Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bewahrte frankierte Hoffnungen

Trä­fe der Titel »Vom Brief­ka­sten in den Papier­korb« zu, gäbe es das Buch von Elke Lang (E. L.) nicht. Als Kunst­ko­ry­phäe bekam Lothar Lang (L. L.) unend­lich vie­le Ein­la­dun­gen zu den Eröff­nun­gen von Kunst­aus­stel­lun­gen, von denen er die mei­sten in den Papier­korb ent­sorg­te und den­noch vie­le auf­ge­ho­ben und man­che sogar bewahrt hat, selbst wenn er die Ein­la­dun­gen nicht wahr­ge­nom­men hat­te. So sam­mel­te er einen doku­men­ta­ri­schen Schatz, auf den er zurück­grei­fen konn­te, als er unter ande­rem jahr­zehn­te­lang regel­mä­ßig Kunst­kri­ti­ken für die Weltbühne oder die Mar­gi­na­li­en schrieb. Da »sein ästhe­ti­sches Urteil an den Mei­stern der Klas­sik und der Moder­ne in erster Linie Euro­pas geschult« war, hat er »nur die Ein­la­dun­gen auf­ge­ho­ben, die für ihn per­sön­lich wich­tig waren« (E. L.) und die in ihrer Viel­falt in der qua­dra­ti­schen Bro­schur an 72 Bei­spie­len im guten Druck zu bewun­dern sind. Alle im Buch ver­sam­mel­ten Kunst­freun­de besa­ßen sei­ne freund­schaft­li­che Soli­da­ri­tät, beson­ders die Erfur­ter Ate­lier­ge­mein­schaft (1963–1974) mit Toni Mau, Roger Loe­wig, Albertz Wigand, Robert Reh­feldt, Her­mann Glöck­ner oder in West­ber­lin die »Gale­rie Nie­ren­dorf« und die »Klei­ne Welt­la­ter­ne«, eine Knei­pe in Kreuz­berg, oder die »Gale­rie S Ben War­gin«. Die klei­nen Gale­rien in West­ber­lin gaben Lang zudem die Anre­gung zu sei­nem Kunst­ka­bi­nett und den auf sei­ne Initia­ti­ve auf­bau­en­den Kul­tur­bund-Gale­rien in der DDR. Lang woll­te »einen Bei­trag zur Ver­stän­di­gung zwi­schen Ost und West auf kul­tu­rel­lem Gebiet lei­sten« (E. L.) und sei­nen künst­le­ri­schen Anspruch über die Gren­zen behaup­ten. In die­sem Sin­ne brach­ten sich die Gale­rien im Kul­tur­bund, in Pro­duk­ti­ons­be­trie­ben (Flie­sen­werk Boi­zen­burg) und den staat­li­chen Muse­en in Eisen­ach, Alten­burg, Dres­den, Ber­lin, Leip­zig mit ein.

Zu Langs eige­nen Aus­stel­lungs­er­öff­nun­gen am Insti­tut für Leh­rer­wei­ter­bil­dung gin­gen Ein­la­dun­gen über die Post an Kunst­freun­de her­aus, die sie beson­ders auf­be­wahr­ten, wie ich von einem Freund, einem ehe­ma­li­gen Stu­den­ten von Lothar Lang, weiß. Er zeig­te mir 1967 die mit erle­se­ner Gra­fik bestück­te Kost­bar­keit vom Kunst­ka­bi­nett Ber­lin-Pan­kow – mit einer Litho­gra­phie von Ger­hard Alten­bourg (s. S. 31) und Text von Lothar Lang. Von die­sem wich­ti­gen Künst­ler, sie­ben­fach im Buch ver­tre­ten, hat­te L. L. alle Ein­la­dun­gen auf­be­wahrt, so auch die der Alten­bur­ger Aus­stel­lung zu Alten­bourgs 60. Geburts­tag, zu der Die­ter Gleis­berg nobel einlud.

Von den Ein­la­dun­gen aus dem Nach­lass von L. L. wur­den für das vor­lie­gen­de Buch sol­che aus der Zeit­span­ne von 1964 bis 1989 aus­ge­wählt, die nach E. L.s aller­dings frag­li­cher Peri­odi­sie­rung »eine abge­schlos­se­ne Epo­che in der Kunst­ge­schich­te sowohl der DDR als auch der BRD darstellt«.

Ein­la­dun­gen sei­en »fran­kier­te Hoff­nun­gen«, eine wun­der­ba­re Defi­ni­ti­on von Jan Tabor für die Aus­stel­lung »Die Kunst der Ein­la­dung« (docu­men­ta IX, 1992), auf die E. L. zurück­griff und die sie erwei­ter­te, weil sie noch mehr sind: die Behaup­tung von Kunst­po­si­tio­nen, manch­mal ein­zi­ge Doku­men­ta­ti­on der Aus­stel­lung, mit Aus­kunft über den Red­ner, mit per­sön­li­chen Zei­len, die von beson­de­rer Bedeu­tung für den Künst­ler und den Aus­stel­lungs­ort spre­chen, und bei »klei­nen pri­va­ten Stu­ben- und Ate­lier­ga­le­rien in der DDR« oft einen Hin­weis geben auf »Staats­ver­dros­sen­heit« (E. L.).

Zu der ersten Ein­la­dung im Buch von 1964 zu Wie­land För­ster im Insti­tut für Leh­rer­wei­ter­bil­dung, Ber­lin-Wei­ßen­see, leg­te ich, zu die­sem Alpha ein gewis­ses Ome­ga, die Ein­la­dung von 2018 zur Aus­stel­lung »… rasch wächst das dür­re Gras Ver­ges­sen«, Wie­land För­ster und Hein­rich von Kleist, im Kleist-Muse­um Frank­furt (Oder), mit den hand­schrift­li­chen Zei­len von För­ster: »[…] Nach Geist­kämp­fen steht die Aus­stel­lung, eine Frucht 50-jäh­ri­ger, immer dem Leben und den Men­schen die­nen­der Arbeit. Mit 88 und vie­len Opfern sage ich: Ich kom­me nicht mit lee­ren Hän­den. Wer jetzt das Bei­spiel nicht sieht ist im Ban­ne dunk­ler Mäch­te: Es ist Zeit. Ihr W. För­ster«. In die­ser instän­di­gen Auf­for­de­rung, die frü­he­ren künst­le­ri­schen Lei­stun­gen zu wür­di­gen, steht auch das Buch von Elke Lang und dem Ver­le­ger Jens Henkel.

»Vom Brief­ka­sten in den Papier­korb. 72 Ein­la­dun­gen zu Kunst­aus­stel­lun­gen zwi­schen 1964 und 1989 aus dem Nach­lass von Lothar Lang«, her­aus­ge­ge­ben mit ein­füh­ren­dem Essay von Elke Lang, edi­ti­on burg­art, 108 Sei­ten, über 72 Abbil­dun­gen, 24,50 €. Noch bis Mit­te März ist im Lite­ra­tur­ka­bi­nett Altes Moor­bad, Ulmen­stra­ße 15, Bad Saa­row, die Aus­stel­lung »Vom Brief­ka­sten in den Papier­korb« mit Ein­la­dun­gen zu Kunst­aus­stel­lun­gen zwi­schen 1964 und 1989 zu sehen.