Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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AKK – das ist Krieg, weltweit

Ich schrei­be dies am 9. Novem­ber, weni­ge Stun­den vor dem Zeit­punkt, an dem vor drei­ßig Jah­ren die Mau­er geöff­net wur­de. Inzwi­schen sind über­all auf der Welt Mau­ern eröff­net aus Eisen und Stahl oder aus Mee­res­was­ser rund um Euro­pa. Um die »Festung Euro­pa«, wie schon Goe­b­bels den von den Deut­schen erober­ten Kon­ti­nent nannte.

Ich schrei­be, es ist kurz vor acht Uhr abends. Damals vor drei­ßig Jah­ren sprach Gün­ter Scha­bow­ski vom SED-Zen­tral­ko­mi­tee sein ver­wirr­tes »ab sofort, unver­züg­lich«. Auch ich freu­te mich. Auch ich hielt es für arro­gant und lächer­lich, dass der auto­ri­tä­re Sozia­list Erich Hon­ecker vor noch nicht so lan­ger Zeit die Mau­er in Ber­lin einen anti­fa­schi­sti­schen Schutz­wall genannt hat­te, des­sen Errich­tung den Frie­den geret­tet habe. Dass er sich dar­auf berief, es gebe doch auch eine »bewach­te Gren­ze zwi­schen den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Mexi­ko« – heu­te wird dort die Mau­er voll­endet. Von Frie­den kei­ne Rede. Er ist für ande­re Völ­ker abgeschafft.

Es begann 1999 mit der Fort­set­zung des Krie­ges gegen Jugo­sla­wi­en, den Deutsch­land 1941 eröff­net hat­te, der nach Hit­lers Tod unter­bro­chen wur­de und erst nach dem End­sieg des Sozi­al­de­mo­kra­ten Ger­hard Schrö­der befrie­di­gend und befrie­dend been­det wer­den konn­te. Dann folg­te die noch anhal­ten­de Ver­tei­di­gung unse­rer Sicher­heit – sie war von den Afgha­nen bedroht – am Hin­du­kusch. Mit bedeu­ten­den Ein­zel­sie­gen. Erin­nert sei an Oberst Georg Klein, heu­te General.

Hon­ecker hat fürch­ter­lich recht behal­ten. Als schon bald pogrom­ar­ti­ge Zu-stän­de in Rostock-Lich­ten­ha­gen aus­ge­bro­chen wur­den, als dort die Mord­lust regier­te, wäh­rend der aus dem Westen impor­tier­te Poli­zei­prä­si­dent gera­de mal sein Hemd wech­seln muss­te, da tru­gen vie­le in Lich­ten­ha­gen par­ken­de Autos die Kenn­zei­chen HH und HL. Der Schutz­wall war gebro­chen. Heu­te ist der Natio­nal­so­zia­li­sti­sche Unter­grund auf frei­em Fuß – nur Bea­te Zschäpe sitzt für ihre leben­den Kame­ra­den. Ein CDU-Poli­ti­ker wur­de in der Gegend von Kas­sel von einem VS-bekann­ten Faschi­sten erschos­sen, dort wo auch – zumin­dest in Gegen­wart eines Ver­fas­sungs­schüt­zers – einer der aner­kann­ten NSU-Mor­de geschah. Die Ermitt­lungs­ak­ten blei­ben mit Ein­wil­li­gung des gegen­wär­ti­gen schwarz­grü­nen Mini­ster­prä­si­den­ten Vol­ker Bouf­fier für 120 Jah­re geschlos­sen. Inzwi­schen tref­fen gegen pro­mi­nen­te Grü­ne aus den USA Mord­dro­hun­gen des dor­ti­gen Nazi-Unter­grunds ein, vom deut­schen Zweig der 2015 in den USA gegrün­de­ten mord-erprob­ten »Atom­waf­fen­di­vi­si­on«.

Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er wie­der­um fei­ert das drei­ßig­jäh­ri­ge Jubi­lä­um des Mau­er­falls, indem sie in der gan­zen Woche zuvor immer neue For­de­run­gen nach neu­en deut­schen Militär-»Missionen« – sie ist Chri­stin – in alle Welt auf­stellt. Zual­ler­erst für Syri­en. Aber Ver­ant­wor­tung ruft noch lau­ter. Kein Fleck die­ser Erde soll vor dem deut­schen Sol­da­ten sicher sein. »Wir kön­nen vol­ler Stolz sagen«, eröff­ne­te sie am 7. Novem­ber den Lesern der Süd­deut­schen Zei­tung, dass »wir bis­her unse­re Bei­trä­ge gelie­fert haben, ob das nun in Afgha­ni­stan, Mali oder an vie­len ande­ren Stel­len der Welt ist. Wir müs­sen aber künf­tig auch offen damit umge­hen, dass wir so wie jedes ande­re Land die­ser Welt eige­ne stra­te­gi­sche Inter­es­sen haben«.

Voll Sym­pa­thie hat der Deutsch­land­funk im reprä­sen­ta­ti­ven Wochen­end­kom­men­tar vom 9. Novem­ber AKKs Auf­bruch in neue, grö­ße­re Krieg beglei­tet: Mit ihrer Grund­satz­re­de habe die Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­rin einen Nerv getrof­fen. Sie habe den »Wider­spruch zwi­schen den mora­li­schen Ansprü­chen und der Zuschau­er­rol­le Deutsch­lands« the­ma­ti­siert und gehan­delt: »Rede, Inter­view, Rede: In schnel­ler Abfol­ge hat […] Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er die­se Woche einen zwei­ten Vor­stoß in der deut­schen Außen­po­li­tik gewagt. Nach dem Vor­schlag für eine UN-Sicher­heits­zo­ne in Nord­sy­ri­en for­dert sie jetzt einen Natio­na­len Sicher­heits­rat, deut­sche Lösungs­vor­schlä­ge für inter­na­tio­na­le Kri­sen, erheb­lich mehr Geld für das Mili­tär bis 2031, mehr Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr und ein ver­ein­fach­tes Zustim­mungs­ver­fah­ren des Bun­des­ta­ges. Mit vol­ler Absicht hat die CDU-Che­fin damit fünf Debat­ten gleich­zei­tig aus­ge­löst – um eine aus ihrer Sicht zu gro­ße Behag­lich­keit in der deut­schen Außen­po­li­tik zu stören.«

Die behag­li­che deut­sche Außen­po­li­tik stö­ren – dem nicht ganz so aggres­si­ven Außen­mi­ni­ster schick­te sie schnell mal zur Unter­rich­tung über den neu­en Kurs eine SMS – das ist die Auf­ga­be der neu­en Kriegsministerin.

»Kramp-Kar­ren­bau­ers Weck­ruf«, über­schrieb der Deutsch­land­funk sei­nen Kom­men­tar. Weck­ruf? Rich­tig, AKKs »Deutsch­land erwa­che« wird Groß­deutsch­land – egal, ob das von Wil­helm Zwo oder Adolf I. – auf dem moder­nen Niveau unse­rer Gegen­wart wiedererwecken.