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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auf dem Sofa bei Regen

Die­se vie­len Fotos. Im Han­dy. Auf der Fest­plat­te. In der Cloud. Fotos mit fan­ta­sti­schen Auf­lö­sun­gen. Meist von uns selbst. Beim Essen, auf einer Par­ty, am Strand, beim Sport, vor den diver­sen Sehens­wür­dig­kei­ten die­ser Welt, die natür­lich nicht halb so sehens­wür­dig sind wie wir. Was pas­siert eigent­lich mit die­sen Mil­lio­nen und Aber­mil­lio­nen von Fotos? Eine Freun­din hat von ihrem knapp ein­jäh­ri­gen Enkel, wie sie mir die­ser Tage stolz mit­teil­te, schon mehr als 1000 Fotos auf ihrem Smart­pho­ne. Kei­ne wirk­li­che Über­ra­schung, hät­te ich am lieb­sten gestöhnt, ich lei­de ja dar­un­ter. Kei­ne noch so kur­ze Begeg­nung, bei der mei­ne Freun­din mir nicht min­de­stens fünf neue Auf­nah­men des so außer­ge­wöhn­li­chen Klei­nen zeigt – eine Gedulds- und Höf­lich­keits­pro­be der höch­sten Schwie­rig­keits­stu­fe. Für mich sehen die Fotos alle gleich aus, aber ich muss trotz­dem stän­dig »wie süß«, »nein, wie nied­lich«, »ganz ent­zückend« sagen. Auch die Sel­fies der jun­gen Mut­ter, die die­se Baby-Foto-Flut größ­ten­teils zu ver­ant­wor­ten hat, muss ich bei jeder Gele­gen­heit betrach­ten – »wie hübsch«, »nein, schon wie­der sooo schlank«, »wirk­lich foto­gen« – und natür­lich wer­den Baby-und Mut­ter-Fotos auch über­all gepo­stet, wo man irgend­et­was posten kann. Die Ich-Model­lie­rung im Selbst­por­trät. Auf Insta­gram, Pin­te­rest, Snap­chat oder Face­book. Mas­sen­haf­ter Ich-Ich-Ich-Foto­müll einer nar­ziss­ti­schen Gesell­schaft im Selb­st­op­ti­mie­rungs- und Selbstdarstellungswahn.

Es ist vor­bei. Das Tref­fen auf dem Sofa bei Regen. Das gemein­sa­me lang­sa­me Betrach­ten ver­gilb­ter Bil­der, Auf­nah­men aus einer Zeit, in der die Welt noch kei­ne lau­ten Far­ben hat­te, und es Fotos gab, mit gezink­ten Rän­dern, die man in Alben kleb­te, um sie alle Jah­re ein­mal anzu­se­hen, sich beim Älter­wer­den betrach­tend, die Erin­ne­run­gen betrach­tend, die immer leben­di­ger wer­den, je älter man wird, und die einen immer trau­ri­ger machen, weil man um ihre Unwie­der­bring­bar­keit weiß. Damals.

Fotos von den Groß­el­tern, von den Tan­ten und Onkels bei einer Fami­li­en­fei­er, mei­ne Schwe­ster und ich im Kin­der­wa­gen, die Schul­tü­te, der Fami­li­en­ur­laub an der Ost­see. So vie­le und doch so weni­ge ein­zel­ne kost­ba­re Fotos:

Zeit­sprün­ge, weh­mü­ti­ge Fra­gen nach der Zeit.

Anna, die Toch­ter einer ande­ren Freun­din, muss – egal, was sie tut, egal, was geschieht – immer »erst mal foto­gra­fie­ren«. Sie macht ein Foto von einem schön gedeck­ten Tisch. Von dem Essen auf dem Tel­ler, bevor sie es isst. Von einem gera­de erhal­te­nen Geschenk. Von ihrem frisch auf­ge­räum­ten Zim­mer. Von jeder Sta­ti­on ihrer Shop­ping-Tour. Ich muss sie nicht fra­gen, was sie in den letz­ten Stun­den gemacht hat, ich muss nur auf ihrem Han­dy durch die Fotos scrol­len. In ihrem Leben hat nichts statt­ge­fun­den, wovon es kein Foto gibt. Aber hat denn etwas statt­ge­fun­den, was das Fest­hal­ten, die Doku­men­ta­ti­on gelohnt hätte?

Natür­lich macht Anna beson­ders vie­le Fotos von sich selbst. In einem neu­en Look – einer neu­en Hose, einem neu­en Kleid, im neu­en Bodys­uit für den Body Work­out. Sel­fies direkt nach dem Auf­ste­hen, nach dem Duschen mit gekonnt vers­trub­bel­ten nas­sen Haa­ren, mit ihren Freun­din­nen. Sel­fies von ihrer Teil­nah­me an einer Fri­days-for-Future-Demon­stra­ti­on. Das Smart­pho­ne dient Anna zur stän­di­gen Selbst­prü­fung; ihr Selbst­ge­fühl, ihr Selbst-Wert-Gefühl ist abhän­gig von Kon­sum der Bil­der ihres Selbst.

Damit ist sie nicht allein, die Selbst­über­wa­chung ist im Trend.

Anna weiß zu jeder Zeit, wie sie gera­de auf einem Foto aus­se­hen wür­de. Wenn irgend­wer in ihrer Nähe ein Smart­pho­ne reckt, kann sie in einem Sekun­den­bruch­teil einen foto­ge­rech­ten Gesichts­aus­druck auf­set­zen. Ihr Foto­ge­sicht hat ein leicht gereck­tes Kinn, leicht ange­ho­be­ne Brau­en und ein Lächeln mit leicht geöff­ne­ten Lip­pen. Wie das Foto­ge­sicht von Mil­lio­nen ande­rer Mäd­chen und jun­ger Frau­en. Selbst­ver­liebt, süch­tig nach Aner­ken­nung. Gepo­stet wird nur die per­fek­te Insze­nie­rung: Sorg­fäl­ti­ges Sty­ling, ein gekonn­tes Posing, der opti­ma­le Hin­ter­grund, der rich­ti­ge Blick in die Kame­ra, oft auch ein so genann­ter Face Fil­ter, also ein Tool­kit für Foto­re­tu­sche und Ver­schö­ne­rung, mit dem man angeb­li­che Fal­ten ver­schwin­den las­sen kann oder ande­re drän­gen­de Schön­heits­feh­ler einer jugend­li­chen Haut. Ein Drit­tel der Her­an­wach­sen­den zwi­schen 14 und 21 Jah­ren hat den Wunsch, durch das Posten von Sel­fies berühmt zu werden.

Ich habe kein Foto­ge­sicht. Damals, vor der digi­ta­len Mas­sen­fo­to­gra­fie, war ein Foto etwas, das zu beson­de­ren Anläs­sen gemacht wur­de. Geburts­ta­ge, Hoch­zei­ten, Kom­mu­ni­on, Kon­fir­ma­ti­on, Jugend­wei­he, Fami­li­en­aus­flü­ge, Betriebs­fe­ste. Minu­ten­lang wur­de die Auf­stel­lung orga­ni­siert. Klei­ne Ver­le­gen­hei­ten, ein letz­tes Zup­fen an der Fri­sur oder der Kra­wat­te. Bit­te lächeln! Und wenn man ein Pass­bild brauch­te, ging man zum Foto­gra­fen, der einem sag­te, wie man zu gucken hat­te. Kopf leicht schief, die Augen nicht zuknei­fen, Kinn etwas heben, in etwa so. Die mei­ste Zeit wuss­te man nicht, wie man aussah.

Damals. Als wir noch nicht in der Erfül­lung von Erwar­tun­gen und stän­dig drän­gen­den Schön­heits­idea­len funk­tio­nier­ten; als wir noch eige­ne Sät­ze spra­chen, nicht nur ange­lern­te Gedan­ken ver­wen­de­ten; als wir noch nicht anzo­gen, was man tra­gen muss, um ohne modi­sche Schan­de ein Sel­fie posten zu kön­nen; als wir noch glaub­ten, dass wir alles anders machen und nie so ein furcht­ba­res, ange­pass­tes, lee­res Leben füh­ren wür­den, wie die Men­schen um uns. Dass wir die Welt ver­än­dern könnten.

Ich habe gegen Atom­kraft demon­striert, gegen Auf­rü­stung und gegen die Abschaf­fung des Asyl­rech­tes. Kein Foto beweist, dass ich wirk­lich dabei war. Nur mei­ne Erin­ne­rung und die Erin­ne­rung mei­ner Freun­de und Mitstreiter.

Ich habe in besetz­ten Häu­sern gelebt und in Wohn­ge­mein­schaf­ten aller Art. Aus jenen Tagen gibt es immer­hin ein paar Dut­zend Fotos. Wie jung wir damals waren.

Ein klei­nes Por­trät­fo­to von Horst, mei­ner ersten gro­ßen Lie­be in Ber­lin. Damals war ich noch Schü­le­rin, und es war eine Klas­sen­fahrt, auf der ich Horst ken­nen­lern­te. Zum Ent­set­zen mei­ner Eltern, denn Horst kam kurz danach ins Jugend­ge­fäng­nis – Dro­gen und Dieb­stäh­le. Ich habe ihn heim­lich im Gefäng­nis besucht und auch danach wei­ter getrof­fen. Kein Sel­fie von mir vor dem Gefäng­nis­tor. Es fehlt mir nicht. Ich höre noch die Schlüs­sel in den vie­len Tür­schlös­sern, ich sehe noch den blas­sen Horst im Besu­cher­raum. Und ich habe die­ses eine Foto von ihm.

So stark wie als jun­ger Mensch hat man nie mehr gefühlt, so über­wäl­ti­gend gelit­ten und geliebt. Die alten Bil­der, die lei­se Trau­er, denn man weiß, wie die Sache aus­geht. Wir haben die Welt nicht ver­än­dert, weil jede gute Idee am Ende ver­kauft wird. Oft mit unse­rer Hil­fe. Wir wis­sen auch: Die Welt wird ohne uns wei­ter­be­stehen. Mit neu­en Lie­ben und neu­en Auf­re­gun­gen von neu­en Men­schen. Es wird Stra­ßen im Regen geben, die feucht glän­zen, und den Geruch nach Früh­ling, nur lei­der ohne uns, an die sich irgend­wann kei­ner mehr erin­nern wird. Viel­leicht gibt es noch ein paar Bil­der. Mei­ne Schwe­ster und ich, unse­re Hoch­zei­ten, unse­re Eltern und Groß­el­tern und Urgroß­el­tern. Oft sehr ernst in die Kame­ra blickend, manch­mal fast fei­er­lich und im guten Anzug oder Kostüm. Die Abitur­fei­er, die beste Freun­din, Arm in Arm, ein paar Rei­se­fo­tos, das erste Auto, ein VW. Ich kom­me aus einer Genera­ti­on, als es sie noch gab, die Bil­der. Als Fotos noch Papier und die­sen Geruch nach Ver­gan­gen­heit bedeu­te­ten, wie in alten Biblio­the­ken. Ein Duft, der mehr Erin­ne­run­gen birgt als jede Fotografie.

Die Oma, die uns Mär­chen vor­ge­le­sen hat. Das Glöck­chen, das uns zum Weih­nachts­baum rief. Das Pfla­ster der Mut­ter auf dem blu­ten­den Knie nach einem aben­teu­er­li­chen Wett­ren­nen durch die Nach­bar­schaft. Fahr­rad­tou­ren zwi­schen Raps­fel­dern. Das Lieb­lings­es­sen zum Geburts­tag. Die erste gro­ße Rei­se mit Freun­den. End­lich erwachsen.

Die guten Momen­te bleiben.

Die Stirn an Fen­ster­schei­ben gepresst, auf Regen hof­fend. Wir haben die­sen einen Men­schen so gewollt wie nie ein ande­rer Mensch einen ande­ren. Wir woll­ten ihn hal­ten und mit ihm gehen und ihn beschüt­zen, und wir waren uns sicher, das ein­zi­ge Paar auf der Welt zu sein, des­sen Lie­be unend­lich wäre.

Wir haben gelit­ten, wie nie ein Mensch vor uns. Der Moment, in dem uns jede Kraft ver­las­sen hat, wir auf den Boden sin­ken und nicht mehr atmen woll­ten, weil es unvor­stell­bar war, wei­ter­zu­ma­chen. Kei­ner konn­te hel­fen nach irgend­ei­ner der ele­men­ta­ren Demü­ti­gun­gen, aus denen sich Leben bildet.

Viel­leicht war die Frau gestor­ben. Ein­fach weg, ihr Atmen, ihr Geruch, ihr Blick. Nur eine Hül­le war zurück­ge­blie­ben und nun saß man da in der Küche, mit der Katze.

Viel­leicht war der Betrieb bank­rott, viel­leicht waren es zu vie­le Krän­kun­gen durch den Chef, Ent­las­sung und Arbeits­lo­sig­keit, ein Krebs kam, eine Fehl­ge­burt – oder was auch immer bewirkt, dass ein Mensch aus dem Takt kommt, dass er stol­pert und sich der Schwung ver­liert, der uns ohne nach­zu­den­ken funk­tio­nie­ren macht. Was tue ich hier eigent­lich? Erschrecken­de Fra­ge, kei­ne Ant­wort. Wenn man zu schwach ist, um sich von einem Sinn zu über­zeu­gen, hält die Welt still, und es braucht viel, um sie wie­der in eine Umdre­hung zu bringen.

Die guten Momen­te, sie bleiben.

Die Augen schlie­ßen, ein- und aus­at­men, dann sind sie viel­leicht wie­der da. Und auch der Herz­schlag und das allein glück­li­che machen­de Gefühl der Unend­lich­keit. Freund­schaft ist unend­lich; Lie­be, Plä­ne, die Träu­me von einer bes­se­ren Welt sind unendlich.

Die guten Momente.

Die guten Momen­te waren nie gekauft, sie waren nie mit dem Han­dy dupli­ziert, sie waren mit­ein­an­der geteilt. Sie waren lachen, an gro­ßen Tischen essen, betrun­ken sein, ver­liebt sein, Plä­ne machen, gegen Unge­rech­tig­kei­ten auf­ste­hen, für­ein­an­der da sein, Umar­mun­gen. Die­se Fotos gibt es nicht mehr. Sie sind ver­schwun­den im Smart­pho­ne. Und schaut man doch ein­mal in das digi­ta­le Archiv, sieht man immer nur sich, in guter Beleuch­tung, mit einem Face Fil­ter auf dem Gesicht.

Unver­än­dert. Allein. Ohne Erinnerung.