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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Auf Kurs: Der neue Duden

Von den Kon­zern­me­di­en ist man es gewohnt, dass sie im Inter­es­se ihrer Eig­ner Sprach­rohr der ihnen geneh­men Regie­rungs­po­li­tik sind. Das Glei­che gilt auf­grund sei­ner Kon­struk­ti­on und hand­ver­le­se­ner Lei­tungs­gre­mi­en für den öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk – in bei­den Fäl­len mit­hil­fe wil­li­ger Marionetten.

Anders ver­hält es sich bei lexi­ka­li­schen Stan­dard­wer­ken, die der Dar­stel­lung nüch­ter­ner Fak­ten und Daten ver­pflich­tet sind. Umso mehr erstaunt es, dass das als seri­ös gel­ten­de Biblio­gra­phi­sche Insti­tut von dem unge­schrie­be­nen Gesetz abweicht, wie ein Blick in die kürz­lich erschie­ne­ne 28. Auf­la­ge des »Duden – Die deut­sche Recht­schrei­bung: Das umfas­sen­de Stan­dard­werk auf der Grund­la­ge der aktu­el­len amt­li­chen Regeln« zeigt. In zahl­rei­chen Fäl­len über­nimmt die Redak­ti­on die regie­rungs­amt­li­che Sicht­wei­se und Sprach­re­ge­lung. Ver­mut­lich will man als qua­si Natio­nal­me­di­um nicht abseits ste­hen, was schon durch die Ver­le­gung des Her­aus­ge­ber­or­tes von Mann­heim nach Ber­lin beför­dert wurde.

Mit beson­de­rer Ver­ve nimmt man sich Russ­lands und sei­ner Füh­rung an. Des­sen Prä­si­dent wird bei­läu­fig als »Putin (russ. Poli­ti­ker)« erwähnt und wohl nicht zufäl­lig auf eine Stu­fe mit »Sta­lin (sowj. Poli­ti­ker)« gestellt. Weder wer­den sein Vor­na­me noch sei­ne Funk­ti­on ange­ge­ben. Da sieht es bei Gor­bat­schow als »sowje­ti­scher Staats­mann« schon anders aus, ganz zu schwei­gen von den Leucht­tür­men unse­res Wer­te­sy­stems, die als »Trump, Donald (Prä­si­dent der USA)« und »Oba­ma, Barack (Prä­si­dent der USA)« gewür­digt wer­den. Und sogar »Fran­co, Fran­cis­co (span. Gene­ral u. Poli­ti­ker)« hat es geschafft! Da fällt einem das Stich­wort »Dik­ta­tur« ein, das man mit zahl­rei­chen Namen aus allen Zeit­epo­chen asso­zi­ie­ren kann und nicht erläu­tern muss. Anders der Duden, für den das aus­schließ­lich »Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats (marx.)« bedeu­tet. Kei­ne Deu­tung ist abwe­gig genug, wenn sie nur ihren beab­sich­tig­ten Zweck erfüllt. Hier ist die Redak­ti­on zu tadeln: Statt des gewähl­ten obso­le­ten Begriffs wäre doch die von inter­es­sier­ter Sei­te tag­aus, tag­ein mit vol­len Backen posaun­te »SED-Dik­ta­tur« aktu­el­ler und der Sache dien­li­cher gewe­sen. Aber sonst erfüllt man auch hier die Vor­ga­ben, wenn man einem Wort wie »Mau­er«, unter dem sich selbst ein Bil­dungs­fer­ner etwas vor­stel­len kann, »Mau­er­bau«, »Mau­er­fall« und »Mau­er­specht« zuordnet.

Zurück nach Russ­land. Dass die Her­ab­set­zung Putins kein Zufall ist, wird bei den Anga­ben zur Wör­ter­buch­be­nut­zung deut­lich. Unter D22 (Bin­de­strich) wird als Bei­spiel »Eine Putin-kri­ti­sche Grup­pie­rung« genannt und – damit es sich bes­ser ein­prägt – unter D135 (Namen) wie­der­holt. Wäre das absichts­los, hät­te man hier ein ande­res Bei­spiel gewählt.

Beim Stich­wort »Kreml« wird unter ande­rem notiert, dass das Wort über­tra­gen für Regie­rung Russ­lands steht, um dann mit »Kreml­kri­ti­ker«, »Kreml­kri­ti­ke­rin« und »kreml­kri­tisch« die Rich­tung zu wei­sen. Zu »Krim« fin­det man nicht etwa den belieb­ten Krim­sekt, son­dern selbst­ver­ständ­lich die »Kri­man­ne­xi­on«.

Im näch­sten Jahr ist Bun­des­tags­wahl, deren Ergeb­nis aus heu­ti­ger Sicht eher eine Wen­de zum noch Schlech­te­ren erwar­ten lässt, selbst wenn der rus­so­pho­be Außen­mi­ni­ster ein ande­rer ist. Wenn die wie­der anvi­sier­ten 75.000 Exem­pla­re der aktu­el­len Duden-Print­aus­ga­be ver­kauft sind, war­tet auf die Redak­ti­on aus­rei­chend neu­er Stoff, zumal man in Ber­lin näher an den Macht­eli­ten ist und deren Sicht­wei­se samt Gebrauchs­an­wei­sung (sprich: Sprach­re­ge­lung) schnel­ler und unge­fil­tert ankommt. Man darf auf die 29. Auf­la­ge gespannt sein!

Übri­gens lau­tet das Duden-Leit­bild: »Spra­che sagt alles.« Und wei­ter führt der Ver­lag auf sei­ner Web­site aus: »… Duden hilft uns seit Jahr­zehn­ten, den ›Schlüs­sel‹ Spra­che rich­tig und sinn­voll zu nut­zen: um zu ver­ste­hen, um uns aus­zu­drücken, um uns zu ver­stän­di­gen.« Man ist sich sei­ner Macht bewusst und gibt den Schlüs­sel zur Welt gezielt vor.