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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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In Anwe­sen­heit einer Dele­ga­ti­on des Zen­tral­rats Deut­scher Sin­ti und Roma ver­ab­schie­de­te der Deut­sche Bun­des­tag am 22. März eine Erklä­rung mit dem Titel »Anti­zi­ga­nis­mus bekämp­fen«. Zur Abstim­mung lagen zwei fast gleich­lau­ten­de Anträ­ge vor, die sich bei­de posi­tiv zu dem Beschluss der Bun­des­re­gie­rung äußer­ten, »gemäß der in der Koali­ti­ons­ver­ein­ba­rung vom 14. März 2018 zwi­schen CDU, CSU und SPD getrof­fe­nen Abre­de und nach fach­li­chen Kon­sul­ta­tio­nen mit dem Zen­tral­rat Deut­scher Sin­ti und Roma ein Exper­ten­gre­mi­um ein[zu]setzen, das erst­mals eine syste­ma­ti­sche Bestands­auf­nah­me aller Erschei­nungs­for­men des Anti­zi­ga­nis­mus erar­bei­ten soll«. Die­ses Gre­mi­um soll, so wün­schen es die Abge­ord­ne­ten sowohl von CDU/​CSU und SPD als auch von FDP, Links­par­tei und Bünd­nis 90/​Die Grü­nen, im Jahr 2021 einen aus­führ­li­chen Bericht mit Hand­lungs­emp­feh­lun­gen vor­le­gen, um Anti­zi­ga­nis­mus (Sin­ti und Roma dis­kri­mi­nie­ren­de ras­si­sti­sche Ein­stel­lun­gen und Ver­hal­tens­wei­sen) wirk­sam vor­zu­beu­gen und effek­tiv zu bekämpfen.

Eine gemein­sa­me Reso­lu­ti­on aller fünf Frak­tio­nen kam – zum Bedau­ern des Zen­tral­rats – nicht zustan­de, weil die CDU/C­SU-Frak­ti­on kei­nen gemein­sa­men Antrag mit der Links­frak­ti­on woll­te und auf einer Ver­si­on bestand, in der der fol­gen­de Satz fehl­te: »Der Deut­sche Bun­des­tag ver­pflich­tet sich, jeder Form des Has­ses gegen Sin­ti und Roma und dem Anti­zi­ga­nis­mus schon im Ent­ste­hen in aller Kon­se­quenz ent­schie­den zu begeg­nen.« Die mit den Stim­men der Gro­Ko-Par­tei­en (bei Ent­hal­tung der ande­ren drei Par­tei­en) ver­ab­schie­de­te Reso­lu­ti­on umfasst daher nur Abschnit­te, in denen der Bun­des­tag etwas »fest­stellt«, etwas »begrüßt«, die Bun­des­re­gie­rung zu etwas »auf­for­dert«, bei dem geplan­ten Exper­ten­gre­mi­um etwas »anregt«, sich aber selbst am Ende zu nichts verpflichtet.

Gegen bei­de Anträ­ge stimm­te die AfD-Frak­ti­on. Ihr Spre­cher Mar­kus Frohn­mai­er brach­te es fer­tig, die Bekämp­fung des Anti­zi­ga­nis­mus abzu­leh­nen und sich dabei als »Freund der Zigeu­ner« auf­zu­spie­len. Zuerst wand­te er sich gegen die Ver­wen­dung der Bezeich­nung »Sin­ti und Roma«. Sie sei irre­füh­rend, wer­fe »alles in einen Topf« und erwecke »den Ein­druck, die seit über 600 Jah­ren in Deutsch­land leben­den Sin­ti sei­en Asyl­su­chen­de, Aus­län­der, Bür­ger zwei­ter Klas­se, die um ein Blei­be­recht bit­ten müs­sen«. Offen­bar ist das sei­ne Vor­stel­lung, wenn er das Wort »Roma« hört. Das heißt, er hat kei­ne Ahnung und weiß nicht, dass die deut­schen Roma seit dem 19. Jahr­hun­dert hier leben. Die thea­tra­li­sche Fra­ge »Wie lan­ge müs­sen die Sin­ti also noch in Deutsch­land leben, bis sie von Ihnen akzep­tiert wer­den?« schlägt also auf den sau­be­ren »Freund« zurück. Kro­ko­dils­trä­nen ver­gie­ßend, erklär­te er dann, durch Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Anti­zi­ga­nis­mus wür­den »die Zigeu­ner« gegen ihren erklär­ten Wil­len in eine per­ma­nen­te Opfer­rol­le gedrängt und einer »belei­di­gen­den Bevor­mun­dung« aus­ge­setzt. Er benutz­te dabei angeb­li­che Äuße­run­gen der Sin­ti-Alli­anz Deutsch­land, um die­se gegen den Zen­tral­rat aus­zu­spie­len. Sein State­ment an die Adres­se der ande­ren Bun­des­tags­par­tei­en gip­fel­te in der drei­sten Behaup­tung, die For­de­rung nach »mehr Enga­ge­ment gegen Hass im Inter­net« sei gleich­be­deu­tend mit dem Ruf nach Zen­sur: »Sie miss­brau­chen die Zigeu­ner jetzt also auch noch dazu, um die freie Rede in Deutsch­land wei­ter einzuschränken.«

Am 27. März fand die kon­sti­tu­ie­ren­de Sit­zung der Exper­ten­kom­mis­si­on »Anti­zi­ga­nis­mus« statt. Sie soll alle Erschei­nungs­for­men des Anti­zi­ga­nis­mus erfas­sen. Man darf gespannt sein, ob es auch ein Kapi­tel über Anti­zi­ga­nis­mus im Bun­des­tag geben wird.