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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Armutssklaven

Vor ein paar Wochen habe ich Bru­no Tra­vens Roman »Die Rebel­li­on der Gehenk­ten« gele­sen. Am Anfang muss­te ich mich über­win­den, weil die Beschrei­bung der Lebens­be­din­gun­gen der »Indi­os« in den mexi­ka­ni­schen Arbeits­la­gern zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, kurz vor der Revo­lu­ti­on gegen Por­firio Díaz, nur schwer erträg­lich war. Der All­tag der indi­ge­nen Tage­löh­ner in der zen­tral­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft bestand aus Ver­skla­vung, Fol­ter und Hun­ger. Das Unter­drückungs­re­gime der Ladi­nos (so wer­den die »Misch­lin­ge« aus Indi­os und Spa­ni­ern in Mexi­ko und Mit­tel­ame­ri­ka genannt) erin­nert in den Metho­den und in der Ideo­lo­gie an das natio­nal­so­zia­li­sti­sche Reper­toire. Zum Glück rebel­lie­ren am Ende die Indi­os gegen die spanisch-»blütigen« Her­ren und erkämp­fen sich die Frei­heit. Das lässt den Leser wie­der zu Atem kom­men. Das Buch endet mit dem all­ge­mei­nen Auf­stand der Ex-Skla­ven, die nun auch die Brü­der und Schwe­stern in den ande­ren Arbeits­la­gern aus den Ket­ten der Gefan­gen­schaft befrei­en wollen.

Wie wir wis­sen, hat die ehren­vol­le Rebel­li­on nicht das erhoff­te Ende genom­men. Nach wie vor kämpft die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung in Latein­ame­ri­ka ums Über­le­ben. Zwar gilt die Skla­ve­rei inzwi­schen als abge­schafft, aber es herr­schen wei­ter­hin Unter­drückung und Armut – und durch die­se »Hin­ter­tür« bleibt auch die Skla­ve­rei so aktu­ell wie ehe­dem; das kön­nen auch soge­nann­te »Arbeits­ver­trä­ge« nur mäßig kaschie­ren. Und das gilt nicht nur für Latein­ame­ri­ka, son­dern auch für unser ach so moder­nes, wohl­ha­ben­des, frei­heit­li­ches, sozia­les Europa.

Ende Juni ist ein afri­ka­ni­scher Tage­löh­ner in einer Blech­hüt­te auf dem Land in der Nähe von Fog­gia in Apu­li­en ver­brannt. Der Brand ist zwar zufäl­lig ent­stan­den, heißt es, aber die Ursa­chen die­ses Todes sind in den Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen all­zu vie­ler Arbei­ter zu fin­den, die »wir« im Schat­ten unse­res Wohl­stands für den Fort­be­stand unse­rer Lebens­wei­se ausbeuten.

Die süd­ita­lie­ni­sche Land­wirt­schaft basiert ganz über­wie­gend auf der Arbeit einer Armee von Tage­löh­nern, die für ein paar Cents den gan­zen Tag unter der Son­ne arbei­ten. Mei­stens sind es Afri­ka­ner ohne Auf­ent­halts­sta­tus, also ille­gal, aber es fehlt auch nicht an Bei­spie­len aus der ein­hei­mi­schen Bevöl­ke­rung. Die Afri­ka­ner wer­den von der loka­len Mafia rekru­tiert und auf die Fel­der ver­bracht, den Haupt­teil ihres Lohns behal­ten die »Ver­mitt­ler«. Sie schla­fen in Blech­hüt­ten, weit weg von den Augen der Öffent­lich­keit, und ver­brin­gen ihre Tage unter unsäg­li­chen Lebens­be­din­gun­gen. Aber die­ses »System« sorgt dafür, dass wir Ver­brau­cher uns an bil­li­gen Toma­ten und Oran­gen in den Super­märk­ten erfreu­en kön­nen. Dafür ist nicht etwa dem lie­ben Herr­gott oder der Natur zu dan­ken, son­dern den ille­ga­len Migran­ten. Denn wenn sie legal wären, wären unse­re Mahl­zei­ten erheb­lich teurer.

Das wirft in prag­ma­ti­scher wie in mora­li­scher Hin­sicht ganz wich­ti­ge Fra­gen auf: Brau­chen wir Ille­ga­le, die ein Skla­ven­le­ben füh­ren? Ist das viel­leicht eine not­wen­di­ge Bedin­gung zur Auf­recht­erhal­tung unse­res Lebens­stan­dards? Sind all die sozia­len »Sonn­tags­re­den« nicht eine ein­zi­ge Kulis­sen­schie­be­rei, ein »Fake«? In ande­ren Wor­ten: Braucht unse­re Gesell­schaf­ten sozia­le Unge­rech­tig­keit, und wozu?

Wenn man durch die Stra­ßen von Paler­mo spa­zie­ren geht, bekom­men die­se Fra­gen eine kon­kre­te Dimen­si­on: Sizi­li­en wur­de 1943 von den Ame­ri­ka­nern befreit, die die Insel dank Unter­stüt­zung der Mafia prak­tisch wider­stands­los beset­zen konn­ten. Das heißt, die Befrei­ung vom nazi­fa­schi­sti­schen Regime beginnt in Sizi­li­en mit einem Koope­ra­ti­ons­agree­ment mit der Mafia.

In der Nach­kriegs­zeit wur­de das poli­ti­sche Leben in Ita­li­en durch den Kampf zwi­schen zwei gro­ßen Par­tei­en gekenn­zeich­net: Auf der einen Sei­te war die Christ­li­che Demo­kra­tie, die sich der Unter­stüt­zung der Kir­che und der USA sicher sein konn­te; auf der ande­ren war die kom­mu­ni­sti­sche Par­tei, die ihrer­seits Unter­stüt­zung von der Sowjet­uni­on bekam. Die kom­mu­ni­sti­sche Par­tei kämpf­te mit den Land­ar­bei­tern in Sizi­li­en für die Auf­lö­sung des Groß­grund­be­sit­zes und die Ver­tei­lung des Bodens an die Bau­ern, die das Land bear­bei­te­ten. Die Angst vor Land­re­for­men oder einer Revo­lu­ti­on war groß, und die Mafia war das bewaff­ne­te Instru­ment der kon­ser­va­ti­ven Reak­ti­on. Sie kon­trol­lier­te das Land, die Städ­te und auch die Wäh­ler­stim­men. Das höch­ste Gebot war der Kampf gegen den Kom­mu­nis­mus, eine Alli­anz mit der orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät erschien der eta­blier­ten Poli­tik als das klei­ne­re Übel. So regier­ten Mafia und Christ­li­che Demo­kra­tie vier­zig Jah­re lang auf der Insel, die sowohl aus ihrer geo­po­li­ti­schen Lage im Zen­trum des Mit­tel­meers als auch als größ­te Regi­on Ita­li­ens eine wich­ti­ge Rol­le in der natio­na­len und inter­na­tio­na­len Poli­tik spiel­te. Andreot­ti (mehr­mals ita­lie­ni­scher Regie­rungs­prä­si­dent) oder Ber­lus­co­ni (eben­falls mehr­fach wie­der­ge­wählt) konn­ten sich der Unter­stüt­zung der sizi­lia­ni­schen Kri­mi­nel­len stets sicher sein. Selbst noch nach dem Fall der Ber­li­ner Mau­er und dem Ende des kom­mu­ni­sti­schen Gegen­parts blieb die­ses Com­mit­ment bestehen.

So hat die ita­lie­ni­sche Poli­tik in der Nach­kriegs­zeit die Mafia als Mani­pu­la­ti­ons- und Kon­troll­in­stru­ment bis in die spä­ten 1980er Jah­re genutzt. Die orga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät mach­te ihre Geschäf­te mit dem Dro­gen­han­del, des­sen Welt­zen­trum Paler­mo wur­de, und mit der Bau­spe­ku­la­ti­on. Wun­der­schö­ne Jugend­stil­vil­len wur­den gesprengt, um Hoch­häu­ser zu bau­en. Die Alt­stadt wur­de zum Kampf­feld von Mafia­ban­den und der Armut über­las­sen. Händ­ler und Unter­neh­mer flüch­te­ten, weil sie durch Schutz­gel­der erpresst wurden.

Die Mafia hat Armut pro­du­ziert, weil sie sie brauch­te. Aus der Armee des palermita­ni­schen Sub­pro­le­ta­ri­ats hat sie ihre Söld­ner rekru­tiert. Wäh­rend lega­le Unter­neh­men kei­ne pro­fi­ta­blen Lebens­grund­la­gen in der Stadt fan­den, wur­de die Mafia zur wich­tig­sten Fir­ma und konn­te durch die Armut gedei­hen und »Jobs« anbieten.

So gehe ich durch die Stadt spa­zie­ren und bewun­de­re die letz­ten Jugend­stil­vil­len in der Via Liber­tà, die aus dem »Sac­co di Paler­mo« (so wird die Bau­spe­ku­la­ti­on der 1950er und 1960er Jah­re bezeich­net, die die archi­tek­to­ni­sche Sub­stanz der Stadt erheb­lich geschä­digt hat) geret­tet wer­den konn­ten. Von der Via Liber­tà kom­me ich in die Alt­stadt, die zum Glück in den letz­ten zwan­zig bis drei­ßig Jah­ren zu neu­em Leben erwacht ist. Histo­ri­sche Häu­ser, Palä­ste und Plät­ze wur­den reno­viert. Künst­ler, jun­ge, auch rei­che Leu­te sind ein­ge­zo­gen, Stadt­tei­le wur­den zum Teil gen­tri­fi­ziert. Neben den Palä­sten blei­ben aber die engen und dunk­len Woh­nun­gen im Erd­ge­schoß, feucht und unge­sund. Da woh­nen Men­schen, die seit Genera­tio­nen in Armut leben. Aus der Gefan­gen­schaft ihrer öko­no­mi­schen und sozia­len Ver­skla­vung konn­ten sie sich noch nicht ret­ten. Zum Über­le­ben arbei­ten sie schwarz als Park­plät­ze­ver­tei­ler, Super­markt­hel­fer, Dienst­mäd­chen, fah­ren­de Klein­händ­ler – oder sie dea­len. Vor der Mafia wird immer ein Auge zuge­drückt. Ihr loka­ler Boss ist dein Arbeit­ge­ber. Die Poli­zei ist ein Feind. Aber die Poli­zei, das ist – bei aller not­wen­di­gen Kri­tik an der Pra­xis sei­ner Insti­tu­tio­nen – der Staat, die Polis, das Gemein­wohl, die Demo­kra­tie, die wir in ande­ren Zusam­men­hän­gen stets zu ver­tei­di­gen vorgeben.

Aktu­ell wird in Ita­li­en dar­über dis­ku­tiert, ob das RDC (»Red­di­to di citta­di­nan­za«, eine För­de­rungs­maß­nah­me für Arbeits­lo­se, ähn­lich wie Hartz IV) abge­schafft wird. Die ita­lie­ni­schen Unter­neh­mer bekla­gen sich von den Alpen bis nach Sizi­li­en, dass sie kei­ne Arbei­ter mehr fin­den. Denn die Leu­te zie­hen das RDC einem mise­ra­blen Arbeits­lohn vor, der unter der Über­le­bens­gren­ze liegt.

So kommt nun mei­ne ernüch­ter­te Ant­wort auf die Fra­ge: War­um brau­chen wir Armut und Skla­ve­rei: Gestern in Mexi­ko lie­ßen sie eini­ge Euro­pä­er reich wer­den. Gestern in Sizi­li­en dien­ten sie dazu, den Sta­tus quo auf­recht­zu­er­hal­ten. Heu­te auf den Fel­dern und in den Städ­ten wer­den sie immer noch aus den­sel­ben Grün­den gebraucht. Ohne einen »System­wech­sel«, wie immer er hei­ßen mag, wird sich dar­an auch in Zukunft nichts ändern. Wer skla­ven­ähn­li­che Ver­hält­nis­se ver­hin­dern will, muss die Armut bekämp­fen und die nur­mehr sur­rea­le Kluft zwi­schen reich und arm ent­schie­den verringern.