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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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»Alles unter einem Himmel«

Mei­ne frü­he­re Tätig­keit im Dienst der chi­ne­si­schen Außen­po­li­tik bringt es mit sich, dass ich unver­än­dert vie­le deut­sche Medi­en im Inter­net ver­fol­ge. Zudem hilft mir die Lek­tü­re, die Spra­che von Marx und Engels nicht zu ver­ler­nen. Seit Jah­ren beob­ach­te ich mit eini­ger Sor­ge, dass nicht nur die Ober­fläch­lich­keit in den Berich­ten über mei­ne Hei­mat zunimmt. Auch fol­gen vie­le deut­sche Jour­na­li­sten der Regie­rungs­pro­pa­gan­da. Von der Unab­hän­gig­keit des Urteils, das sich die Medi­en­ver­tre­ter einst zugu­te­hiel­ten und sich dar­um gern als »Vier­te Gewalt« im Staa­te sahen, ist immer weni­ger zu spü­ren. Die Bun­des­re­gie­rung folgt nibe­lun­gen­treu dem Kurs des von den USA geführ­ten – wohl rich­ti­ger: beherrsch­ten – west­li­chen Bündnisses.

Im Juni 2022 hat­te die Nato mal wie­der ein Stra­te­gi­sches Kon­zept ver­ab­schie­det, in wel­chem wir erst­mals erwähnt wur­den. »Die von der Volks­re­pu­blik Chi­na erklär­ten Zie­le und ihre Poli­tik des Zwangs stel­len unse­re Inter­es­sen, unse­re Sicher­heit und unse­re Wer­te vor Her­aus­for­de­run­gen«, hieß es dort. Mit ande­ren Wor­ten: Die Nato-Staa­ten – Deutsch­land ein­ge­schlos­sen, denn Wider­spruch wur­de aus Ber­lin nicht bekannt – füh­len sich durch uns bedroht. Und die­ser Les­art fol­gen die mei­sten deut­schen Medien.

Es ver­geht kein Tag, an dem nichts Nega­ti­ves über Chi­na aus dem deut­schen Blät­ter­wald dringt, um die ver­meint­li­che Bedro­hung und die »Poli­tik des Zwangs« zu bewei­sen. Die The­men sind stets die glei­chen, ihre Zahl ist über­schau­bar: Tai­wan und Hong­kong, Uigu­ren, Sei­den­stra­ße, Schul­den­fal­le, Mili­tär- und Poli­zei­staat, Par­tei­dik­ta­tur und Per­so­nen­kult, Cyber-War, Menschenrechte …

Nun lie­ße sich zu jedem ein­zel­nen The­ma unend­lich viel schrei­ben, und soweit ich sehe, sind dazu auch etli­che Bücher deut­scher Autoren bereits erschie­nen, sehr ver­nünf­ti­ge und klu­ge dar­un­ter. Aber gegen die Medi­en­wucht des Main­streams ver­mö­gen selbst die kun­dig­sten Publi­zi­sten und Blog­ger nicht viel aus­zu­rich­ten. Im Infor­ma­ti­ons­krieg, im Kampf um die Köp­fe und Gefüh­le, ist es schwer, Gelän­de­ge­win­ne zu erzie­len gegen jene, denen die Infor­ma­ti­ons­ho­heit gehört.

Nur dem Anschein nach haben wir es mit einem ideo­lo­gi­schen Kon­flikt zu tun. In Wahr­heit geht es um die glei­chen Zie­le, für die der Impe­ria­lis­mus schon immer Krie­ge geführt hat: um Roh­stof­fe, Res­sour­cen und Märk­te. Und die USA waren schon immer füh­rend dabei – nun aber gehen sie aufs Gan­ze. Die Volks­re­pu­blik Chi­na ist nicht nur das bevöl­ke­rungs­reich­ste Land, es ist auch die zweit­stärk­ste Volks­wirt­schaft. Die USA – Mut­ter- und Haupt­land des Kapi­ta­lis­mus – fürch­ten, wir könn­ten sie von ihrem schein­bar ange­stamm­ten Ame­ri­ca-First-Platz ver­drän­gen. Dar­in sehen sie die Bedro­hung. Einen Wett­be­werb der Syste­me gibt es nicht. Es hat ihn nie gege­ben, und es wird ihn auch nicht geben, solan­ge es den Impe­ria­lis­mus gibt. Der drängt zur Beherr­schung der Welt, das ist in sei­nen Genen programmiert.

Und wir wis­sen aus der Welt­ge­schich­te auch: Wer­den poli­ti­sche Syste­me insta­bil, ver­lie­ren die Herr­schen­den Akzep­tanz und Zustim­mung beim Volk, ver­stär­ken sie ihre Pro­pa­gan­da. Es erfolgt eine wach­sen­de ideo­lo­gi­sche Nor­mie­rung, eine Gleich­schal­tung der öffent­li­chen Dis­kus­si­on. Täg­lich wer­den Men­schen bedrängt zu den­ken, was ande­re ihnen vor­sa­gen. Inklu­si­ve des Nar­ra­tivs, dass dies nur in Dik­ta­tu­ren so sei und kei­nes­wegs in Demo­kra­tien, in denen man für die Frei­heit frie­ren und jeden Unsinn kon­su­mie­ren darf. In denen man unter Brücken näch­ti­gen und als Spe­ku­lant stein­reich wer­den kann. Was ist das für eine »Demo­kra­tie«, in der bei­spiels­wei­se Poli­ti­ker oder TV-Mana­ger sich auf Kosten des Staa­tes berei­chern kön­nen, in der Men­schen mas­sen­haft getäuscht und in die Irre geführt wer­den mit Halb­wahr­hei­ten und Ver­dre­hun­gen, mit Fake News und ste­reo­ty­pen Wer­tun­gen, kurz: mit neo­li­be­ra­lem Zeit­geist, der die Welt grob­schläch­tig in Gut und Böse teilt wie im klas­si­schen Western?

Chi­ne­sen mei­nen mehr­heit­lich, dass wir unser Land, sei­ne staat­li­che Inte­gri­tät und unse­re Öko­no­mie ange­sichts der vie­len Kri­sen und Kon­flik­te in der Welt schüt­zen müs­sen. Chi­na hat bei­spiels­wei­se 22.000 Kilo­me­ter Gren­ze auf dem Fest­land, und die See­gren­ze zieht sich über 18.000 Kilo­me­ter hin. Die beste Grenz­si­che­rung, das ist Staats­dok­trin, besteht im fried­li­chen Ein­ver­neh­men mit den Nach­barn. Chi­na zieht die Har­mo­nie der Hege­mo­nie vor.

Ein wenig kom­pli­zier­ter als auf dem Lan­de ist die Lage vor unse­rer Küste. Der mili­tä­ri­schen Ein­he­gung durch die USA – ver­gleich­bar mit der Con­tain­ment-Poli­tik im Kal­ten Krieg gegen die Sowjet­uni­on – set­zen wir den Aus­bau unse­rer See­streit­kräf­te ent­ge­gen. Die­se sichern unse­re Han­dels­rou­ten. Wie eine Per­len­ket­te zie­hen sich die mari­ti­men Stütz­punk­te der USA und ihrer Ver­bün­de­ten von Süd­ko­rea über Japan, Tai­wan, den Phil­ip­pi­nen, Viet­nam, Thai­land, Sin­ga­pur bis nach Indo­ne­si­en und Indi­en. Wir nut­zen klei­ne Inseln und Rif­fe im Ost- und im Süd­chi­ne­si­schen Meer sowie im Gel­ben Meer, um ein elek­tro­ni­sches Früh­warn­sy­stem auf- und aus­zu­bau­en, um Stütz­punk­te zu schaf­fen und Abwehr­sy­ste­me zu instal­lie­ren. Die US Navy – ins­ge­samt etwa drei­hun­dert Kriegs­schif­fe und mehr als drei­hun­dert­tau­send Sol­da­ten – ope­riert welt­weit, die 6. und die 7. Flot­te, die bei­den stärk­sten Ver­bän­de, sind im Indi­schen Oze­an und im Pazi­fik, unmit­tel­bar vor der Küste Chi­nas, unter­wegs. Das ist eine rea­le Bedro­hung. Man stel­le sich vor, unse­re bei­den Flug­zeug­trä­ger wür­den stän­dig von der Küste Kali­for­ni­ens kreuzen?

Für Marx war der (bür­ger­li­che) Staat das »natio­na­le Kriegs­werk­zeug des Kapi­tals gegen die Arbeit«. Wir ver­ste­hen unse­ren sozia­li­sti­schen Staat als ein natio­na­les Frie­dens­werk­zeug, um die Arbeit von mehr als einer Mil­li­ar­de Men­schen zu schüt­zen. Nach innen wie nach außen.

Die Volks­re­pu­blik Chi­na hat – wie jeder ande­re Staat auch – ein legi­ti­mes Sicher­heits­be­dürf­nis. Doch wir gehen anders damit um. Tianxia, alles unter einem Him­mel, heißt die von Kon­fu­zi­us for­mu­lier­te und in Jahr­tau­sen­den ins kol­lek­ti­ve Bewusst­sein nicht nur der Chi­ne­sen, son­dern auch vie­ler ande­rer asia­ti­scher Völ­ker ein­ge­flos­se­ne Vor­stel­lung, dass alle Men­schen unter einer Son­ne, auf einer Erde leben und sich dar­um ver­stän­di­gen, ver­tra­gen und in Frie­den mit­ein­an­der aus­kom­men kön­nen und müs­sen. Auch die USA leben mit Chi­na »unter einem Himmel«.

Wir Chi­ne­sen blicken auf eine doku­men­tier­te Geschich­te von eini­gen tau­send Jah­ren zurück. Im Unter­schied zu wesent­lich jün­ge­ren Staa­ten haben wir nie frem­de Ter­ri­to­ri­en erobert, Kolo­nien begrün­det und ande­re Völ­ker unter­jocht oder gar ver­nich­tet. Wir misch­ten Sal­pe­ter, Holz­koh­le und Schwe­fel und ver­an­stal­te­ten damit Feu­er­wer­ke – als Jahr­hun­der­te spä­ter in Euro­pa eben­falls das Schwarz­pul­ver ent­deckt wur­de, mach­te man dar­aus Schieß­pul­ver und nutz­te es zum Töten.

Nun wis­sen wir eben­falls aus der Geschich­te, dass eine kul­tur­vol­le Ver­gan­gen­heit nicht zwin­gend vor einer grau­si­gen Gegen­wart schützt: Deut­sche Nazimör­der spiel­ten Gei­ge oder lasen Goe­the, bevor sie Juden ins Gas schick­ten oder ande­re Staa­ten über­fie­len. Und Tru­man hat zuvor gewiss ein Gebet gespro­chen oder ein gutes Buch gele­sen, ehe er die Atom­bom­ben über Hiro­shi­ma und Naga­sa­ki abwer­fen ließ. War­um also sol­len die heu­ti­gen Chi­ne­sen so fried­fer­tig sein wie die Chi­ne­sen von einst? Ich ver­ste­he die­sen Gedan­ken, und dass er auch aus­ge­spro­chen wird, ist kein Sakri­leg. Chi­ne­sen waren und sind auf­ge­schlos­sen und inter­es­siert zu erfah­ren, wie die Welt sie sieht. Selbst Zwei­fel an ihrer Fried­fer­tig­keit sind sie bereit offen zu dis­ku­tie­ren. Aller­dings ver­stört es sie, wenn deut­sche Poli­ti­ker und Publi­zi­sten nur den Zwei­fel an ihrer Lau­ter­keit zulas­sen und a prio­ri das Gegen­teil aus­schlie­ßen, also dass Chi­na kei­ne Bedro­hung dar­stellt. Zumin­dest vor der Kame­ra und auf der poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Ebe­ne. Auf der Home­page der deut­schen Bot­schaft in Peking lau­tet näm­lich der erste Satz zu den bila­te­ra­len Wirt­schafts­be­zie­hun­gen: »Die Bezie­hun­gen zwi­schen Deutsch­land und Chi­na sind der­zeit so inten­siv wie nie zuvor.« Trotz der »schwie­ri­gen Rah­men­be­din­gun­gen« – wel­che könn­ten das wohl sein? – ist Deutsch­land »der mit Abstand wich­tig­ste Han­dels­part­ner Chi­nas in Euro­pa. Umge­kehrt ist Chi­na wirt­schaft­li­ches Part­ner­land Num­mer eines für Deutsch­land in Asien.«

Die­ser Wider­spruch zwi­schen der »wer­te­ge­steu­er­ten« Pro­pa­gan­da und der öko­no­mi­schen Rea­li­tät ist schon erstaun­lich. Aber das wird sich ver­mut­lich in einer gewis­sen Zeit ändern. Wir Chi­ne­sen haben Aus­dau­er und Geduld. Pekings Poli­tik hetzt nicht von Legis­la­tur zu Legis­la­tur, von Umfra­ge zu Umfra­ge. Sie plant in Jahr­zehn­ten und hat Jahr­hun­der­te im Blick.