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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Beste Verdienste fürs Amt

Es muss sich um eine eben­so exzel­len­te wie sym­pa­thi­sche Per­sön­lich­keit han­deln. Die öffent­lich-recht­li­che ARD-Tages­schau war begei­stert, auch die Zeit und die FAZ: Als »mes­ser­schar­fer Den­ker« sei er eben­so »volks­nah wie freund­lich, kon­zen­triert und zurück­hal­tend«. Er sei »bestens ver­netzt, ein Mann mit Ein­fluss«. Fazit: »Mer­kels Mann für Karls­ru­he ist der rich­ti­ge« (Welt, 14.11.2018). Die Tages­schau gab ihm Gele­gen­heit zur Selbst­dar­stel­lung: Es sei­en die klei­nen The­men der Men­schen, die ihm am Her­zen lie­gen, wenn sie schwer krank oder arm sind (ARD, 9.11.2018). Und damit wir uns den Men­schen – Katho­lik, drei Kin­der – bes­ser vor­stel­len kön­nen, beschrieb ihn das Han­dels­blatt (22.11.2018) als »beson­nen«; er tra­ge »stets dunk­le Anzü­ge, mit Kra­wat­te und Ein­steck­tuch« und »sei­ne Hei­mat­ver­bun­den­heit ist offen­sicht­lich«, wenn er etwa mit Fan-Schal dem TSG Hof­fen­heim zujubelt.

Dage­gen kann die von dem Jour­na­li­sten und Publi­zi­sten Wer­ner Rüge­mer beschrie­be­ne Per­son allen­falls bei Gleich­ge­sinn­ten Ver­trau­en wecken, die Sym­pa­thien der brei­ten Mas­sen wer­den sich in engen Gren­zen hal­ten. Über die­sen Mann lesen wir: In der US-Groß­kanz­lei She­ar­man & Stir­ling, in der er Anwalt und spä­ter Mit­ei­gen­tü­mer war, »wur­de der größ­te Steu­er­be­trug der deut­schen Geschich­te, der Cum-Ex-Mil­li­ar­den-Trick, zur juri­sti­schen Rei­fe gebracht«. Eben die­se Kanz­lei ist auch »füh­rend bei den inter­na­tio­na­len pri­va­ten Schieds­ge­rich­ten«, die Kon­zern­kla­gen gegen sozia­le und öko­lo­gi­sche Rege­lun­gen des Staa­tes ver­tre­ten. Als Anwalt der Wirt­schafts­kanz­lei SZA habe er gro­ße Unter­neh­men ver­tre­ten; »die Kanz­lei ver­tritt bis heu­te die Abgas-Betrü­ger von VW« – aber als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter ver­hin­der­te er spä­ter eine Befas­sung mit dem Skan­dal. Als Poli­ti­ker trat er für har­te Sank­tio­nen gegen Arbeits­lo­se ein und ver­such­te, die Ein­füh­rung des Min­dest­lohns zu verschleppen.

Zwei Per­so­nen, wie sie unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten – oder? Nein, die Rede ist in bei­den Fäl­len von Ste­phan Har­barth, der seit Novem­ber 2018 Vize­prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist. Im Mai soll er die Nach­fol­ge des der­zei­ti­gen Prä­si­den­ten Andre­as Voß­kuh­le antre­ten. Neben der begei­ster­ten Zustim­mung mei­nungs­prä­gen­der gro­ßer Medi­en gibt es nur wenig Kri­tik, so von Wer­ner Rüge­mer auf den Nach­Denk­Sei­ten (9.3.2020).

Wel­che Cha­rak­te­ri­sie­rung trägt bes­ser dazu bei, beur­tei­len zu kön­nen, ob Ste­phan Har­barth als Prä­si­dent in einem Ver­fas­sungs­or­gan sei­ne Auf­ga­be im Inter­es­se des Sou­ve­räns, also der Bevöl­ke­rung, des Gemein­wohls und des sozia­len Rechts­staa­tes aus­üben kann? Wird der gute Katho­lik mit Herz für die klei­nen Leu­te sei­ne Ein­stel­lung zum Min­dest­lohn oder zu Kon­zern­kla­gen gegen den Staat ändern? Sind sei­ne Fri­sur und sein Ein­steck­tuch maß­geb­lich für die Fra­ge, ob er unbe­fan­gen gegen­über CumEx- und Die­sel-Betrü­gern urtei­len kann? Die Kon­zern­me­di­en, die Kri­tik an Har­barths Inter­es­sen­kon­flikt nur bei­läu­fig zitie­ren, betä­ti­gen sich als Sprach­rohr staats­tra­gen­der Par­tei­po­li­tik. Das reicht nicht für Mei­nungs­bil­dung in einer Demokratie.

Wer­ner Rüge­mer weist außer­dem dar­auf hin: »Als CDU-Abge­ord­ne­ter im Bun­des­tag hat er nach aller Kennt­nis gegen das Abge­ord­ne­ten-Gesetz ver­sto­ßen. Es legt fest: Das Man­dat ist die Haupt­tä­tig­keit. Doch Har­barth war haupt­amt­lich als Anwalt tätig mit jähr­li­chen Mil­lio­nen­ein­kom­men.« Ein Ver­fas­sungs­ge­richts­prä­si­dent, der vor­her als Mit­glied des CDU-Bun­des­vor­stan­des und als Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter enorm hohe Neben­ein­künf­te als Anwalt hat­te: Wie soll man ihm abneh­men, dass er bei der Befas­sung mit The­men wie Hartz IV, Pri­va­ti­sie­rung des Gesund­heits­we­sens oder der mil­li­ar­den­schwe­ren Spe­ku­la­ti­on mit Woh­nun­gen nicht im Sin­ne von »Klas­sen­ju­stiz« für die Inter­es­sen sei­ner Kli­en­ten urteilt? Im Bun­des­tag setz­te sich Har­barth nach­drück­lich für die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung ein. Wie wür­de er wohl ent­schei­den, müss­te er bei anste­hen­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um demo­kra­tie­po­li­ti­sche und Bür­ger­rech­te betref­fen­de Geset­ze – Poli­zei­ge­set­ze, Pati­en­ten­da­ten et cete­ra – sei­ner frü­he­ren Posi­ti­on abschwören?

Eine ande­re Fra­ge ist, wie­so ein aus­ge­wie­sen kon­zern­na­her Anwalt von einer ganz gro­ßen Koali­ti­on aus CDU/​CSU, SPD, Grü­nen und FDP in Bun­des­tag und Bun­des­rat in die­se hohe Staats­funk­ti­on gewählt wird. Die Par­tei­en waren sich bei der erfor­der­li­chen Zwei-Drit­tel-Wahl zum Vize­prä­si­den­ten des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts einig. Die Grü­nen unter­stütz­ten ihn, die SPD spar­te nicht mit Lob (»aus­ge­zeich­ne­ter Kan­di­dat« und »abso­lu­ter Ken­ner des Rechts«). Es zeich­net sich ab, dass die Über­nah­me der Herr­schaft in einer Form­alde­mo­kra­tie durch Kon­zer­ne und Groß­in­ve­sto­ren an kei­ner Scham­gren­ze mehr Halt macht. Ein wei­te­rer Kon­zern­lob­by­ist, der Möch­te­gern-CDU-Kanz­ler­kan­di­dat Fried­rich Merz, Hand in Hand mit Ste­phan Har­barth, dem Prä­si­den­ten des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in spe: Welch eine Perspektive.

Der Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nimmt eine höchst poli­ti­sche staat­li­che Auf­ga­be wahr. Regie­rungs­na­he Par­tei­en und Medi­en, die ihrer Auf­ga­be als »Vier­te Gewalt« nicht gerecht wer­den, len­ken die Auf­merk­sam­keit auf Neben­säch­lich­kei­ten, erzäh­len Geschich­ten mit »human touch« – mit dem offen­sicht­li­chen Ziel, die Inter­es­sen­ver­quickung mit net­ten Geschicht­chen ver­ges­sen zu machen. Zu den Regeln die­ses »Sto­ry­tel­ling« zitie­ren Micha­el Mül­ler, Vol­ker Bräu­ti­gam und Fried­helm Klink­ham­mer den ARD-Redak­teur Chri­sti­an Frie­del: »Wir soll­ten ein­fach gute Geschich­ten schrei­ben. Ob fik­tiv oder real, da sehe ich kei­nen Unter­schied. Denn der Über­gang ist sowie­so flie­ßend. Ab wann ist etwas schon fik­tiv? Wann noch real?« (»Zwi­schen Feind­bild und Wet­ter­be­richt«, Papy­Ros­sa 2019, S. 23 f.)

Sei­ne bis­he­ri­gen poli­ti­schen und juri­sti­schen Schwer­punk­te las­sen den hoch­do­tier­ten Kon­zern­lob­by­isten Ste­phan Har­barth als unge­eig­net erschei­nen für die Funk­ti­on des Hüters des Grund­ge­set­zes als Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts-Prä­si­dent. Das Pro­blem sitzt aller­dings tie­fer, wie sei­ne Wahl durch die Größt­ko­ali­ti­on und die begei­ster­te Zustim­mung der Main­stream-Medi­en zeigen.