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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aufhaltsame Wirkungslosigkeit

Vor zwei Jah­ren, 2019, ver­öf­fent­lich­te Heinz-Uwe Haus im bri­ti­schen Ver­lag Cam­bridge Scho­l­ars Publi­shing einen Sam­mel­band über sei­ne Regie­er­fah­run­gen in den USA (»Heinz-Uwe Haus and Brecht in the USA: Direc­ting and Trai­ning Expe­ri­en­ces«, 310 S.). Haus, der als erster Regis­seur aus der DDR pro­fes­sio­nell an Thea­tern und Uni­ver­si­tä­ten der USA seit Ende der Sieb­zi­ger Jah­re tätig wur­de, führ­te mit sei­ner künst­le­ri­schen und Lehr­tä­tig­keit alle bekann­ten Vor­ur­tei­le der Brecht­geg­ner ad absur­dum – vom Vor­wurf ermü­den­den Intel­lek­tua­lis­mus‘ bis zur ideo­lo­gi­schen Pro­pa­gan­da. »Mit jeder sei­ner Insze­nie­run­gen“, schreibt Nona Mole­ski, »wird die Magie des Thea­tra­li­schen erfahr­bar und bringt das Ein­leuch­ten­de zur Wir­kung« (S. 123), und Clau­di­ne Elne­ca­ve bemerkt: »Die Wahr­heit vom Kopf auf die Füße gestellt, wer­den die ‚Bret­ter, die die Welt bedeu­ten‘, zur Spiel­wie­se auch des mün­di­gen Zuschau­ers« (S. 267).

Nun­mehr stellt der Ver­lag in einem wei­te­ren Buch die 40jährige Tätig­keit des Regis­seurs im grie­chisch­spra­chi­gen Thea­ter in Zypern und Grie­chen­land vor: »Heinz-Uwe Haus and Theat­re Making in Cyprus and Greece«, 405 S.). Alle Haus­schen Insze­nie­run­gen und ihre Wir­kung wer­den im künst­le­ri­schen und poli­ti­schen Kon­text beschrie­ben: vom »Kau­ka­si­schen Krei­de­kreis« von Brecht 1975 bis zu Ibsens »Die Frau vom Meer« 2017. Etwa 20 Insze­nie­run­gen mit dem zypri­schen Staats­thea­ter THOK und in Grie­chen­land sowie Gast­spie­le und Kopro­duk­tio­nen in der DDR und im ver­ein­ten Deutsch­land sind doku­men­tiert. In acht Kapi­teln liegt eine ein­zig­ar­ti­ge thea­ter­hi­sto­ri­sche und kul­tur­po­li­ti­sche Bestands­auf­nah­me vor, die nicht nur in den bei­den Län­dern für Thea­ter­schaf­fen­de von Inter­es­se ist. Sie ist von drin­gen­dem »Gebrauchs­wert« (Brecht) für die Bestim­mung der Auf­ga­ben und Mög­lich­kei­ten des Thea­ters unter heu­ti­gen Bedingungen.

Zusam­men mit Co-Her­aus­ge­ber Dani­el Mey­er-Dink­gra­ä­fe gelingt es Haus, die durch sein Wir­ken ent­fach­te Brecht-Rezep­ti­on von Mit­te der Sieb­zi­ger bis Ende der Acht­zi­ger in den Mit­tel­punkt zu rücken. Das betrifft sowohl Fra­gen regie­li­cher und dra­ma­tur­gi­scher Pra­xis als auch gesell­schaft­li­cher Hal­tung und Posi­tio­nie­rung. »Brecht zeigt Mög­lich­kei­ten auf, in Poli­tik, Wis­sen­schaft und Kul­tur ande­re, sich gesamt­ge­sell­schaft­lich aus­wir­ken­de Ver­hält­nis­se anzu­stre­ben, die einen wahr­haft kom­mu­ni­ta­ri­sti­schen Cha­rak­ter haben«, schrieb Gre­gor Kary­das 1978 in einer Kri­tik zu Haus‘ legen­dä­rer »Mut­ter Cou­ra­ge«. Von sol­cher »uni­ver­sa­len« Welt­sicht, die in Haus‘ Insze­nie­run­gen den Gestus bestimmt, wird in den Bei­trä­gen pro­mi­nen­ter Stim­men der grie­chi­schen, zypri­schen und inter­na­tio­na­len Kri­tik und Kul­tur berich­tet. Gleich ob es sich um einen aka­de­mi­schen Text oder einen Pre­mie­ren­gruß, eine sze­ni­sche Beschrei­bung oder eine Auf­füh­rungs­kri­tik han­delt, es ist die neue, ande­re Sicht Brechts auf die Welt und die gesell­schaft­li­chen Vor­gän­ge, es ist sein »ein­grei­fen­des Den­ken«, das in Haus‘ Arbei­ten deut­lich hervortritt.

Bemer­kens­wert ist im Rück­blick, dass Haus trotz des Kal­ten Krie­ges solch bestän­di­gen Erfolg und Ein­fluss in bei­den Thea­ter­kul­tu­ren gewann. Ganz augen­schein­lich war Haus mit sei­ner ersten Insze­nie­rung, dem »Kau­ka­si­schen Krei­de­kreis«, zur rech­ten Zeit am rech­ten Ort. Zypern lag nach dem Putsch der grie­chi­schen Obri­sten gegen Prä­si­dent Marka­ri­os und der dar­auf­fol­gen­den Inva­si­on der Tür­kei im Früh­jahr 1974 am Boden: ein Drit­tel der Insel besetzt, war das öffent­li­che Leben im von der Regie­rung kon­trol­lier­ten Teil fast zum Erlie­gen gekom­men. Als nach mehr als einem Jahr das Staats­thea­ter THOK wie­der sei­nen Betrieb auf­neh­men soll­te, wähl­te man als Pre­mie­re bewusst Brecht. Die DDR, die ein Kul­tur­ab­kom­men mit der Repu­blik Zypern hat­te, sag­te Unter­stüt­zung zu. Auf Vor­schlag von Man­fred Wekwerth wur­de Haus »ent­sandt«. Haus war enger Mit­ar­bei­ter Wekwerths, erst als Regis­seur am Deut­schen Thea­ter, spä­ter, als Wekwerth zum Inten­dan­ten des BE beru­fen wur­de, des­sen Künst­le­ri­scher Beauf­trag­ter. Haus wur­de von Wekwerth sei­ner unkon­ven­tio­nel­len und kri­ti­schen Ansich­ten wegen geschätzt und »gebraucht«, weil er die Brecht-Rezep­ti­on in der DDR nach dem Tod Hele­ne Wei­gels zu »ver­jün­gen« und wei­ter­zu­ent­wickeln trach­te­te. Für Haus war das soge­nann­te »Brecht-Modell« eine Rück­ver­si­che­rung, kei­ne Durch­füh­rungs­be­stim­mung. Er ging stets vom Gege­be­nen aus und ris­kier­te des­sen Infragestellung.

Haus ersetz­te das Vor­spiel von Brechts »Krei­de­kreis« durch ein von Christa­kis Geor­ghiou ver­fass­tes Vor­spiel, das in der Zukunft Zyperns nach Lösung des Zypern-Kon­flikts spielt. Eine stär­ke­re Her­aus­for­de­rung an die vom Raub ihrer Fel­der und Häu­ser betrof­fe­nen Zuschau­er war kaum vor­stell­bar. Auch die Musik von Geor­ge Kot­so­nis, die Ele­men­te der Rem­be­ti­ka und der zypri­schen popu­lä­ren Musik aus der Zeit des Wider­stands gegen die bri­ti­sche Kolo­ni­al­herr­schaft auf­griff, brach­te die alten Geschich­ten dem Publi­kum emo­tio­nal nahe.

Die Kri­ti­ken spie­geln einen groß­ar­ti­gen Erfolg für die Insze­nie­rung wider. Haus war damit eta­bliert. Als sich der Ruf des Regis­seurs nach Gast­spie­len auch in Grie­chen­land her­um­sprach, begann eine wei­te­re fort­wir­ken­de Prä­senz im grie­chisch­spra­chi­gen Thea­ter, geför­dert auch durch die neue Mini­ste­rin Meli­na Mer­cou­ri, die Haus ein­lud, am Auf­bau eine regio­na­len Thea­ter­sy­stems mitzuwirken.

Haus‘ Insze­nie­rungs­er­fah­run­gen in Zypern und Grie­chen­land lesen sich span­nend und sind auf­schluss­reich, ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der heu­ti­gen Auf­ga­ben­stel­lung einer »auf­halt­sa­men Wir­kungs­lo­sig­keit Brechts« (so der Titel eines eben­falls lesens­wer­ten Buches von Jost Her­mand, das bei »Thea­ter der Zeit« erschie­nen ist). Die Samm­lung doku­men­tiert, war­um und wie Thea­ter­ma­chen mit Brecht an gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­rung teil­ha­ben kann.

Die Autorin ist bul­ga­ri­sche Essay­istin und lebt zur­zeit auf Zypern.