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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Brasilien an der Ostsee

»Run­ter da!«, ruft der Kerl und gesti­ku­liert so wild, dass vor Schreck ein paar Möwen auf­flie­gen. Er ist ein­deu­tig zu laut, um im Hotel­ge­wer­be zu arbei­ten. Mit schwe­ren Schrit­ten geht er auf die jun­ge Fami­lie zu. »Run­ter da!«, wie­der­holt er. Und schiebt nach: »Die Buh­nen sind nicht zum Spie­len da!«

Nun ent­larvt sich der Hin­ter­wäld­ler. Ein RoundS­nap am Strand zu knip­sen, ist doch kein Spie­len! Sei­ne Fol­lower und Friends bei Snap­chat, Tik­Tok und Insta­gram per­ma­nent mit neu­em Mate­ri­al zu ver­sor­gen, ist har­te Arbeit. Vor allem an der Ost­see, wo jeder Strand gleich aus­sieht und kaum inter­es­san­te Moti­ve bie­tet. Bol­ten­ha­gen, Küh­lungs­born, Zingst: Da sind die Düne, der Sand, das Meer. Baden geht noch nicht so rich­tig, Strand­kör­be ste­hen noch nicht und ein Sel­fie mit Cock­tail ist auch nicht drin, weil die Strand­bars noch in irgend­wel­chen Lager­hal­len lie­gen. Da blei­ben ja eigent­lich nur die Buh­nen für etwas Abwechslung.

Aber der Mann bleibt hart. Nicht wegen der Ver­let­zungs­ge­fahr: Man darf ja eigent­lich eh nicht auf die glit­schi­gen Pflöcke, weil man schnell run­ter­rut­schen kann. Der Mann aber hat etwas ganz ande­res im Sinn: »Wisst ihr, was das für eine Arbeit ist, die Din­ger einzusetzen?«

Blö­de Fra­ge. Die Din­ger sehen so zeit­los ver­wit­tert aus, dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass sie über­haupt ein­mal aus­ge­wech­selt wer­den müss­ten. Alte Reste aus der Bis­marck-Zeit, als die Leu­te an der Küste irgend­wie alle so aus­sa­hen wie das NDR-Wal­ross. Auch die Frauen.

Aber der Mann rümpft nur die Nase über so viel Unwis­sen­heit. Alle drei­ßig Jah­re müs­sen die Buh­nen aus­ge­tauscht wer­den. Fünf Rei­hen sind in die­sem Früh­jahr in War­ne­mün­de dran. Stand auch in der Zei­tung. Und das heißt: aus­bag­gern, Buh­nen lockern und raus­zie­hen und die Neu­en ein­stamp­fen. Eine rie­si­ge Plackerei.

Um den Mann ver­söhn­lich zu stim­men, heu­chelt man etwas Inter­es­se. Was wird denn da genom­men: Eiche, Kie­fer oder irgend­ein ande­res Nadel­holz? Steht ja genug im Hin­ter­land rum. Und nach den Stür­men in letz­ter Zeit … Aber er schüt­telt nur den Kopf. »Tro­pen­holz«, sagt er. »Das hält länger.«

Nun steigt man doch etwas pikiert von den Buh­nen run­ter. Wie retro ist das denn, heut­zu­ta­ge noch den Regen­wald anzu­ge­hen! Und wie frech, einem mit die­sem The­ma den Urlaub zu kon­ta­mi­nie­ren! Was kommt als näch­stes? Blut­dia­man­ten statt Bern­stein, Flücht­lings­boo­te statt Fäh­ren? Man ver­ab­schie­det sich kurz­an­ge­bun­den und lässt den Mann links lie­gen. Die Buh­nen auch. Man ist sau­er: Jetzt muss man vor zur Mole und sich vor dem Leucht­turm foto­gra­fie­ren – wie alle ande­ren auch.