char­ta nir­gends vor­ge­se­hen ist, wider­spricht dem Wesen des Völ­ker­rechts, das gera­de zur Grün­dung der Ver­ein­ten Natio­nen führte.

Wolf­gang Herz­berg ist Mit­glied der Jüdi­schen Gemein­de zu Berlin