Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Ankommen

Das Wen­de­wort. Aber es gilt nach wie vor. Solan­ge Mer­kel, Wagen­knecht und all die ande­ren befä­hig­ten Genos­sen in der Demo­kra­tie ankom­men, USPD, Grü­ne, PDS in deren kriegs­trun­ke­ner Mit­te, Lau­ter­bachs Impf­mahn­brie­fe in unse­ren Haus­brief­kä­sten, die Kin­der in der Erwach­se­nen­welt und die Que­ru­lan­ten in der Ver­nunft, ist die Welt in Ord­nung. Ankom­men schließt in der Regel Fluch­ten, Aus­stie­ge, Revol­ten ab. Die Aus­rei­ßer sind wie­der da. Der Ange­kom­me­ne ist erfolg­reich ange­passt wor­den. Jetzt kommt er beim Publi­kum gut an.

In mei­nem west­deut­schen Duden von 1983 ist das Wort in der besag­ten meta­pho­ri­schen Bedeu­tung nicht zu fin­den. Was wir im christ­li­chen Abend­land bis dahin kann­ten, war viel­leicht die Ankunft des Hei­lands. Von den Mar­xi­sten getreu­lich ins Sozio­lo­gi­sche über­tra­gen, sorg­te die Leh­re von der Ankunft selbst in der DDR für Trö­stung, wäh­rend das Volk über den Tisch gezo­gen wur­de. Denn im Zei­chen des christ­lich-mar­xi­sti­schen Fort­schritts­den­kens lässt sich jeder blaue Fleck und jede Schwei­ne­rei recht­fer­ti­gen, weil es ja immer nur bes­ser wer­den kann. Die Geschich­te mar­schiert unbe­irrt auf unser Heil los – und nicht etwa heil­los. Da war die »Wie­der­ver­ei­ni­gung« schon fast das Para­dies. Spä­ter kamen 98 Pro­zent aller lin­ken Schul­leh­re­rIn­nen im Wahn der soge­nann­ten Pan­de­mie an. Man darf die­se Cha­rak­ter­rui­nen aber nicht Mit­läu­fe­rIn­nen schimp­fen, weil man sonst wegen »Ver­harm­lo­sung des Natio­nal­so­zia­lis­mus« vor Gericht kommt. Vor die Söh­ne und Enkel der Nazi-RichterInnen.

Ein pro­mi­nen­ter vor­bild­li­cher Ankom­mer war bereits der spä­te­re Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der gewe­sen. 1980 noch amtie­ren­der Juso-Vor­sit­zen­der, schrieb er im Sam­mel­band Die Lin­ke, unter der Über­schrift »Die Lin­ke vor der Alter­na­ti­ve: Krieg oder Frie­den«, hin­ter der »Glo­ba­li­sie­rung« ver­ber­ge sich »nichts ande­res als eine Neu­auf­la­ge des ame­ri­ka­ni­schen Impe­ria­lis­mus der 50er und 60er Jah­re«. Mit die­ser »Wahn­sinns­tra­te­gie Soli­da­ri­tät« zu üben, ver­sto­ße glei­cher­ma­ßen gegen bun­des­deut­sche Inter­es­sen wie gegen die Belan­ge welt­wei­ter Frie­dens­po­li­tik. Neben­bei beklag­te er die Sit­te der ton­an­ge­ben­den west­deut­schen Blät­ter, die SU in Kari­ka­tu­ren wie­der als blut­rün­sti­gen Bären zu geben, und ver­ur­teil­te die ent­spre­chen­de Bon­ner »Kon­fron­ta­ti­ons- und Boy­kott­po­li­tik«. Ins glei­che Horn soll der SPD-Vor­sit­zen­de Rudolf Schar­ping noch um 1993 gebla­sen haben. Die For­de­rung, auch die Deut­schen müss­ten end­lich wie alle ande­ren über­all auf der Welt mili­tä­risch inter­ve­nie­ren kön­nen, leh­ne die SPD ab. Sechs Jah­re spä­ter mach­te Schrö­ders Kriegs­mi­ni­ster Schar­ping den bahn­bre­chen­den Nato-Über­fall auf Jugo­sla­wi­en mit. Als Bush 2001 nach dem Ein­sturz der Zwil­lings­tür­me sei­nen »Krieg gegen den Ter­ror« los­trat, ver­si­cher­te ihm Schrö­der umge­hend Deutsch­lands »unein­ge­schränk­te Soli­da­ri­tät« – der Wahn­sinn war schon zur Metho­de mutiert. Scholz und Baer­bock brauch­ten ihn ledig­lich zu kopie­ren. Wer sie »Yan­kee­arsch­krie­che­rIn­nen« nen­nen wür­de, bekä­me nicht Post von Lau­ter­bach, viel­mehr vom jeweils zustän­di­gen Staatsanwalt.

Ich neh­me stark an, in sei­nen Juso-Anfän­gen hat­te Schrö­der auch die far­ben­präch­tig gestal­te­te Bro­schü­re von 1947 Sozia­lis­mus als Gegen­warts­auf­ga­be ver­schlun­gen. Schon bezeich­nend über­wie­gend in einem kal­ten Grün gehal­ten, leuch­tet einem nur das Wort »Sozia­lis­mus« in flam­men­dem Rot vom Titel­blatt ent­ge­gen. Es war ein Früh­werk des jun­gen schwä­bi­schen Land­ra­tes und Sozi­al­de­mo­kra­ten Fritz Erler. Es kreist um die Erkennt­nis: »Kapi­ta­lis­mus bringt Kri­sen, und Kri­sen brin­gen Krieg.« Kon­se­quent spricht sich Erler des­halb auch gegen die Block­bil­dung und West­bin­dung aus. Deutsch­land dür­fe sich »kei­ner Sei­te in die Arme wer­fen und zum Strei­te het­zen, es muss das Bin­de­glied zwi­schen bei­den sein«. Lesen Sie die­ses Gesäu­sel nie Baer­bock vor, sie bekä­me einen Tobsuchtsanfall!

Wie aber erle­ben wir Erler, inzwi­schen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter, weni­ge Jah­re spä­ter? Als Vor­kämp­fer all des­sen, was er in sei­ner 52seitigen Bro­schü­re ange­pran­gert hat­te. Dar­un­ter befand sich selbst­ver­ständ­lich auch das Pri­vat­ei­gen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln, bevor­zugt in der Rüstungs­bran­che. Im Lauf der 1950er Jah­re begrüß­te Erler Wie­der­be­waff­nung und Nato-Bei­tritt und schwang sich zum »außen- und wehr­po­li­ti­schen Spre­cher« sei­ner Par­tei auf. 1964 auch Bon­ner Frak­ti­ons­chef der SPD, wur­de er bald als kom­men­der Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster oder gar Kanz­ler­kan­di­dat gehan­delt. Das ver­hin­der­te nur eine Krebs­er­kran­kung, der Erler 1967 mit 53 Jah­ren erlag.