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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Buchtüten

Fast jeder von uns rei­tet irgend­ein Stecken­pferd oder frönt einer Sam­mel­lei­den­schaft. Brief­mar­ken, Bier­deckel, Sam­mel­tas­sen, Ansichts- oder Auto­gramm­kar­ten – die Liste der Samm­ler­ob­jek­te lie­ße sich sei­ten­lang fort­füh­ren. Doch was sam­melt eigent­lich ein Bücher­mensch, ein Ver­le­ger? Natür­lich Bücher. Nicht so der Leip­zi­ger Ver­le­ger Mark Lehm­stedt. Zumin­dest nicht allein. Sei­ne heim­li­che Lei­den­schaft sind Buch­tü­ten. Buch­tü­ten? Das ist jenes Ver­packungs- und Trans­port­me­di­um, in dem wir Nor­mal­le­ser unse­re gera­de erstan­de­nen Bücher­schät­ze nach Hau­se tra­gen. Zumin­dest frü­her. Heu­te sind sie im Zeit­al­ter der Nach­hal­tig­keit fast aus der Mode gekommen.

Als Weg­werf­pro­dukt hat die Buch­tü­te wie ande­re all­täg­li­che Ver­brauchs­ma­te­ria­li­en nur eine kur­ze Lebens­dau­er: vom Ver­kaufs­tre­sen des Buch­händ­lers bis zum hei­mi­schen Papier­korb. Frü­her mas­sen­wei­se pro­du­ziert, sind die mei­sten Buch­tü­ten durch ihren Abfall­cha­rak­ter heu­te Uni­ka­te. Dabei doku­men­tie­ren sie wie Ver­lags­ka­ta­lo­ge, Pro­spek­te oder Pla­ka­te anschau­lich Buchhandelsgeschichte.

Vor rund zwan­zig Jah­ren fass­te Lehm­stedt den Ent­schluss, Buch­tü­ten zu sam­meln. Zunächst fiel die Ent­schei­dung nicht schwer, denn die Tüten und Beu­tel, um die es ging, bean­spruch­ten wenig Platz und stell­ten auch kei­ne beson­de­ren Anfor­de­run­gen an die Trag­fä­hig­keit eines Regals. Mit­un­ter wur­de er jedoch in Buch­hand­lun­gen oder an Mes­se­stän­den befremd­lich ange­se­hen, wenn er frag­te: »Haben Sie Tüten?« Ein­mal Blut geleckt, hat er mit einem Rund­schrei­ben auch etwa 1500 Buch­hand­lun­gen und etwa 500 Ver­la­ge zur Unter­stüt­zung sei­ner Samm­lung gebeten.

Obwohl sich Lehm­stedt auf Buch­tü­ten beschränk­te, die mit ihren Wer­be­auf­drucken irgend­ei­nen Bezug zur Welt Guten­bergs hat­ten, ist in die­sen zwan­zig Jah­ren eine statt­li­che Samm­lung von über 3000 Exem­pla­ren ent­stan­den, die in den Bestand des Deut­schen Buch- und Schrift­mu­se­ums der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek über­ge­gan­gen ist. In Koope­ra­ti­on mit der Natio­nal­bi­blio­thek hat der Ver­le­ger nun eine Publi­ka­ti­on her­aus­ge­bracht, die einen Über­blick über die ver­blüf­fen­de Viel­falt der Moti­ve und Gestal­tung der Buch­tü­ten gibt. Obwohl mehr als 550 Objek­te in der Neu­erschei­nung abge­bil­det wer­den, han­delt es sich nur um ein Sech­stel sei­ner umfang­rei­chen Samm­lung. Die Abbil­dun­gen ver­su­chen auch nicht zu ver­schlei­ern, dass es sich um Gebrauchs­ar­ti­kel mit Alte­rungs­er­schei­nun­gen handelt.

Zum Schluss äußert Lehm­stedt natür­lich die Bit­te an die Lese­rin­nen und Leser: »Soll­ten Sie Buch­tü­ten haben, also Tüten, Beu­tel, Tra­ge­ta­schen, oder wie immer man sie nen­nen will, neu oder alt, gebraucht oder unbe­nutzt, die irgend­ei­nen Bezug zur Bücher­welt besit­zen und für die Sie kei­ne Ver­wen­dung haben«, wür­de er sich freu­en, wenn man sie ihm (und spä­ter dem Deut­schen Buch- und Schrift­mu­se­um) zur Ver­fü­gung stellt.

Mark Lehm­stedt: Buch­tü­ten – Wer­bung für das Buch, Lehm­stedt Ver­lag, Leip­zig 2021, 120 S., 20 €.