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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Abschreckung oder Kapitulation?

Zwei offe­ne Brie­fe lie­gen auf dem Tisch. Von Sor­ge getra­gen, die Kriegs­hand­lun­gen könn­ten eska­lie­ren und zu einem drit­ten Welt­krieg füh­ren: Ali­ce Schwar­zer, Andre­as Dre­sen, Mar­tin Wal­ser, Juli Zeh. Von Empa­thie und Soli­da­ri­tät mit den Ukrai­nern bestimmt, die »unse­re Sache« ver­tei­di­gen: Her­tha Müller,
Dani­el Kehl­mann, Mat­thi­as Döpf­ner, Ant­je Rávik Stru­bel. So zer­ris­sen sind wir heute.

Kein ver­nünf­ti­ger Mensch wird den Ukrai­nern, die von einem rück­sichts­lo­sen Aggres­sor über­fal­len wur­den, sein Mit­ge­fühl und sei­ne Soli­da­ri­tät ver­wei­gern. Aber die Kon­se­quen­zen, die auf bei­den Sei­ten gezo­gen wer­den, kön­nen unter­schied­li­cher nicht sein:

»Der Gefahr einer ato­ma­ren Eska­la­ti­on muss durch glaub­wür­di­ge Abschreckung begeg­net werden.«

»Die unter Druck statt­fin­den­de eska­lie­ren­de Auf­rü­stung könn­te der Beginn einer welt­wei­ten Rüstungs­spi­ra­le mit kata­stro­pha­len Kon­se­quen­zen sein, nicht zuletzt auch für die glo­ba­le Gesund­heit und den Kli­ma­wan­del. Es gilt, bei allen Unter­schie­den, einen welt­wei­ten Frie­den anzustreben.«

Abschreckung oder Kapi­tu­la­ti­on. Und die Befür­wor­ter des bewaff­ne­ten Kamp­fes schei­nen die Ober­hand zu gewin­nen. Sie haben star­ke Argumente.

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus in Deutsch­land konn­te nur durch einen bei­spiel­lo­sen, welt­wei­ten mili­tä­ri­schen Kraft­akt besiegt wer­den. Nicht, soweit er Ideo­lo­gie war, Ideo­lo­gien las­sen sich nicht mit Waf­fen­ge­walt besie­gen, son­dern nur durch die kla­re Son­ne der Ver­nunft. Besiegt und mit aller Här­te zer­schla­gen wur­den der von der brau­nen Pest ver­seuch­te Staats­ap­pa­rat, sei­ne mili­tä­ri­sche Macht, sei­ne Orga­ni­sa­tio­nen und Sym­bo­le. Die Opfer, die die­ser Sieg geko­stet hat, lie­gen in lan­gen Rei­hen auf den Sol­da­ten­fried­hö­fen über­all im ehe­ma­li­gen Kriegs­ge­biet. Das Mahn­mal für die gefal­le­nen Sowjet­sol­da­ten im Trep­tower Park ist einer davon.

Ein Gleich­ge­wicht der Abschreckung war es, das die ver­hält­nis­mä­ßig lan­ge Peri­ode des Frie­dens in Euro­pa absi­chern half. Aber, bit­te, was war das für ein Frie­den? Einer, der sich selbst auf Kosten der ande­ren mäste­te, die Kon­flikt­her­de, die über­all auf der Welt brann­ten, nicht zähl­te, der igno­rier­te, dass er selbst in einer explo­si­ven Kon­fron­ta­ti­on erstarr­te, blind vor den Kon­se­quen­zen des eige­nen Tuns.

Das Leid und die Zer­stö­run­gen, die jeder Kriegs­tag kostet, spre­chen gegen die­sen Weg. Das Land wird ver­wü­stet, die Städ­te wer­den zer­stört, die jun­gen Män­ner wer­den ver­heizt in einem sinn­lo­sen Kampf, den sie nicht gewin­nen kön­nen, Frau­en, Kin­der und Alte sind auf der Flucht.

Ein Prä­si­dent, der sein Land liebt, könn­te auch kapi­tu­lie­ren. Das wäre kei­ne Feig­heit, son­dern der Mut, auf den lan­gen Weg der demo­kra­ti­schen Ent­wick­lung zu vertrauen.

Ein Land, das den Frie­den liebt, könn­te sich auch wei­gern, Waf­fen­ge­schäf­te zu machen und Pan­zer in ein Kriegs­ge­biet zu liefern.

Was Abschreckung in letz­ter Kon­se­quenz bedeu­tet, haben die bei­den Atom­bom­ben gezeigt, die am 6. und dem 9. August 1945 in Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki gezün­det wur­den. Was muss noch pas­sie­ren, um den Ein­satz von Atom­waf­fen ein für alle Mal zu äch­ten? Um die Welt zu einer Umkehr zu bewe­gen, weg von dem fata­len, archai­schen Über­mäch­ti­gungs­prin­zip durch mili­tä­ri­sche Gewalt zu einem Prin­zip von Kon­flikt­bei­le­gung und -lösung, so schwie­rig das auch sein mag? Dani­el Kehl­mann hat mit sei­nem Tyll das beste Buch dar­über geschrie­ben, was ein Leben zu Kriegs­zei­ten bedeu­tet. Und nun will er die Büch­se der Pan­do­ra öff­nen und befür­wor­tet Abschreckung und Krieg?

Gebraucht wer­den der Dia­log als wich­tig­ste frie­dens­er­hal­ten­de Maß­nah­me, Abrü­stung, eine inter­na­tio­na­le Frie­dens­ord­nung, eine gleich­be­rech­tig­te Poli­tik aller Staa­ten, inter­na­tio­na­le Ver­trä­ge und Koope­ra­ti­on, eine auf welt­wei­ten Aus­gleich sozia­ler und wirt­schaft­li­cher Dis­pro­por­tio­nen zie­len­de glo­ba­le Wirt­schafts­po­li­tik, ein moder­nes welt­wei­tes Frie­dens-, Gesund­heits- und Kli­ma­ma­nage­ment durch eine glo­ba­le Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft, wie wir sie in der UNO bereits haben. Abrü­stung welt­weit, das ist das Gebot der Stun­de. Und eine glo­ba­le Friedenspolitik.

Deutsch­land kann auch die Leh­re aus sei­ner Geschich­te zie­hen, dass ein ver­lo­re­ner Krieg der Beginn einer demo­kra­ti­schen Ent­wick­lung sein kann. Selbst Besat­zungs­mäch­te, so unter­schied­lich sie sind, kön­nen die Ent­wick­lung nicht auf Dau­er verhindern.

Der Tag der Befrei­ung jähr­te sich jüngst zum 77. Mal. Nut­zen wir die Chan­ce, die er uns gab, zie­hen wir die Leh­ren aus der Geschich­te. Reden wir mit­ein­an­der. Zunächst ein­mal hier unter uns.