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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bremer Koalitionsgeschacher, quergedacht

Ob zum Zeit­punkt des Erschei­nens der fol­gen­den Über­le­gun­gen die Prä­mis­se der­sel­ben noch gül­tig sein wird, ist eine offe­ne Fra­ge, lei­der aber wahr­schein­lich. Die Prä­mis­se lau­tet: Nach der Bre­mer Bür­ger­schafts­wahl wer­den die SPD, Bünd­nis 90/​Die Grü­nen und Die Lin­ke eine Koali­ti­on bil­den und im Stadt­staat, dem klein­sten Bun­des­land der Repu­blik, die Regie­rung bil­den. Den Regie­rungs­chef stel­len, wie seit 73 Jah­ren schon, erneut die Sozi­al­de­mo­kra­ten. CDU, FDP und AfD blei­ben, wie bereits vor der Wahl, wei­ter in der Opposition.

Das Zustan­de­kom­men der SPD/­Grü­ne/­Lin­ke-Koali­ti­on wird in der Poli­tik einer­seits als lin­kes Bünd­nis gefei­ert, ande­rer­seits als Bür­ger­schreck bearg­wöhnt. »Rot-Rot-Grün« bezie­hungs­wei­se »Rot-Grün-Rot« oder »R2G« – so das von den Medi­en beden­ken- und gedan­ken­los ver­brei­te­te emble­ma­ti­sche Fir­men­schild der Bre­mer Liai­son – könn­te rich­tung­wei­send sein für die Bil­dung einer künf­ti­gen Bun­des­re­gie­rung in Ber­lin. Ein lin­ker Ruck wird von den einen erhofft. Vor einem roten Desa­ster wird auf der ande­ren Sei­te gewarnt.

Aber wor­um geht es?

The­se 1: Das Zusam­men­ge­hen der drei Par­tei­en wird die Hoff­nung nicht erfül­len, die aus fort­schritt­li­cher Sicht damit ver­bun­den ist. Von einem lin­ken Bünd­nis kann nicht die Rede sein. Die SPD ist neo­li­be­ral aus­ge­rich­tet, nicht links. Das war ein­mal. Die Grü­nen waren nie links. Ihr öko­lo­gi­scher Ansatz ver­kennt die gesell­schaft­li­chen Wider­sprü­che und lenkt ab von den pro­fit­wirt­schaft­li­chen Ursa­chen der Grün­de für den Kli­ma­wan­del. Im dop­pel­bö­di­gen Inter­es­se west­li­cher Wer­te befür­wor­ten sie Krie­ge. Ihr angeb­li­cher Inter­na­tio­na­lis­mus beschränkt sich auf das Will­kom­men­hei­ßen jener Geflüch­te­ten, die auf dem Weg nach Euro­pa nicht ver­hun­gern, in Lagern fest­ge­hal­ten wer­den oder ertrinken.

The­se 2: Fatal ist die Bereit­schaft der Par­tei Die Lin­ke, dem in der vor­aus­ge­gan­gen Legis­la­tur­pe­ri­ode schon bestehen­den und bei der Bür­ger­schafts­wahl durch Stim­men­ver­lust abge­straf­ten SPD/­Grü­ne-Bünd­nis zu einer Regie­rungs­mehr­heit zu ver­hel­fen. Die Lin­ke erlaubt der SPD und ihrer Ver­bin­dung mit den Grü­nen ein »Wei­ter so« wie bis­her. Weder zwingt sie die SPD, sich an der Sei­te der Lin­ken in der Oppo­si­ti­ons­rol­le zu erneu­ern. Noch lei­stet sie einen Bei­trag zur Offen­le­gung der Macht­ge­lü­ste des bür­ger­li­chen Flü­gels der Grü­nen und ihrer not­wen­di­gen Ent­lar­vung an der Sei­te der CDU.

The­se 3: Die Regie­rungs­be­tei­li­gung der Links­par­tei als klein­ster der Koali­ti­ons­part­ner wird deren sozia­li­sti­sches Pro­fil auf abseh­ba­re Wei­se noch wei­ter ent­schär­fen und ver­ne­beln, statt es zu ent­wickeln und als eine ech­te poli­ti­sche Alter­na­ti­ve deut­lich wer­den zu las­sen. Eine durch not­wen­di­ge Zuge­ständ­nis­se in der Koali­ti­on mit SPD und Grü­nen ver­wäs­ser­te Pro­gram­ma­tik wird Die Lin­ke in den Abwärts­stru­del der SPD mit hin­ein­zie­hen und ihr scha­den. Das trägt bei zur Auf­wer­tung der Grü­nen einer­seits und der AfD zum ande­ren. Abzu­war­ten bleibt, ob die CDU, aber­mals in der Oppo­si­ti­ons­rol­le, wie­der zurück­fällt in ihre Rol­le der kläf­fen­den Hun­de, die nicht beißen.

The­se 4: Die Links­par­tei könn­te in der Oppo­si­ti­on erstar­ken und zusam­men mit sozia­len Bewe­gun­gen und Gewerk­schaf­ten Druck auf eine Regie­rung aus CDU, Grü­nen und FDP aus­üben. Statt in Regie­rungs­kom­pro­mis­se ein­ge­bun­den zu sein und poli­tisch gelähmt zu wer­den, könn­te sie bei künf­ti­gen Wah­len sogar gegen­über der SPD an Pro­fil und Stim­men gewinnen.

The­se 5: Der auf die Regie­rung aus­ge­üb­te gesell­schaft­li­che Druck durch Die Lin­ke wür­de ver­stärkt wer­den, wenn auch die SPD aus der Oppo­si­ti­ons­rol­le her­aus und an der Sei­te der Lin­ken wie­der mehr zu einer Poli­tik bereit ist, die sich aus­zeich­net durch die Nähe zu jenen Bevöl­ke­rungs­grup­pen, deren Ver­trau­en und Zustim­mung sie seit Hartz IV immer mehr ver­spielt hat.

The­se 6: Sozi­al­de­mo­kra­ten und Lin­ke in der Oppo­si­ti­on bil­den einen star­ken anti­fa­schi­sti­schen, gegen die AfD in der Oppo­si­ti­on agie­ren­den Block. Wenn sich das Oppo­si­ti­ons­la­ger jedoch aus CDU und FDP zusam­men mit der AfD rekru­tiert, kann sich ten­den­zi­ell ein rech­ter Block bil­den und an poli­ti­scher Stär­ke gewin­nen. Die Gefahr des Zusam­men­ge­hens und einer künf­ti­gen gemein­sa­men Regie­rung von CDU und Rech­ten soll­te bedacht wer­den, um nicht einer Ent­wick­lung wie in der Wei­ma­rer Repu­blik Vor­schub zu leisten.

The­se 7: Eine Regie­rungs­ko­ali­ti­on aus CDU und Grü­nen wür­de zunächst bedeu­ten, dass die bei­den Par­tei­en den Regie­rungs­auf­trag ernst neh­men, der ihnen als Stim­men­ge­win­nern der Bre­mer Bür­ger­schafts­wahl erteilt wur­de. Wenn sie dem Auf­trag nicht ent­spre­chen, miss­ach­ten die Grü­nen den von der Wäh­ler­schaft signa­li­sier­ten Wil­len zum Wan­del. Schäd­lich für das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung in das poli­ti­sche System ist das Abwei­chen von der par­la­men­ta­risch-demo­kra­ti­schen Gepflo­gen­heit, dass die Par­tei mit den mei­sten Wäh­ler­stim­men, also die CDU, dar­aus den Auf­trag zur Regie­rungs­bil­dung ablei­ten kann. In Gestalt der Bre­mer SPD erhebt die zweit­stärk­ste Par­tei den Anspruch auf die Regierungsbildung.

The­se 8: Eine CDU/­Grü­ne-Regie­rung wür­de in logi­scher Wei­se die bis­he­ri­ge poli­ti­sche Ent­wick­lung bei­der Par­tei­en (in Bre­men und im Bund) fort­set­zen. Der Pro­zess lässt sich als die kon­ser­va­ti­ve Eta­blie­rung der Grü­nen und die öko­lo­gi­sche Moder­ni­sie­rung der Christ­de­mo­kra­ten umschrei­ben – bei­des, wohl­ge­merkt, zwar erkenn­bar im Inter­es­se kapi­ta­li­sti­scher Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se (was auch für SPD/​Grüne/​Linke gilt), aber auch gebun­den an deren kri­sen­haf­ten Nie­der­gang (auf den nur eine lin­ke, das heißt mar­xi­sti­sche Par­tei die ange­mes­se­ne Ant­wort geben kann).

The­se 9: Und die FDP? Wenn CDU und Grü­ne in zen­tra­len Fra­gen der künf­ti­gen Regie­rungs­po­li­tik über­ein­stim­men, bestehen zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der die Frei­de­mo­kra­ten betei­li­gen sich als klein­ster (und ent­spre­chend beschei­de­ner) Part­ner an den von den Vor­stel­lun­gen der bei­den Gro­ßen aus­ge­han­del­ten Bünd­nis­ver­ein­ba­run­gen. Oder sie ver­wei­gern sich – und die bei­den Gro­ßen haben den Mut zu einer Minderheitsregierung!

The­se 10: Bei einer CDU/­Grü­ne-Min­der­heits­re­gie­rung in Bre­men besteht die Chan­ce, dass sozia­le und Arbeit­neh­mer­the­men aus der Oppo­si­ti­on her­aus auf die Tages­ord­nung gebracht wer­den kön­nen. Falls sich CDU und Grü­ne auf eine sozia­le Poli­tik mit mehr Gerech­tig­keit und Demo­kra­tie ver­stän­di­gen wür­den, kön­nen SPD und Lin­ke das bei Abstim­mun­gen als Oppo­si­ti­on unterstützen.

The­se 11: Auch auf Bun­des­ebe­ne wäre es wün­schens­wert, wenn die geschwäch­te SPD sich in der Oppo­si­ti­on von ihrem Abstieg erholt, sich grund­sätz­lich erneu­ert, Ver­trau­en gewinnt und zusam­men mit der Par­tei Die Lin­ke ein sozia­li­sti­sches Pro­gramm ent­wickelt. Auf die­ser Grund­la­ge hät­ten bei­de Par­tei­en eine Chan­ce, bei künf­ti­gen Bun­des­tags­wah­len eine gemein­sa­me Mehr­heit zu erobern. Dage­gen ist eine füh­ren­de Rol­le der SPD in Zukunft nicht zu erwar­ten, wenn sie sich ent­we­der gegen Die Lin­ke (wie in der Gro­Ko) oder mit Hil­fe der Grü­nen und Lin­ken (wie in Bre­men abseh­bar) positioniert.

The­se 12: Die Lin­ke muss sich bei jeder Regie­rungs­be­tei­li­gung die Fra­ge stel­len, wer dabei gewinnt: die Par­tei­re­prä­sen­tan­ten (durch per­sön­li­chen Macht­ge­winn) oder die­je­ni­gen, wel­che die Par­tei reprä­sen­tiert (innen­po­li­tisch durch die Bei­be­hal­tung und Ver­bes­se­rung sozia­ler Stan­dards und demo­kra­ti­scher Rech­te sowie außen­po­li­tisch durch die Erhal­tung bezie­hungs­wei­se Wie­der­ge­win­nung des Frie­dens). Nur im Inter­es­se Letz­te­rer – der gro­ßen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit – ist das Mit­re­gie­ren legitim.