Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bernauer Mauer

An der Stadt­mau­er hängt ein Reli­ef, das Wer­ner Stöt­zer aus Mar­mor schlug. Es hängt dort seit fünf­und­drei­ßig Jah­ren schon, wes­halb es nicht mehr jung­fräu­lich weiß leuch­tet. Davor rostet eben­so lan­ge bereits eine Ste­le, auf der, aus dem glei­chen Stahl gefer­tigt, ein Sta­pel rost­brau­ner Akten ruht. Die­ses Kunst­werk ist von Jan Sku­in, und bei den Ord­nern han­delt es sich um Dreh­bü­cher, die der auf die­se Wei­se Geehr­te ver­fass­te. Das Ensem­ble gilt Kon­rad Wolf, dem DEFA-Regis­seur und Prä­si­den­ten der Aka­de­mie der Kün­ste der DDR. Es wur­de dort zu sei­nem 60. Geburts­tag instal­liert. Der Schöp­fer von »Ich war 19« und »Solo Sun­ny« war 1982 ver­stor­ben, mit 56 Jahren.

Der Zufall führ­te mich nach Ber­nau, und mich über­rasch­te die Tat­sa­che, an eben jenem Ort zwei Sträu­ße fri­scher Schnitt­blu­men vor­zu­fin­den. Die Tafel klär­te mich auf: Wolf war am Vor­tag vor 38 Jah­ren ver­stor­ben. Kein run­der Jah­res­tag, und den­noch hat­ten min­de­stens zwei Men­schen an die­sem Sams­tag mit Tul­pen und Nel­ken an ihn gedacht.

Die Stadt Ber­nau ver­lieh anläss­lich des 30. Jah­res­ta­ges der Befrei­ung vom Faschis­mus Kon­rad Wolf die Ehren­bür­ger­wür­de. Das kam daher, dass er – als Sieb­zehn­jäh­ri­ger der Roten Armee bei­getre­ten – zu den Befrei­ern der Acker­bür­ger­stadt vor den Toren Ber­lins gehör­te. Er war Neun­zehn, als ihn sei­ne Vor­ge­setz­ten zum sowje­ti­schen Stadt­kom­man­dan­ten von Ber­nau machten.

Das geschah am 22. April vor 75 Jahren.

Wie es heißt, wol­len sich an jenem Tag Freun­de und Gesin­nungs­ge­nos­sen dort an der Stadt­mau­er ver­sam­meln und Kon­rad Wolf, den anti­fa­schi­sti­schen Befrei­er, ehren.

Zwar tra­gen die Film­uni­ver­si­tät Babels­berg und eine Stra­ße in Ber­lin-Hohen­schön­hau­sen sei­nen Namen. Kon­rad Wolf steht auch auf einer Gedenk­ta­fel an einem Wohn­haus in Mos­kau, von dem aus er damals in den Krieg gegen die Faschi­sten zog, und auf sei­nem Grab­stein am Per­go­len­weg in Ber­lin-Fried­richs­fel­de. Aber eben jener Platz in Ber­nau ist die ein­zi­ge auch so benann­te Gedenk­stät­te für ihn.

Sie befin­det sich unweit des sowje­ti­schen Ehren­fried­ho­fes, auf dem über vier­hun­dert im letz­ten Monat des Krie­ges gestor­be­ne Rot­ar­mi­sten fern der Hei­mat bestat­tet wur­den. Dar­un­ter waren auch drei »Hel­den der Sowjet­uni­on«, wes­halb der Stern auf dem Obe­lisk nicht rot, wie sonst üblich, son­dern in Gold gefasst ist. Gleich dane­ben, jen­seits des Müh­len­tors, erin­nert das wil­hel­mi­ni­sche Denk­mal von 1890 an die drei soge­nann­ten deut­schen Eini­gungs­krie­ge, und hängt an der Stadt­mau­er seit 1998 auch ein beein­drucken­des Bron­ze­re­li­ef von Fried­rich Schötschel für die Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer. »Gewid­met allen Deser­teu­ren und Ver­wei­ge­rern, deren Hei­mat die Mut­ter Erde ist, die im Feind den Men­schen­bru­der erken­nen, die statt auf Gene­rä­le auf den Befehl ihres Gewis­sens hören, die nicht an Ideo­lo­gien, son­dern am Leben hän­gen, deren Angst klei­ner als ihre Lie­be ist.«

Alles in einer Rei­he, auf hun­dert Metern ver­teilt an der Stadt­mau­er zu Ber­nau zu sehen. Ein Geschichts­lehr­pfad der dia­lek­ti­schen Art. Der Geschich­ten­er­zäh­ler Kon­rad Wolf hät­te gewiss sei­nen Gefal­len dar­an gehabt.