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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aus dem Osten in die Zukunft

DDR-Bür­ger hat­ten eine im Westen schon früh ver­lo­re­ne Fähig­keit: Sie konn­ten Mate­ria­li­en, Gegen­stän­de, Fund­stücke aller Art fan­ta­sie­voll umdeu­ten, um aus den Din­gen, die man gera­de zur Ver­fü­gung hat­te, die Din­ge her­zu­stel­len, die man gera­de brauch­te. Das Zen­tral­or­gan des DDR-Bast­lers war das Bastel­ma­ga­zin Prac­tic.

Die Zeit­schrift mit Tipps und Selbst­bau­an­lei­tun­gen erschien ab 1967, vier­mal im Jahr, und koste­te eine Mark; Hef­te vol­ler Aben­teu­er, weil man in ihnen erfuhr, dass man alles haben konn­te, wenn man nur in der Lage war, es selbst zu bau­en: Zum Bei­spiel Schach­fi­gu­ren aus Papier; Dau­er­ka­len­der aus Holz­re­sten und PVC-Abfäl­len; Wand­schmuck aus getrock­ne­ten Wur­zeln und Ästen; auf­blas­ba­re Rodel­schlit­ten aus Dün­ge­mit­tel­säcken; Segel­bret­ter aus Glas­sei­den­sta­pel­mat­ten, Poly­est­er­gieß­harz und Kiefernleisten.

Auch Heim­sport­ge­rä­te, für die man u. a. Abfall­stücke vom Was­ser­lei­tungs­bau, Leder­gür­tel und Vor­hän­ge­schlös­ser zum Befe­sti­gen des selbst her­ge­stell­ten Kraft­gür­tels am Kör­per brauchte.

Oder den Kratz- und Klet­ter­baum für Kat­zen, der im Wesent­li­chen aus einem mit Tep­pich­re­sten bekleb­ten Pfo­sten bestand, an den dann stu­fen­ar­tig ver­schie­de­ne Klet­ter­platt­for­men ange­na­gelt wur­den. So einen Kratz- und Klet­ter­baum haben wir in Ber­lin-Mar­zahn auch bei mei­ner lei­der schon ver­stor­be­nen Freun­din The­res gefun­den, doch er hat ihre Kat­zen nicht davon abge­hal­ten, die Kral­len eben­falls an Schrän­ken zu schär­fen oder in Tep­pi­che und Pol­ster­mö­bel zu haken.

Vor­aus­set­zung für das Erschaf­fen neu­er prak­ti­scher oder deko­ra­ti­ver Gegen­stän­de war das Sam­meln. Nie wur­de etwas weg­ge­schmis­sen, nie wur­de etwas als Müll betrach­tet, höch­stens ein stin­ken­der Fisch oder eine ver­faul­te Kar­tof­fel, denn wer wuss­te schon, wofür man die auf­be­wahr­ten oder gefun­de­nen Gegen­stän­de noch brau­chen konn­te und wann die DDR-Man­gel­wirt­schaft gar kei­nen Nach­schub mehr bie­ten würde.

Die Woh­nung mei­ner Freun­din The­res war so ein Sam­mel­la­ger – und bei der Auf­lö­sung ihrer Woh­nung durf­ten wir Gegen­stand für Gegen­stand bewun­dern, wie man aus Tüchern und Sicher­heits­na­deln ver­schie­de­ne Beu­tel ent­wer­fen, wie man Wäsche­klam­mern als Auf­hän­gun­gen für mit Gewür­zen gefüll­te Pla­ste­krü­ge nut­zen oder wie man aus alten Brief­um­schlän­gen ein außer­ge­wöhn­li­ches Notiz­buch kle­ben konn­te – mit einer abge­stem­pel­ten Brief­mar­ke auf jeder zwei­ten Seite.

Alles konn­te viel­leicht ein­mal nütz­lich sein und alles wur­de auf­ge­ho­ben oder mit­ge­nom­men. Mate­ri­al­re­ste aus den Betrie­ben oder Fund­stücke aus ille­ga­len Müll­hau­fen an der Land­stra­ße – offen­bar von Men­schen ange­häuft, die das Wesen, den Geist der DDR nicht ver­stan­den hat­ten, ihre anti­ka­pi­ta­li­sti­sche Nachhaltigkeit.

Wie die Woh­nun­gen ande­rer Freun­de aus der DDR war auch The­res’ Woh­nung eine Schatz­kam­mer vol­ler Requi­si­ten für Zeit­rei­sen: alte Fla­schen, Por­zel­lan­ver­schlüs­se, Metall­roh­re, anti­ke Küchen­ge­rä­te mit feh­len­den Schrau­ben, abge­fal­le­ne Sofa­b­ei­ne, Zucker­do­sen­deckel ohne Zucker­do­se, Mar­me­la­den­glä­ser ohne Deckel, gekleb­te Meiss­ner Tel­ler, Mili­ta­ria aus zwei Welt­krie­gen, Wachs­tü­cher und Ser­vi­et­ten mit selbst­ge­stick­ten Mono­gram­men, Bril­len­ge­stel­le aus den letz­ten 100 Jah­ren, Uhren­deckel, Elektroschrott …

Banau­sen, meist aus dem Westen, hät­ten die­se DDR-Vor­rats­hal­tun­gen wahr­schein­lich als Müll­hau­fen bezeich­net, und nicht ver­stan­den, war­um man Holz­vor­rä­te unter dem Bei­stell­tisch sam­melt. Natür­lich, weil eines Tages etwas dar­aus geschnitzt wer­den sollte.

In der DDR leb­ten ohne Fra­ge vie­le Ver­wand­te der berühm­ten Pip­pi Lang­strumpf, die sich selbst als eine »Sachen­su­che­rin« bezeich­ne­te. Die gefun­de­ne Garn­rol­le woll­te sich Pip­pi um den Hals hän­gen oder durch sie Sei­fen­bla­sen pusten; in die alte rosti­ge Blech­büch­se wür­de sie Kuchen legen, damit sie dann »eine fei­ne Büch­se mit Kuchen« sei.

Oft waren die pri­va­ten Bastel­lö­sun­gen der DDR-Sachen­su­cher nur pro­vi­so­risch gemeint, am Ende aber wur­den sie zu Dau­er­lö­sun­gen mit einer eige­nen poe­ti­schen Schön­heit – so wie das Werk­zeug­re­gal aus mehr als 100 Rahm­but­ter-Schach­teln für Schrau­ben, Mut­tern oder Schei­ben, das im Wohn­zim­mer von Det­lef aus Zwickau die DDR überlebte.

Det­lef hat mir 1990 eini­ge Aus­ga­ben der Prac­tic geschenkt, auch die zwei­te Aus­ga­be von 1981, in der die Idee für die Ver­wen­dung der Rahm­but­ter-Schach­teln ver­öf­fent­licht wur­de – ein­ge­sen­det von einem Mann mit dem Namen Uwe Freiberger.

Über­haupt: Die Leser­tipps waren das Schön­ste in der Prac­tic: Der sty­li­sche Lam­pen­schirm aus Eier­ver­packun­gen zum Bei­spiel, den der Büh­nen­bild­ner der James-Bond-Fil­me sicher gleich nach­ge­baut hät­te. Oder der Vor­schlag, Saug­ha­ken an der Unter­sei­te eines Wand­bor­des zu befe­sti­gen, um dort Abwasch­bür­sten zum Trock­nen auf­zu­hän­gen, was in The­res’ Küche genau so vor­zu­fin­den war. Beson­ders gefal­len hat mir die Idee, aus zwei Klei­der­bü­geln einen »Trocken­stän­der für Pla­ste­beu­tel« zu bau­en. Pla­ste­beu­tel wur­den in der DDR immer wie­der ver­wen­det, erst recht, wenn sie aus dem Westen stamm­ten und bunt bedruckt waren.

Dass der soge­nann­te Man­gel in der DDR viel­leicht gar kein Man­gel war, son­dern Ansporn zu einem so krea­ti­ven wie nach­hal­ti­gen Gebrauch unse­rer Res­sour­cen ist zwi­schen der DDR-Sehn­sucht nach mehr Bana­nen und der west­li­chen Kon­sum-Ideo­lo­gie lei­der nicht erkannt wor­den. Über­se­hen wor­den ist auch, dass Pro­vi­so­ri­en so viel schö­ner sind als lang­wei­li­ge Per­fek­ti­on. Der Tra­bi mei­ner Freun­din Andrea aus Hal­le, damals Mit­ar­bei­te­rin in der dor­ti­gen Büche­rei, hat­te am Arma­tu­ren­brett eine Flä­che, die für den Ein­bau eines Auto­ra­di­os vor­ge­se­hen war. Auto­ra­di­os gab es in der DDR aber nie. Doch in der Prac­tic war zu lesen, wie man hier wenig­stens eine Uhr anbrin­gen konn­te. Ein­fach ein Loch ins Arma­tu­ren­brett sägen und einen Wecker dahin­ter­klem­men. Was Andrea prompt in die Tat umsetzte.

Mein Freund Peter wie­der­um über­li­ste­te jah­re­lang einen Wackel­kon­takt am Laut­stär­ke­knopf des Fern­se­hers durch ein dazwi­schen geklemm­tes Holz­stäb­chen. Auf das wur­de so lan­ge getippt, bis der Ton wie­der ansprang. Der neue Nach­wen­de­fern­se­her ohne span­nen­den Wackel­kon­takt beraub­te Peter des täg­li­chen Erfolgs­er­leb­nis­ses. Bis heu­te erzählt er von dem sei­nem Trick mit dem klei­nen Holz­stück. Wie Andrea von ihrem Wecker im Armaturenbrett.

Auch in den Betrie­ben war das fan­ta­sie­vol­le Umwid­men von Mate­ria­li­en und Maschi­nen All­tags­kunst. Anfang der 1970er Jah­re wur­de jeder Betrieb ver­pflich­tet, mit sei­nen Mög­lich­kei­ten und Mate­ria­li­en soge­nann­te Kon­sum­gü­ter her­zu­stel­len. So bau­te das VEB Spreng­stoff­werk Gnasch­witz Flie­gen­klat­schen, eine Schiffs­werft stell­te Kaf­fee­ma­schi­nen her, der Heiz­schuh San­da­lon stamm­te aus dem VEB Robo­tron in Dres­den, beim VEB Elek­tro­ke­ra­mik Pan­kow wur­den aus Kera­mik­ma­sse Laich­gro­t­ten für Aqua­ri­en hergestellt.

Und natür­lich ging auch das Com­pu­ter­zeit­al­ter nicht an der DDR nicht vor­bei. Man­che Bast­ler bau­ten sich ihren Heim­com­pu­ter selbst. 1988 wur­de in der Prac­tic eine Anlei­tung zum Bau einer Maus, einer »exter­nen Cur­sor­steue­rung« abge­druckt. Das Bau­ma­te­ri­al bestand u.a. aus höl­zer­nen Möbel­grif­fen, aus Schrau­ben, Draht, Dioden und - einer Butterdose.

Viel­leicht stand hier der berühm­te US-ame­ri­ka­ni­sche Geheim­agent Angus Mac­Gy­ver Pate, der in den sie­ben Staf­feln sei­nes Fern­seh­le­bens stän­dig als Pro­blem­lö­ser für beson­ders schwie­ri­ge Fäl­le rund um den Glo­bus geschickt wur­de, dabei Schuss­waf­fen ablehn­te und immer nach gewalt­frei­en Lösun­gen such­te. Mac­Gy­ver war ein genia­ler All­round-Inge­nieur und sei­ne nahe­zu gren­zen­lo­sen wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­se hal­fen ihm immer wie­der aus schein­bar aus­weg­lo­sen Situa­tio­nen. Dafür brauch­te er kei­ne asia­ti­schen Kampf­kün­ste und schon gar kei­ne High-Tech-Spie­le­rei­en wie James Bond: Mac­Gy­ver reich­ten Streich­höl­zer und ein Kau­gum­mi­pa­pier; er besieg­te den Feind mit dem Inhalt einer Damenhandtasche.

Wer heu­te durch die Welt reist, in die Tür­kei, nach Afri­ka, nach Süd­ame­ri­ka oder Asi­en, kann den so prag­ma­ti­schen wie krea­ti­ven DDR-Geist wie­der­ent­decken. Aus Kani­stern gebau­te Kehr­schau­feln in Istan­bul, Gar­ten­zäu­ne aus alten Bett­ge­stel­len in Rumä­ni­en, Spiel­zeug­au­tos aus aus­ran­gier­ten Staub­saugern im marok­ka­ni­schen Essaoui­ra, aus den Strei­fen von Pla­stik­tü­ten gehä­kel­te Tier­pup­pen oder aus Auto­rei­fen gefer­tig­te San­da­len in Nairobi.

2013 fand in Mai­land eine Aus­stel­lung mit Pro­duk­ten aus Mat­ha­re, dem zweit­größ­ten Slum in Nai­ro­bi statt. Pro­du­ziert wer­den hier, wie in ande­ren Slums, alle Arten von Waren für den täg­li­chen Gebrauch, kre­iert aus dem Vor­ge­fun­de­nen mit einer Mischung aus Prag­ma­tis­mus, Fan­ta­sie und hand­werk­li­chem Geschick. Her­ge­stellt wird nur das, was gebraucht wird – und zwar aus dem, was vor­han­den ist. Es geht höch­stens neben­bei um Form­ge­bung oder Auf­ma­chung, es geht nicht um sozia­le Abgren­zung durch edlen Chic oder Luxus. Es geht allein um die Ent­wick­lung und Kon­struk­ti­on von funk­tio­na­len, lang­le­bi­gen und gün­sti­gen Pro­duk­ten; um prak­ti­sche Ant­wor­ten auf die all­täg­li­chen Bedürf­nis­se der Slum-Bewohner.

Was wir im Slum von Nai­ro­bi oder in ande­ren Armen­vier­teln der Welt sehen kön­nen, ist Design als Waf­fe im Über­le­bens­kampf, ist die sub­ver­si­ve Umin­ter­pre­ta­ti­on von Abfall, von Zivi­li­sa­ti­ons­müll, ist ein indi­vi­du­el­ler schöp­fe­ri­scher Pro­zess, einer von vie­len Wegen für eine nach­hal­ti­ge Zukunft auch jen­seits aku­ter Armut.

Als »Upcy­cling« ist die Umwand­lung von gebrauch­ten Mate­ria­li­en in neu­wer­ti­ge Pro­duk­te längst auch in Euro­pa ange­kom­men. Doch die Taschen von »Zir­kel­trai­ning« zum Bei­spiel, gefer­tigt aus alten Turn­mat­ten, oder die Taschen von »Frei­tag«, gefer­tigt aus alten LKW-Pla­nen, sind hier ein Sta­tus­sym­bol der Hip­pen und Rei­chen. Die schicken Waren – wie Yoga­ho­sen aus Pla­stik­fla­schen oder Hüte aus Kaf­fee­säcken – sind teu­er, für Durch­schnitts­ver­die­ner kaum erschwing­lich. Wer die­se Waren trägt, demon­striert, dass er sich sein Umwelt­be­wusst­sein etwas kosten lässt.

Die Objek­te aus der Prac­tic mögen dage­gen für vie­le ärm­lich wir­ken. Ich fin­de sie oft komisch, aber immer lie­bens­wert. Und anre­gend. Sie erwei­tern unse­ren Hori­zont. Geben uns Denk­an­stö­ße. Erin­nern uns an unse­re Kreativität.

Was für fan­ta­sie­vol­le Ideen: Ein an ein Flach­ei­sen genie­te­ter Metall­fin­ger­hut, der nun als Ker­zen­lö­scher dient; die Sah­ne­sprit­ze aus dem Ver­schluss eines Tablet­ten­röhr­chens; der Dor­nen­ab­strei­fer für Rosen aus gefal­te­tem Bandstahl.

Oder die­ser Ein­fall: Im Win­ter mit Hil­fe einer Draht­auf­hän­gung die Früh­stücks­milch am Heiz­kör­per zu wärmen.

Die Prac­tic war eben vol­ler Poe­sie. So poe­tisch wie die Pro­duk­te aus Nai­ro­bi. Sie wir­ken städ­tisch und den­noch alt, archäo­lo­gi­sche Fund­stücke aus der Ver­gan­gen­heit und der Zukunft der Mensch­heit. Kunst und Krisenbewältigung.